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Was bringt der Titel?

Liane Borghardt
Foto: Rainer Holz
Promovieren oder nicht promovieren? Das ist die Frage, die sich jeder zweite Hochschulabsolvent irgendwann stellt. Das akademische Adelsprädikat kann Karrierewege ebnen oder erschweren.
?Da steh' ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Heiße Magister, heiße Doktor gar...", so die schmerzliche Erkenntnis von Goethes Faust. Seine Nachwelt hinterlässt er ratlos: Für wen lohnt sich die Dissertation? Die Antwort weiß Manfred Bausch von der Zentralen Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn: ?Es kommt ganz darauf an."

Für eine akademische Laufbahn sowie in bestimmten Studienfächern sei die Promotion aus Sicht der Arbeitgeber Teil der Ausbildung und damit unerlässlich. ?Dies ist etwa bei Chemikern und Biologen der Fall - genauer gesagt: Naturwissenschaftlern, die in Forschung und Entwicklung arbeiten. Ebenso kommen Mediziner nicht um die Dissertation herum, wenn sie eine Karriere in Wissenschaft oder Klinik anstreben", sagt der Arbeitsmarktexperte.

Die besten Jobs von allen


Mit Hut in den Vorstand
Den Geisteswissenschaftlern empfiehlt Bausch, ihre Entscheidung genau abzuwägen. ?Wenn sie mit 26 Jahren ihr Studium beenden und dann noch promovieren, haben sie gegenüber Mitstreitern in der Privatwirtschaft zwei Makel: ein wenig marktgängiges Fach sowie ein hohes Eintrittsalter. Und Stellen in der Wissenschaft sind knapp."

Auch für Ingenieure, Juristen und Betriebswirte gehöre der Doktorhut nicht zwingend zur Ausstattung. ?Wenn das langfristige Berufsziel allerdings der Vorsitz eines Unternehmens ist oder allgemein mit Repräsentation zu tun hat, ist die Promotion sinnvoll." Ein Indiz dafür: Gut die Hälfte aller Geschäftsführer und Vorstände in Deutschland besitze höhere akademische Weihen. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass sich in den Spitzenetagen Doktores aller Fachrichtungen sammeln; BWL- und Jura-Docs mischen sich mit promovierten Naturwissenschaftlern und Ingenieuren.

Für Tüftler und Kontakter
Achim Oettinger, bei der Personalberatung Access für Bewerberauswahl und Karriereservice zuständig, bringt die Frage nach Sinn oder Unsinn der Promotion auf eine einheitliche Formel – unabhängig von der Studienrichtung. ?Eine Doktorarbeit ist immer dann vorteilhaft, wenn ein Akademiker eine wissenschaftsnahe Tätigkeit anstrebt. Das kann genauso der Chemiker sein, der für ein Unternehmen Produkte entwickelt, wie der VWLer, der in der Research-Abteilung einer Bank arbeitet."

Für einen Physiker in der Datenverarbeitung dagegen sei die Promotion verzichtbar. ?Außerdem macht der Doktortitel bei Einsatzgebieten Sinn, wo Kundenkontakt besteht: Man vertraut darauf, dass jemand sorgfältig und ausdauernd arbeitet", meint Oettinger.

Traditionssiegel Doc
24.545 Ex-Studenten – und damit jeder zehnte Hochschulabsolvent – haben 1999 ihre Promotionsprüfung bestanden, weiß das Statistische Bundesamt; das sind rund 400 frisch Promovierte mehr als zwei Jahre zuvor. Gut ein Drittel waren Mediziner, knapp ein Drittel bildeten Naturwissenschaftler plus Mathematiker. Auf Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften entfielen gut zwölf Prozent.

Die Quote der vergangenen Jahre zeigt: Der Anreiz, zu promovieren, ist nicht geringer geworden. ?Im Gegenteil. Die Hochschulabschlüsse von Bewerbern sind heute so variabel, dass Personalverantwortliche kaum mehr wissen, welche Ausbildung sich dahinter verbirgt. Der Doktor hingegen ist ein traditioneller, einschätzbarer Wert", sagt der Münchener BWL-Professor Dr. Dr. Manuel René Theisen.

Auch MBA-Programme konkurrierten nicht mit der Promotion, sondern bedeuteten je nach Karriereplanung eine gleichwertige Alternative.

Wer mit dem Gedanken spielt, ein MBA-Programm zu absolvieren, muss jedoch wissen: Der Abschluss, den irgendein Privatinstitut vergibt, zählt nicht. ?Voraussetzung ist, dass der MBA an einer renommierten Business School erworben wurde", betont Bausch von der ZAV.

Wie bei der Erwägung einer Promotion stelle sich auch hier zunächst die Frage: Wo will ich beruflich hin – ein Unternehmen nach außen vertreten, im In- oder Ausland arbeiten? ?Für Managementpositionen in internationalen Konzernen ist der MBA interessant, für das mittelständische Unternehmen weniger", so Bausch.

Juristen kann neben dem ?Dr. jur." auch das angloamerikanische Gegenstück, der Master of Law (LLM), hilfreich sein, um bei einer internationalen Großkanzlei zu landen. ?Hat ein Bewerber keine Prädikatsexamen vorzuweisen, können der Dr. oder der LLM dies unter Umständen ausgleichen", sagt Jörg Overbeck von Linklaters Oppenhoff & Rädler.

Der internationale Abschluss sei dabei in der praktischen Arbeit meist nützlicher. ?Wenn ein Anwalt Unterschiede zwischen den Rechtsordnungen der Länder kennt, in denen ein Unternehmen tätig ist, und er fließend Englisch spricht, ist das im Zweifel wichtiger als Spezialwissen aus einer thematisch oft sehr begrenzten Doktorarbeit."

Auf das Gehaltskonto von Berufseinsteigern wirkt sich der Doktor im Schnitt besser aus als der MBA. Zu diesem Ergebnis kommt die internationale Unternehmensberatung Watson Wyatt in ihrem ?Gehaltsbericht 2000", für den rund 270 Berufsprofile untersucht wurden.

Das Gros der befragten Unternehmen zahlte Akademikern ohne eine der beiden Zusatzqualifikationen Einstiegsgehälter zwischen 68.575 und 76.193 Mark im Jahr. MBA-Absolventen verdienten jährlich von 70.300 Mark an aufwärts bis 84.500 Mark. Doktoren kassierten im Mittel zwischen 77.000 und 90.000 Mark. Dies entspricht in etwa einer Daumenregel der Kienbaum-Vergütungsberatung in Gummersbach. ?Akademiker mit Doktortitel verdienen zwischen 10.000 und 15.000 Mark mehr im Jahr – und zwar von Anfang an", so Bereichsleiter Dr. Martin von Hören. Der Tarifvertrag der Chemischen Industrie schreibt dies sogar vor. Er nennt zwei Zahlen für Akademiker im zweiten Berufsjahr: Ohne Promotion sollen sie 86.330 Mark bekommen; mit sind es 100.500 Mark.

Weiter oben einsteigen
Den guten Tausender mehr im Monat quer durch alle Branchen gibt es jedoch nicht allein wegen der zwei schmucken Buchstaben. ?Promovierte steigen unseren Studien nach meist eine Hierarchiestufe höher ein als Nichtpromovierte. Verantwortungsvollere Posten sind auch besser dotiert", erklärt von Hören. Und wenn sich jemand bewähre, folge auf den höheren Einstieg oft ein rascherer Aufstieg. ?Die Wirtschaft schätzt den Doktor zwar als Statussymbol. Ist er nicht gewünscht, macht er sich aber nicht bezahlt", resümiert Karriereberater Oettinger. Dies gelte etwa für eine Traineelaufbahn in Unternehmen. ?Hier ist der Doktor eher hinderlich: Der Kandidat ist zu weit für so eine Orientierungsphase."

Wenn alles gut geht, verdient Katja Heinrichs demnächst nach drei Jahren Doktorarbeit 1.500 Mark im Monat – das übliche Gehalt für ein Volontariat in einem Kunstmuseum. ?Ohne Titel haben Kunsthistoriker keine Aussicht auf Festanstellung", so die 30-Jährige. Davon abgesehen sei sie auch an ihrem Thema, dem Werk des italienischen Malers Fabio Mauri, nach wie vor persönlich interessiert.

Diesen Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten betrachtet Professor Theisen als wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Promotion. ?Hoffnung auf einen höheren Scheck oder Titelsucht taugen nichts. Man muss prüfen, ob man sich während des Studiums bei schriftlichen Arbeiten eher gequält hat. Und: Traue ich mir zu, als wissenschaftlicher Einzelkämpfer glücklich zu sein?"

Nebenbei klappt’s selten
Genauso zentral sei die Finanzierungsfrage. ?Man sollte klare Vorstellungen davon haben. Aber Finger weg von zu ehrgeizigen Karriereplänen: Berufsbegleitende Promotionen klappen in der Regel nicht", meint Theisen. Die Motivlage von Arbeitgeber und Doktoranden sei schlicht zu unterschiedlich. Theisen empfiehlt, die Doktorarbeit direkt ans Examen anzuschließen und – durch ein Stipendium oder Lehrstuhlmitarbeit finanziert – zügig durchzuziehen.

Schluss mit dreißig
?Zügig" bedeutet je nach Fach jedoch etwas anderes. ?Eine wirtschafts- oder geisteswissenschaftliche Promotion dauert zwei- bis dreimal so lange wie eine in Jura", so der BWL-Professor. ?Beim Berufseinstieg sollte aber niemand älter als 30 Jahre sein."

Personalberater Achim Oettinger von Access zieht dagegen keine strikte Altersgrenze: ?Die Auswahl von Bewerbern hängt vielmehr davon ab, was sie bis zu diesem Zeitpunkt gemacht haben." Gerade deshalb rät er zur externen Promotion. ?Man braucht eine realistische Vertragsregelung, wenn man berufsbegleitend promoviert: Ist die vereinbarte Arbeitszeit einhaltbar? Wenn nur an den Wochenenden Zeit für die Dissertation ist, halte ich es für unwahrscheinlich, dass sie je fertig wird."

?Promovierte Modell-Athleten", nennt Dr. Jürgen Enders, wissenschaftlicher Assistent am Kasseler Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung, jene Doktoren, die zwischen Wirtschaft und Wissenschaft hin und her geturnt sind.

Eine bezahlte Auszeit für die Promotion kann kaum ein Großunternehmen Bewerbern von vorneherein ausschlagen, will es nicht auf begabten Nachwuchs verzichten. Weitere Vorteile fürs Unternehmen liegen auf der Hand: Verwertbare Forschungsergebnisse, Hochschulkontakte und schließlich Angestellte mit akademischem Adelsprädikat.

Wenn der Plan aufgeht. Wie viele Promovenden auf der Strecke bleiben, weiß niemand. ?Wie soll man die Abbrecherquote beziffern, wenn nicht einmal die Zahl der Doktoranden bekannt ist?", so Bildungsforscher Enders.

Der Wissenschaftsrat, der Bund und Länder in Sachen Hochschulentwicklung berät, habe zwar eine Zahl von aktuell 50.000 Doktoranden in die Welt gesetzt. ?Es bedarf aber keiner Rechenkunst, um zu erkennen, dass das bei 24.000 fertig Promovierten jährlich kaum hinkommt. Aber nehmen Sie die fehlenden Daten als Kennzeichen der Lage: Der Status von Doktoranden ist unterbewertet, und es mangelt an einheitlichen Ausbildungsstrukturen."

Herr und Knecht
Sieben verschiedene Wege zum Doktortitel hat Jutta Allmendinger, Soziologie-Professorin an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, ?grob gezählt". Egal ob ein Doktorand als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Lohn und Brot steht oder sich frei finanziert – Allmendinger hegt einen grundsätzlichen Einwand gegen die Promotion in Deutschland: ?Unser System ist hochgradig individualisiert: Es liegt im persönlichen Ermessen eines Professors, jemanden als Doktoranden anzunehmen. Und auch während der Promotion ist der Doktorand ganz vom Gutdünken des Doktorvaters abhängig."

Schneller geht’s im Kolleg
Ausnahmen bildeten in Deutschland die Graduiertenkollegs, die in den vergangenen Jahren nach dem amerikanischen Modell der ?Graduate School" entstanden sind. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert rund 300 dieser Einrichtungen. Hier forschen maximal 30 Studenten zu einem übergeordneten Thema, je nach Größe kümmern sich bis zu 15 Professoren um ein Kolleg. Das problematische Meister-Schüler-Verhältnis ist damit aufgebrochen.

Weiteres Plus: Kollegiaten erlangen die Doktorwürde im Schnitt noch vor dem 30. Geburtstag; sonst liegt das Durchschnittsalter am Ende der Promotion bei 34 Jahren. Professorin Allmendinger hält die Lehrpläne der Graduiertenkollegs allerdings für verbesserungswürdig. ?Kollegiaten werden an einer Karriere in Wissenschaft oder Wirtschaft vorbeisozialisiert." Sie plädiert für zwei unterschiedliche Curricula, die Doktoranden angemessen auf die anschließende Berufstätigkeit vorbereiten.

Für Einzelkämpfer
Das Forschen in Teams, der Austausch mit verschiedenen Betreuern – dies seien zwar große Vorteile des Kollegs, meint Professor Theisen. ?Doch vormachen darf man sich nichts: Die Doktorarbeit bleibt eine Einzelarbeit, durch die einen auch die Gruppe nicht hindurchträgt." Deshalb reichten eine gute Abschlussnote, ein Stipendiumsangebot und der günstige Zeitpunkt noch längst nicht für eine Entscheidung zur Promotion. Absolventen sollten sich die Frage, promovieren oder nicht promovieren, besser dreimal stellen.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.06.2001