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Vorteil Größe

Chris Löwer
Der Personalmarkt für die großen Wirtschaftsprüfer hat sich entspannt - die kleinen haben das Nachsehen.
Spektakuläre Pleiten wie die des US-amerikanischen Enron-Konzerns setzen die Branche der Wirtschaftsprüfer unter Druck. Doch auch wenn die Glaubwürdigkeit angekratzt ist: Wirtschaftsprüfer zählen nach wie vor zu den begehrtesten Fachkräften. "Der Arbeitsmarkt ist immer noch angespannt, zumal wenige Studenten in diesem Bereich arbeiten wollen", sagt Peter Marks, Mitglied der Geschäftsführung des Instituts der Wirtschaftsprüfer. "Dabei werden Prüfungen immer wichtiger, komplexer und schärfer, allein schon weil Kapitalanleger das nach den jüngsten Pleiten fordern."

Das Buhlen um die Wenigen hält also an - doch für die so genannten "BigFive" der Branche, Pricewaterhouse Coopers (PwC), Arthur Andersen, Ernst & Young, Deloitte & Touche und KPMG, hat sich die Lage etwas entspannt. "Die verminderte Konkurrenz durch Neue-Markt-Unternehmen macht sich bemerkbar", sagt Bernd Pickhardt von PwC. In Zeiten des Internet-Hypes führten die angehenden Wirtschaftsprüfer lieber selber ein Unternehmen, als andere auf Herz und Nieren zu untersuchen: 1998 wurden 610 Wirtschaftsprüfer zugelassen, im darauf folgenden Jahr nur noch 606 und im Jahr 2000 schließlich 552. Erst im vergangenen Jahr sprang die Zahl auf 680.

Die besten Jobs von allen


Von dem neuerlichen Wunsch der High Potentials nach einem sicheren Job profitiert KPMG Deutschland, bei der nach eigenen Aussagen verstärkt hoch qualifizierte Hochschulabsolventen und Young Professionals auf der Matte stehen. Zum Glück, denn das Berliner Unternehmen sucht in diesem Jahr wieder rund 700 Wirtschaftsprüfer. "Wir spüren deutlich, dass andere Unternehmen weniger einstellen, was die Personalsuche etwas einfacher macht", sagt Christine Keiner, Head of Recruiting bei Ernst & Young. David Thorn, Sprecher der Wirtschaftsprüferkammer, erklärt: "Qualifizierte Absolventen waren bisher auch für Unternehmensberatungen und Investmentbanken attraktiv. Wegen des Abschwungs auf den Kapitalmärkten hat die Nachfrage nachgelassen."

Die Konjunkturflaute wirkt sich außerdem auf die traditionell hohe Fluktuation aus. Sie sinkt leicht. Bei RölfsPartner liegt man nach fast 20 Prozent in den vergangenen Jahren nun bei 15 Prozent. Bei den Großen sieht es ähnlich aus (PwC 12 %, KPMG 12 %, Ernst & Young 14 %).

Gefragt sind besonders Spezialisten für Internationale Bilanzierung (IAS, US-GAAP) mit EDV- und IT-Kenntnissen. Wirtschaftsprüfer müssen nicht nur mit Zahlen jonglieren, sondern sie in elektronischen Datenbanken recherchieren und zusammenfügen können. Außerdem werden händeringend Kenner in den Bereichen, Banking & Finance, Versicherungen, Information Risk Management und Financial Risk Management gesucht.

Trotz der Trendwende ist es auch für die Big Five fast unmöglich Wirtschaftsprüfer mit langjähriger Erfahrung zu finden. Um an erfahrene Kräfte zu kommen, führt kaum ein Weg an Headhuntern vorbei. Der Kampf um die besten Köpfe ist härter als in anderen Branchen. Wer einen Top-Mann in seinen Reihen hat, achtet mit allen Mitteln darauf, dass er dem Unternehmen treu bleibt. Weil die alten Hasen schwer zu bekommen sind, müssen die Hochschulabsolventen ran. Ernst & Young etwa wird 2002 wie im Vorjahr 350 Stellen besetzten, davon allein 270 Fachleute frisch von der Universität.

Auch PwC hat sich bei der Suche nach 600 Experten auf die Situation eingestellt. "Wir verstehen uns als Ausbildungsunternehmen, weswegen wir bevorzugt Hochschulabsolventen einstellen", sagt Bernd Pickhardt, Partner für Wirtschaftsprüfung und zuständig für Human Resources bei PwC. Arthur Andersen hält an Universitäten kostenlose Vorträge und Seminare. Außerdem bietet das Unternehmen ein internationales Praktikantenprogramm an, um möglichst früh Top-Absolventen anzusprechen.

Wenig von der dezenten Normalisierung auf dem Arbeitsmarkt spüren die kleinen und mittleren Gesellschaften. "Für uns ist es nicht leichter geworden, im Gegenteil", sagt Volker Witten, Partner bei von Diest, Greve und Partner, einer Gesellschaft mit 35 Wirtschafts- und Steuerprüfern. Auf eine kürzlich geschaltete Stellenanzeige in einem Fachblatt meldete sich gerade mal ein Kandidat. "Zusätzlich zum engen Markt machen sich jetzt die geburtenschwachen Jahrgänge bemerkbar", sagt Witten. Der Ausweg aus der Misere: Auch die kleineren und mittleren Gesellschaften angeln konsequent nach Nachwuchs in den Universitäten.

Doch gegen die Großen haben sie schlechte Karten: Die Big Five ködern mit saftigen Gehältern. Einsteiger verdienen zwischen 35.000 und 50.000 Euro, während Wirtschaftsprüfer im Management teilweise bis zu 200.000 Euro einstreichen plus Leistungsboni und Firmenwagen. Aussichten, die locken. Genau wie Aufgaben, die weltweit warten. Kleine und mittlere Sozietäten können das nicht bieten.

Bei der Suche nach den wenigen Fachleute kämpfen daher sowohl die Großen als auch die Kleinen mit allen Mitteln: mit Anzeigen in Printmedien, mit Informationsständen auf Karrieremessen, mit in Eigenregie organisierten Recruiting-Veranstaltungen, über Agenturen und persönliche Kontakte - alle Möglichkeiten werden ausgeschöpft. Der begehrte Nachwuchs wird außerdem seit einigen Jahren verstärkt über das Internet rekrutiert. Arthur Andersen etwa kooperiert mit führenden elektronischen Stellenbörsen.

Doch trotz der besseren Erfolgsaussichten für die Big Five - mit dem kleinen Hoch auf dem Arbeitsmarkt könnte es auch für sie bald ein Ende haben. Wenn die neuen Eigenkapitalregeln für Banken, Basel II in Kraft treten, wird die Abschlussprüfung für das so genannte Rating, also die Unternehmensbewertung entscheidend. Die wiederum hat Einfluss auf die Konditionen nach denen die Banken dem Unternehmen Kredite bewilligen. Besonders mittelständische Unternehmen sind davon betroffen "Die Aufgaben, die sich da stellen, sind Wirtschaftsprüfern wie auf den Leib geschneidert", sagt Matthias Struwe, Sprecher von Rödl & Partner. "Mit den Rating Advisory Services erschließt sich ein neues großes prüfungsnahes Beratungsfeld." Struwe schätzt, wie die meisten Branchenkollegen, dass sich in den kommenden drei Jahren die Lage wieder verschlechtert: "Der Nachwuchs fehlt, weil das Image des Berufes immer noch mäßig ist. Wir sehen die weitere Entwicklung mit Sorge." Auch Christine Keiner von Ernst & Young bleibt vorsichtig: "Entspannt zurücklehnen können wir uns noch lange nicht."

Detailierte Angaben über den Arbeitsmarkt, gefragte Qualifikationen und Änderungen des Berufsbildes bietet die Wirtschaftsprüferkammer unter: www.wpk.de.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.03.2002