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Was Ratten stark macht

Fast ein Fall für den Tierschutzverein, was der Mainzer Verhaltensforscher Rudolf Bilz mit wilden Wanderratten veranstaltete - nur um zu beweisen, dass auch Tiere das Prinzip Hoffnung kennen. Er warf die Nager in einen Wasserkessel mit glatten Wänden - keine Chance zur Flucht. Nach 15 Minuten segneten die Ratten das Zeitliche, obwohl sie gut schwimmen können. Todesursache: Panik.
Fast ein Fall für den Tierschutzverein, was der Mainzer Verhaltensforscher Rudolf Bilz mit wilden Wanderratten veranstaltete - nur um zu beweisen, dass auch Tiere das Prinzip Hoffnung kennen. Er warf die Nager in einen Wasserkessel mit glatten Wänden - keine Chance zur Flucht. Nach 15 Minuten segneten die Ratten das Zeitliche, obwohl sie gut schwimmen können. Todesursache: Panik.

Neuer Tag, neue Ratte, neuer Versuch. Der einzige Unterschied: Nach fünf Minuten lehnte der Forscher eine Holzstange an die Kesselwand, so dass die Ratte hinausklettern konnte. Wurde sie später noch einmal in den Kessel geworfen, so paddelte sie ruhig durchs Wasser, immer in der Hoffnung, früher oder später den rettenden Stab zu entdecken. 80 Stunden hielten die Hoffnungsratten durch, 320 Mal länger als ihre Artgenossen ohne Stange im Sinn

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Was Manager lernen können

Wer sich abstrampelt, muss wissen wozu. Das gilt für Ratten wie für Mitarbeiter eines Unternehmens. In brenzligen Situationen ist es deshalb für Führungskräfte ein absolutes No-No, mit ihrem Team mitzujammern. Ruhe bewahren, Bedenken zerstreuen, Zuversicht verbreiten - das sind die Disziplinen im Krisen-Dreikampf. Noch besser, wenn Chefs ihre Mitarbeiter dazu ermutigen, die Ärmel aufzukrempeln. Denn wer selbst gegen eine Bedrohung anschwimmen kann, fühlt sich nicht mehr ausgeliefert

Mit "Tschakkaaaa - du schaffst es"-Rufen ist es jedoch nicht getan. Nur wenn Mitarbeiter schon einmal erfahren haben, dass sie aus eigener Kraft Schwierigkeiten überwinden können, sind Durchhalteparolen sinnvoll. Andernfalls verspielt das Management seine Glaubwürdigkeit - und für eine Lügentruppe mag sich niemand mehr ins Zeug legen

Wer es umsetzt

1999 war der japanische Autokonzern Nissan praktisch pleite. Mit dem fatalistischen Gleichmut eines Schwerkranken erwarteten die Mitarbeiter das Ende, als der brasilianisch-französische Krisenmanager Carlos Ghosn unerwartet neue Hoffnung säte. Sein Sanierungsplan klang schmerzhaft, überzeugte aber gerade deshalb die des Stillstands überdrüssigen Japaner. Auch seine unerschütterliche Zuversicht, den Konzern innerhalb von drei Jahren wieder auf die Beine zu bringen, beeindruckte sie.

Vor allem aber schärfte er den Mitarbeitern ein, dass der Erfolg seiner Therapie von ihnen selbst abhinge. "Ghosn versteht es, den Leuten das Gefühl zu geben, dass nichts unmöglich ist, was er verlangt", beschreibt ihn ein Managerkollege. Tatsächlich war Nissan schon ein Jahr früher saniert als geplant. Carlos Ghosn ist heute der berühmteste Ausländer Japans und hat es mittlerweile sogar bis zur Comicfigur gebracht - eine der höchsten Würdigungen in Japan überhaupt.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.03.2004