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Warum es kaum Frauen im Management gibt

Von Barbara Bierach
Wieso machen in Deutschland immer noch vergleichsweise wenig Frauen Karriere? Sie sind dämlich, faul und unaufrichtig, meint Barbara Bierach, WirtschaftsWoche-Redakteurin und Buchautorin. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem ersten Kapitel ihres Buches "Das dämliche Geschlecht".
Dass Frauen Männern um nichts nachstehen, bedarf heute keiner weiteren Ausführungen mehr ? und falls doch: Inzwischen sind über 54 Prozent der Schüler jedes Abiturjahrgangs weiblich, 1995 schrieben sich erstmals mehr weibliche als männliche Studenten ein. Frauen stellen mit rund 52 Prozent die leistungsfähige Mehrheit der Menschen - und gelten immer noch das schwache Geschlecht. Warum? Die übliche Antwort auf diesen bemerkenswerten Teil der deutschen Gegenwart ist eine Verschwörungstheorie: Schuld am miesen Schicksal der Frauen sind die Männer. Genauer, das Netz der alten Jungs in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft, das dafür sorgt, dass Frauen in der Schlacht um die Karrierejobs den kürzeren ziehen, von Scheidungsrichtern benachteiligt und in der Politik nur per Quotenregelung gehört werden. Ich finde: Frauen sind nicht schwach, Frauen sind nur dämlich, faul und unaufrichtig. Die akademisch vorgebildete Weiberschaft in diesem Land könnte längst die Hälfte der Chefsessel in den Ämtern, Universitäten und Unternehmen unter dem Hintern haben, wenn sie endlich handelte, statt dem Spielfeld beleidigt den Rücken zu kehren und mit einem "Die lassen uns nicht" von dannen zu ziehen.Dämlich sind Frauen, weil sich nicht einfach die Hälfte des Himmels nehmen. Was wohlmeinende Studien zum weiblichen Führungsverhalten als Stärke attestieren, grenzt in vielen Fällen eher an eine Déformation sexuelle. Sanft, einfühlsam und teamorientiert lassen sich Frauen immer noch mit den Krümeln von den Tellern der Macht abspeisen. Es reicht in vielen Fällen, einer Frau vorzuhalten, sie sei egoistisch und machtgeil, um sie zu stoppen. Wenn Frauen über ihre Interessen wachen, gelten sie als intrigant und herrschsüchtig, wenn Männer dasselbe tun, sind sie durchsetzungs- und führungsstark. Was für Männer ein Kompliment ist, beleidigt Frauen. Noch immer stilisieren sich Frauen zur behinderten Minderheit, die besonderen Schutzes bedarf und verbringen ganze Seminartage mit ideologischem Geplänkel über die Abschaffung des Patriachats, anstatt sich - weniger visionär, aber umso wirkungsvoller - endlich pragmatisch einen möglichst großen Batzen vom Kuchen der Macht zu sichern.

Die besten Jobs von allen

Mommy kann's besser als MamaDas traurige ist: Anderswo kriegen die Frauen ihren Anteil, auch ohne Bürgerkrieg und hospitalisierende Kinder. Die Situation der Frauen im europäischen Ausland und in den USA ist wesentlich besser als die deutscher Frauen. Ob das wohl daran liegt, dass dort nettere Männer verständnisvollere Unternehmen leiten? Unsinn. Die Frauen jenseits unserer Grenzen verhalten sich einfach anders.Was also kann Mommy besser als Mama? Warum gibt es in England 11,2 Prozent weibliche Topmanager und hier nur 3,7? Warum schaffen auch Jahrzehnte mit Frauenbeauftragten, Quotenregelungen und Förderprogrammen immer noch keine amerikanischen Verhältnisse? Und warum lassen sich deutsche Frauen wahnsinnigerweise immer noch mit viel weniger Gehalt für die gleiche Arbeit abspeisen? Auch das muss keineswegs sein. Statistiken beweisen, dass nicht nur den Schwedinnen oder Däninnen gelungen ist, wenigsten 70 Prozent der Gehälter der Männer zu erkämpfen, sondern auch den Spanierinnen und Italienerinnen. Sogar im rückständig-katholischen Irland sind die Gehälter mit 70 Prozent dessen, was die Männer kriegen, fairer als im ach-so-liberalen Deutschland mit 67 Prozent. Schließlich meinen immer noch 47 Prozent der westdeutschen Frauen, es sei "für alle viel besser, wenn der Mann voll im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert". Dieselben Frauen beschweren sich anschließend, dass dieses Land von Männern regiert wird.Frauen benutzen die Familie, um sich zurückzuziehenEin Mann hat nur die Wahl, sich als Verlierer zu disqualifizieren, oder sein Berufsleben irgendwie durchzustehen. Frauen jedoch benutzen ihre Familien, um sich zurückzuziehen, ohne zugeben zu müssen, dass ihnen letztlich ein Job in der City zu anstrengend war. Denn "Karriere" klingt glamurös, ist aber in Wirklichkeit zuvörderst harte Arbeit. Eine verantwortliche Position wirklich auszufüllen, bedeutet in den meisten Branchen 50 Stunden Arbeit die Woche, jede Menge Ringkämpfe mit Kollegen und Konkurrenten und massiven Verzicht aufs Privatleben. Vielen Frauen wird das spätestens mit Mitte 30 zu anstrengend und zu politisch. Entnervt von dem ständigen Ringkampf um Positionen und Budgets ziehen sie sich in Vorstädte zurück und werden Mutter.Anstatt die Ärmel hochzukrempeln und genauso hart zu arbeiten wie die Männer, flüchten sie sich in die Mär von der Glasdecke. Die besagt, daß es in jedem Unternehmen eine unsichtbare aber undurchdringliche Ebene gibt, die Frauen den Zutritt in die Chefetage verwehrt. So wahren sie ihr Gesicht als moderne Karrierefrau, obwohl sie sich ins Privatleben verdrücken. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, es muss jeder nach seiner Facon selig werden.Unaufrichtig ist dieses Verhalten nur dann, wenn Frauen nicht zugeben, dass sie sich bewusst gegen Macht und Verantwortung entschieden haben. Sich erst zurückzuziehen und dann zu lamentieren, dass andere weitermachen, ist kindisch. Die selben Frauen würden das übrigens jederzeit ihren Kinder sagen, wenn die das Fußballfeld verlassen und dann anschließend greinen, dass andere jetzt die Tore schießen. Erfolg im Unternehmen oder im Amt unterliegt harten Regeln und Gesetzen, denen alle ausgeliefert sind: Männer und Frauen. Sich erst zu drücken und dann zu jammern, dass die Macht anderswo sitzt, ist zumindest unsportlich. Wer mitreden will, muss die Vorraussetzungen dafür erfüllen. Weiblich zu sein, ist einfach nur eine nette kleine Ausrede, die Arbeit nicht zu machen.Beliebte Ausrede: Die Männer sind schuldWann immer eine Frau an der Uni oder im Job scheitert, lag es an einem Professor, Ehemann oder Vorgesetzten, der in seiner männlichen Borniertheit schuld ist und die Frau in ihrem Schaffensdrang an die Wand gespielt hat. Wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, und frau sich langweilt, sind wieder die Männer schuld: Und Dir habe ich meine Karriere geopfert!Männer finden dieses selbstzerstörerische Verhalten übrigens ausgesprochen praktisch - eine Verschwörung gegen das schwächere Geschlecht ist völlig überflüssig, denn Frauen erledigen sich in der Regel selber. Schneller und gründlicher als irgendein Männerbund das könnte.Die meisten Frauen werden jetzt einwenden, die Vorwürfe seien unfair, schließlich kriegen immer noch wir die Kinder ? und um die muss sich schließlich jemand kümmern. Doch an der Mutterschaft alleine kann es nicht liegen, dass Frauen im öffentlichen Leben Deutschlands unterrepräsentiert sind, denn Französinnen oder Britinnen kriegen auch Kinder. Zwischen 87 und 98 Prozent der befragten Karrierefrauen in Großbritannien, Frankreich und Schweden sind gleichzeitig Mütter, während hierzulande nur 57 Prozent der Erfolgsfrauen neben Budgetverhandlung und Businesslunch auch Rotznasen abwischen. Und schließlich gibt es auch in Deutschland ein Heer von Anwältinnen, Beraterinnen, Designerinnen und Managerinnen, das es sehr wohl schafft, Kinder und Karriere zu verbinden.Ideale Voraussetzungen im öffentlichen DienstAber nehmen wir einmal an, die Babypause wäre in der Frauenfrage tatsächlich kriegsentscheidend. Wäre dem so, müsste dann nicht der öffentliche Dienst vor Karrierefrauen nur so überquellen? Das deutsche Beamtenrecht ist das frauenfreundlichste der Welt, Gleichstellungsbeaufragte wachen über seine Einhaltung, fühlt frau sich übergangen, kann sie klagen. Befördert wird weitgehend nach Seniorität ? und da macht es gar nichts, wenn eine mal ein paar Jahre mit Erziehung beschäftigt war.Und erst recht an den Universitäten. Ist die Berufung auf den Professorensessel erst einmal erfolgt, ist fürs Kinderkriegen alle Zeit der Welt. Fünf Monate im Jahr sind vorlesungsfrei und sonst beträgt die Lehrverpflichtung acht Stunden in der Woche. Je nach Bundesland unterschiedlich, gibt es die Möglichkeit, Frei- oder Forschungssemester einzulegen, in denen die Zeiteinteilung allein im Gusto des Forschenden liegt. Von einer C3- oder C4-Vergütung kann auch eine Alleinerziehende komfortabel leben. Aber nicht nur in den Unternehmen bleibt von den Frauen wenig zu sehen ? weil es da auch deutlich schwieriger ist, Mutter und beruflich erfolgreich zu sein ? sondern auch in Verwaltung und Hochschule. Der Frauenanteil im höheren Dienst der Bundesbehörden liegt bei 21 Prozent, auf Abteilungsleiterebene stellen Frauen nur 2,1 Prozent des Personals.In den Unternehmen ist es ähnlich, zumindest bei der Einstellung von Nachwuchskräften. In jeder ordentlichen Firma sitzen in den Traineeprogrammen heute 50 Prozent junge Frauen. Nur zehn Jahre später stehen die meisten ? sehr zum Kummer der Personalchefs übrigens ? dem Unternehmen nicht mehr zur Verfügung. Mittlerweile ist es sogar so, dass Unternehmen gerne mehr Frauen auf ihren Chefsesseln hätten und sich wundern, wo sie bleiben.Fazit: Jeder, ob Mann oder Frau muss Verantworung für das eigene Leben übernehmen und jeder Pfad zum privaten Glück ist gleich viel wert, ob er ins Hausfrauendasein oder auf den Vorstandssessel führt. Aber: Frauen müssen sich von der kollektiven Lebenslüge ?Die Männer lassen uns nicht? verabschieden. Verweigerung und Schuldzuweisungen führen nicht an die Macht. Ob eine Vorstand wird oder Hausfrau, hat zuvörderst etwas mit den eigenen Entscheidungen zu tun, alles andere ist eine bequeme Illusion.Woran liegt es, dass in Deutschland Frauen weniger als fünf Prozent der Führungspositionen besetzen? Stimmen sie ab und sagen Sie uns Ihre Meinung: jungekarriere.com/umfrage
"Das dämliche Geschlecht" ist im Wiley Verlag erschienen und kostet 24,90 Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.04.2002