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Was lehren Sie eigentlich, Christiane zu Salm?

Das Interview führte Christoph Mohr
Christiane zu Salm (* 1966), bekannt als erfolgreiche Deutschland-Managerin des Musiksenders M-TV, ist seit März 2001 Vorstandsvorsitzende der Euvia Media AG, die den TV-Sender Neun Live betreibt, den Sender, dem die bösen Zungen vom Spiegel nachsagen, er sei ein "fröhlich-dilettantischer Praktikantenkanal, der die Zuschauer mit allen programmlichen Mitteln dazu bringen will, seine teurer 0190-Nummern anzuwählen".
Darüber hinaus leitet zu Salm ihr eigenes, auf Soundtracks spezialisiertes Medienunternehmen Media Branding. Das World Economic Forum kürte sie in diesem Jahr zu einem der "Global Leaders for Tomorrow" (siehe www.karriere.de/glt).An der Berliner Universität der Künste hat sie einen Lehrauftrag in Medienmanagement.

Die besten Jobs von allen

Frage: Frau zu Salm, Sie haben einen herausfordernden Management-Job, wo Sie beweisen müssen, dass mit einem völlig neuen Geschäftsmodell - gebührenpflichtige Anrufe - Geld im TV zu verdienen ist. Sie haben darüber hinaus noch andere geschäftliche Aktivitäten. Warum jetzt auch noch ein arbeitsaufwändiger Lehrauftrag, der sie immerhin einen Arbeitstag pro Monat kostet?Der Kontakt und Dialog mit den Studenten ist mir sehr wichtig, weil hier eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation stattfindet, die der berufliche Alltag vermissen lässt. Ich biete das theoretische Seminar ?Medienmanagement über Unterschiede? entlang der LuhmannŽschen Differenztheorie an und trete selber einmal gerne einen Schritt zurück, um mein tägliches Tun mit der Theorie zu vergleichen. Darüber hinaus möchte ich den Studenten die Chance geben, mit mir kontrovers zu diskutieren, was aus der Theorie in die Praxis umsetzbar ist. Schließlich dreht sich alles um die Machbarkeit der Dinge.Frage: Wie interessant ist ein solcher Lehrauftrag finanziell?Gar nicht. Ich erhalte keinerlei Bezüge von der UdK Berlin und möchte auch keine haben. Vielmehr motiviert mich der idealistische Gedanke, etwas von meinem Erfolg an den Nachwuchs weiterzugeben.Frage: Sie lehren Medienmanagement, aber ein Blick auf die Themenliste Ihrer Veranstaltung verrät, dass es sich eigentlich um ein Seminar in Medientheorie handelt. Was wollen Sie Ihren Studenten vermitteln? Anders gesagt: Was lehren Sie eigentlich?Theorie als Grundlage, mindestens aber als Reflektionsebene dessen, was man in der Praxis tut - dieses Spannungsfeld halte ich für eine sinnvolle Herangehensweise an Medienmanagement. Mir ist wichtig, dass die Studenten von Medientheoretikern und Sozialphilosophen wie Luhmann und Habermas, Kittler und Flusser, McLuhan und Baudrillard wissen, deren Ansätze kennen und so mit einen theoretischen Bezugsrahmen ausgestattet sind, wenn es um mediengeschichtliche Einordnung, Beurteilung und das Management von heutigen Medien wie RTL oder Home Shopping Europe geht. Damit einher geht die Aufforderung, die Dinge grundsätzlich zu hinterfragen. Sie können sich vorstellen, dass wir schon zu spannenden Schlussfolgerungen gekommen sind.Frage: In der Ankündigung Ihrer Lehrveranstaltung heißt es: "Um ein Medium managen zu können, muss man seine Geschichte kennen. Und muss sich für beides interessieren: Theorie und Praxis." Was haben Sie aus der Geschichte und Theorie des Mediums Fernsehen für Ihren gegenwärtigen Job gelernt?Dass es eher soziologische und biologische Kräfte sind als die reine technologische Weiterentwicklung, die die Nutzung von Medien bestimmt. Nehmen Sie das Internet: Als der Boom losbrach hatten alle Sorge um ihre Werbeerlöse, Abonnenten und Verkaufszahlen. Man ging sogar soweit zu sagen, dass das Internet andere Medien wie Fernsehen und Print ersetzen würde. Wie wir heute wissen, ist dies nicht der Fall und wird auch auf absehbare Zeit nicht so sein. Warum? Weil das menschliche Gehirn bei weitem nicht so schnell lernt wie die Technik uns Angebote unterbreitet.Ein Angebot wie Neun Live, bei dem die beiden herkömmlichen Instrumente Telefon und Fernsehen miteinander verbunden werden, ist genau vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis entstanden: Telefonieren ist von der breiten Masse gelernt. Im Mai haben 17 Millionen Zuschauer bei uns angerufen. Ich glaube nicht, dass wir so viele Klicks bekommen hätten - ganz abgesehen davon, dass noch keiner weiß, wie damit Geld zu verdienen ist.Frage: Ihr Seminar, sagen Sie, "soll eine Form des Medienmanagements nahe bringen, das über duale Codes funktioniert". Was, um Gottes Willen, sind "duale Codes"? Und sollen wir wirklich glauben, dass Sie das brauchen, um Neun Live zu managen"?Mit ?dualen Codes? ist das binäre System gemeint. 0 und 1. Und damit sind wir wieder beim Medienmanagement über Unterschiede. Unterscheidungen helfen zu differenzieren und schnell Entscheidungen herbeizuführen. Das ist eine wichtige Grundlage für einen täglichen Entscheidungsprozess. Man muss Informationen verdichten, um letztlich einer 0/1 - Lösung nahe zukommen . Sie können es auch Reduktion von Komplexität nennen.Die Vorlesung ist ebenfalls nach diesem Schema strukturiert. Auf der einen Seite möchte ich den Studenten den Alltag des Fernsehgeschäftes nahe bringen, auf der anderen Seite soll genau dieser über die Theorien überdacht und in Frage gestellt werden.Am Ende des Seminars werden die Studenten gebeten, ein Konzept für einen marktfähigen Fernsehsender zu entwerfen. Hier fließen dann Ideen aus den vorgestellten Theorien ein. Die Ergebnisse des letzten Semesters waren beeindruckend.Frage: Luhmann und Habermas sind Ihre immer wieder zitierten "Hausphilosophen". Wie gut kennen Sie deren Arbeiten wirklich?Natürlich kenne ich sie nur bruchstückhaft. Aber es reicht aus, um die LuhmannŽsche Autopoiesis auf Unternehmensorganisation und - führung anzuwenden. Die Werke der Herren haben mich während meiner Diplomarbeit begleitet . Hierbei ging es um die Integration ostdeutscher Firmen in westdeutsche Käuferunternehmen. Das Ganze kann man in Zahlen ausdrücken - oder auch im Lichte von inkommensurablen, also unvereinbaren Lebenswelten und systemtheoretischen Ansätzen zur Selbstorganisation (die wiederum der Biologie entstammen).Frage: Warum gerade Luhmann und Habermas?Der Ansatz Luhmanns, die gesamte Wirklichkeit im Rahmen einer universalen theoretischen Konstruktion zu erfassen und in einzelne soziale Untersysteme zu untergliedern, ist für mich der wichtigste, wenn man sich mit Massenmedien und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft beschäftigen möchte. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass ich alles von ihm verstanden habe! Luhmann ist so was wie eine lebenslange geistige Herausforderung.Frage: Man darf vermuten, dass für Jürgen Habermas, den Vordenker des "kommunikativen Handelns", interaktives Fernsehen etwas anders aussehen würde als Neun Live. Haben Sie jemals mit ihm darüber gesprochen?Nein, leider nicht. Wahrscheinlich wären seine Entwürfe radikaler und noch mehr auf die Souveränität des Zuschauers als Partner in der Kommunikation abgestimmt. Jedoch lassen sich diese Ansätze momentan technisch noch nicht verwirklichen. Hier läuft ausnahmsweise die Technik hinter Herrn Habermas her.Frage: Die Universität der Künste mit ihrer hochqualifizierten Ausbildung darf als Talentpool gelten. Wie wichtig ist für Sie bei Ihrem Lehrauftrag der Aspekt der Nachwuchsrekrutierung für Ihr Unternehmen?Meine Lehrtätigkeit sehe ich nicht in erster Linie als Rekrutierungsveranstaltung. An der UdK befindet sich allerdings hervorragender Nachwuchs, der sich durch besondere Kreativität auszeichnet und für jedes Unternehmen interessant ist. Neun Live betreut inzwischen mehrere Diplomanden.Frage: Sie investieren erstaunlich viel Zeit in Ihren Lehrauftrag. Können Sie sich vorstellen, dass daraus einmal mehr wird - eine "richtige" Professur - und Sie das Medienmanagement an den Nagel hängen?Das Gestaltenkönnen der Medienpraxis, die Entwicklung einer ganz neuen Art des Fernsehens, das ständige Erneuernkönnen - das liegt mir schon sehr am Herzen. Theorie ganz ohne Praxis - das kann ich mir nicht vorstellen. Dass ich - zumindest ansatzweise - beides machen kann, das empfinde ich als großes Privileg.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.07.2002