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Was Eliten auszeichnet

Im Juni fand in Berlin eine Konferenz statt. Die Teilnehmer kamen aus Frankreich, England und Deutschland. Einig war sich dieser Kreis darin, dass wir in einer Schwellenzeit leben, der Zeit der digitalen Revolution, die zugleich eine Revolution der Kommunikation bedeutet.
Im Juni fand in Berlin eine Konferenz statt. Die Teilnehmer waren Politiker, Wissenschaftler, Historiker, Journalisten, Manager und Wirtschaftsexperten. Sie kamen aus Frankreich, England und Deutschland. Einig war sich dieser Kreis darin, dass wir in einer Schwellenzeit leben, der Zeit der digitalen Revolution, die zugleich eine Revolution der Kommunikation bedeutet. Walter Benjamin sagte einmal: Wenn sich die kommunikativen Grundlagen ändern, ändern sich die gesellschaftlichen Strukturen unseres Lebens. Es stand die Frage im Raum, welche Bedeutung Eliten in einem solchen historischen Moment zukommt.

Interessant, wie unterschiedlich über Eliten gesprochen wurde. Am leichtesten taten sich die Franzosen. Natürlich reklamiert die Grande Nation dieses Wort für sich. Denn es stammt von elire - wählen, auswählen. Interessant die Position der Engländer: Mit dem französischen Begriff können sie wenig anfangen. Für sie zählen zwei Worte: Leadership und Responsibility - Führung und Verantwortung. Wir leben nicht nur in einer Zeit des Umbruchs, sondern, was unser Land angeht, auch in einer tiefen Krise. Über fast ein Jahrhundert hat dieses Land über Patente und Erfindungen verfügt, waren unsere Hochschulen und Universitäten, unsere Ingenieure, Unternehmen und Wissenschaftler Weltspitze.

Die besten Jobs von allen


Welcher Motor ist hier ins Stottern geraten? Eine Weltfirma wie Hewlett-Packard meldet täglich elf Patente an. Wieso zieht es die besten der jungen Wissenschaftler fast magisch in die USA? Wieso ist außer SAP die gesamte Schlüsselindustrie - die Informationstechnologie - in amerikanischer Hand? Auf dem Gebiet der Biotechnologie schaut es nicht anders aus. Es fehlt nicht an jungen Genies in unserem Land. Aber das Umfeld hier ist so ganz anders als in den USA.

Da schreibt ein genialer Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft eine Software, die die gesamte Musikindustrie verändern wird, und nennt sie MP3. Das Forschungsinstitut, dem er angehört, ist eines der besten in Deutschland und wird weitgehend aus Steuergeldern gespeist. Es ist die gleiche Software, aus der ein paar Jahre später in Kalifornien Apple-Chef Steve Jobs seinen iPod entwickelt. Was läuft hier schief zwischen solch exzellenten Forschungszentren und unserer Wirtschaft? Wieso schenkt Deutschland so etwas einfach her? Woran liegt es, dass wir uns so schwer tun mit dem Aufbruch, mit der Innovation, mit dem neuen Denken?

Unser Grundproblem ist, dass die entscheidenden Führungsebenen in diesem Land nach wie vor kaum miteinander kommunizieren. Wissenschaft und Hochschulen bleiben unter sich und erleben politische Führung nur als Kontrolle oder Kostendruck. Und die Wirtschaftseliten leben nach wie vor wie in einem selbstreferenziellen System.

Ich bin kein naiver Verehrer des amerikanischen Volkes, aber um aufzuzeigen, was in den USA anders läuft, hier einige Beispiele aus dem Silicon Valley: Der geistige Kopf von Intel heißt Andy Grove. Als ich ihn in seiner Firma besuchte, sagte er, er käme gerade von der Stanford Universität, wo er die Studenten, die ihm in der Entwicklung der Technologie aufgefallen seien, gleich mitgenommen habe. Und ist es nicht kurios, dass eine weltweit bekannte Firma wie SUN nichts anderes heißt als Stanford University System und dass sie - noch kurioser - von einem Deutschen aus Bayern namens Andreas von Bechtholsheim, der in den 80er Jahren in die USA ging, groß gemacht wurde? Was amerikanische Eliten auszeichnet und was sie allen voraushaben, ist, dass sie durchlässig und vernetzt sind: Von der Universität geht man in die Wirtschaft, von der Politik an die Universität. Der heutige Chef von Harvard, Larry Summers, war lange Zeit Chef der Finanzen in der US-Regierung. Und einer der erfolgreichsten Manager eines Life-Sciences-Unternehmens wird zum Berater des amerikanischen Präsidenten werden im weltweiten Kampf gegen Aids und andere Epidemien. Gerade High Potentials sollten früh die Chance erhalten, Verantwortung zu übernehmen.

Nur wenn es uns gelingt, zwischen den unterschiedlichen Eliten unseres Landes Vernetzung und Durchlässigkeit zu erreichen, entstehen auch die Produkte und Dienstleistungen, für die wir im Weltmarkt hohe Preise erzielen können. Spitzenpreise bekommt man nur, wenn die Produkte der Industriegesellschaft mit den Erkenntnissen der zukünftigen Wissensgesellschaft verbunden werden. Wie sagen die Amerikaner: connect the unexpected and you get innovation.

Das wäre fast schon ein schöner Schluss, wenn da nicht ein Rest von Unbehagen bleiben würde. Nehmen wir die ökonomische Elite. Wie geachtet waren die Wirtschaftsführer einst, und warum sind sie in den Augen vieler ein Symbol für Raffgier und hemmungslose Bereicherung geworden? Der "pursuit of happiness", von dem Thomas Jefferson sprach, führt nur dann zum Glück, wenn er auch die anderen mit einbezieht. Für erfolgreiche Menschen, die keine Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen, tue ich mich mit dem Begriff Eliten schwer. Nur wenn zur individuellen Leistung auch Verantwortung kommt, sprechen wir von Führungspersönlichkeiten, von wirklicher Elite.

Hubert Burda, 64, ist einer der größten Zeitschriftenverleger Deutschlands (Focus, Bunte). Der promovierte Kunsthistoriker engagiert sich auch vielfältig als Förderer gesellschaftsrelevanter Projekte.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.10.2004