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Vorstandschef... dringend gesucht

Axel Höpner
Klaus Wucherer, Johannes Feldmayer, Peter Bauer: Beim Krisenkonzern Infineon werden ausgerechnet drei Siemens-Veteranen als Interimsvorsitzende gehandelt. Aber der Kandidat für einen wirklichen Neuanfang sollte von außen kommen. Darin sind sich beim Chiphersteller alle einig.
Wolfgang Ziebarts Tage bei Infineon sind gezählt. Foto: dpa
MÜNCHEN. Es ist kein schlechter Job, der da zur Ausschreibung ansteht. Immerhin zwei Millionen Euro gab es zuletzt jährlich. Das ist für den Chefsessel eines Dax-Konzerns zwar eher bescheiden. Aber Boni können das Salär schnell nach oben treiben. Auch das Büro im oberen Stock des Vorstands-Kubus auf dem modernen ?Campeon?-Areal in Neubiberg bei München kann sich sehen lassen: Der neue Chef kann den Blick auf die Alpenkette genießen.Dennoch: So einfach lässt sich ein Nachfolger für den scheidenden Infineon-Chef Wolfgang Ziebart nicht finden, der vier Jahre lang versuchte, den Chipkonzern aus den roten Zahlen zu führen. ?Unser Geschäft ist in Deutschland sehr exotisch?, sagt ein Unternehmenskenner. Der Kreis der Kandidaten aus der Heimat ist da extrem klein. Ein Manager aus Asien oder den USA könne zwar helfen. ?Andererseits ist die Unternehmenskultur bei Infineon aber schon sehr deutsch.?

Die besten Jobs von allen

So könnte es also sein, dass Infineon-Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley schon wieder auf eine Übergangslösung zurückgreifen muss. Vor vier Jahren hatte er nach dem Rausschmiss von Ulrich Schumacher die Geschäfte für ein paar Monate sogar selbst übernommen. Eine Wiederholung dieses Modells ist aber wohl unwahrscheinlich.Daher gelten Infineon-Vorstand Peter Bauer und Aufsichtsratsmitglied Klaus Wucherer als Kandidaten für den Interimsvorsitz. Selbst Aufsichtsrat Johannes Feldmayer wird noch immer gehandelt, obwohl er in der Siemens-Affäre um Schmiergeldzahlungen an die Arbeitnehmerorganisation AUB zeitweise sogar in Untersuchungshaft saß.Eine großartige Liste ist das nicht. ?Einen Neuanfang würden alle drei nicht symbolisieren?, klagt ein Aufsichtsrat. Doch es hilft nichts. Am 31. Mai wird es wohl laut Unternehmenskreisen eine Aufsichtsratssitzung geben, auf der ein Nachfolger Ziebarts gekürt wird.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wucherer "einer dieser alten, aber feinen Managertypen" Es ist nicht bar einer gewissen Ironie des Schicksals, dass da drei Vertreter der alten Siemens-Schule als Interims-Chefs im Gespräch sind. Denn seit Siemens die Mehrheit an der einstigen Halbleiter-Sparte abgab, will der Konzern offiziell nichts mehr mit der verstoßenen Problem-Tochter zu tun haben.Aber Wucherer, Feldmayer und Bauer haben ihre Karriere allesamt bei Siemens gestartet. Vor 38 Jahren fing Wucherer bei dem einst stolzen Traditionskonzern an, Feldmayer war seit 1979 dabei, als Letzter schließlich stieß Bauer 1986 hinzu.Früher waren das klassische Siemens-Laufbahnen. Die Herren begannen nach Studium oder Lehre, durchliefen diverse Länder und Bereiche und gingen dann in Pension. Diese Zeiten sind aber beschleunigt durch die Siemens-Affäre vorbei. Als kürzlich Medizintechnik-Chef Erich Reinhardt zurücktrat, folgte ihm Jim Reid-Anderson: in Bagdad geboren, in Großbritannien ausgebildet und in den USA Karriere gemacht.Der 63-jährige Wucherer ist dagegen noch Siemens vom alten Schlag. ?Er ist einer dieser alten, aber feinen Managertypen?, sagt einer, der mit Wucherer zusammenarbeitete: Er tritt bescheiden auf, war aber auf dem Fachgebiet der Automatisierung weltweit hoch angesehen.Wucherer hatte 1970 in Bremen bei dem Elektrokonzern angeheuert. Die Hansestadt verließ er 1983 gen São Paulo. Drei Jahre lang verdiente er sich in Brasilien seine Sporen, um dann lange Zeit in verschiedenen Sparten in Erlangen und Nürnberg zu wirken. In den Zentralvorstand rückte er im Jahr 2000 auf. Zuletzt war er für die Antriebssparte A&D, die Industriellen Dienstleistungen und die Verkehrstechnik zuständig. Zumindest die beiden Letzteren sind in die Korruptionsaffäre verwickelt. Hinweise auf eine persönliche Verstrickung Wucherers gibt es nicht. Nach Einschätzung in Anwaltskreisen ist aber schon qua Position davon auszugehen, dass auch er von dem Ordnungswidrigkeitenverfahren der Münchener Staatsanwaltschaft gegen die frühere Siemens-Führung betroffen ist.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Feldmayer verfügt über große strategische Fähigkeiten Nach dem radikalen Führungsumbau verlor Wucherer seinen Vorstandsposten, er fungiert seither als Berater. Das Abenteuer Infineon solle sich der angesehene Wucherer lieber nicht antun, sagt ein Branchenkenner. ?Man kann ihm nur raten: Alter, schau, dass du dir ein schnelles Pferd sattelst und von diesem Infineon wegreitest.?Deutlich heftiger als Wucherer zog die Affäre Feldmayer in ihren Strudel. Der 51-jährige Elektrotechniker wäre an sich ein guter Kandidat für den Infineon-Vorsitz. Selbst bei der IG Metall, deren Gegenorganisation AUB Feldmayer alimentiert haben soll, hat er einen guten Ruf. ?Er hat Fachkenntnis und macht im Aufsichtsrat eine gute Figur?, sagt ein anderer Kontrolleur.Der gebürtige Augsburger, der seine Karriere in der IT-Sparte von Siemens begann, gilt trotz Verfehlungen als anständiger Kerl und guter Manager. Bei Siemens kümmerte er sich auch um die Konzernstrategie. Selbst wenn es nur für eine Übergangszeit wäre: Gerade seine strategischen Fähigkeiten wären bei Infineon gefragt. Das Scheitern Ziebarts hat gezeigt, dass der Konzern mit akribischer Kleinarbeit allein nicht aus der Krise kommt.Auch wenn Kley laut Branchenkreisen ernsthaft mit der Lösung Feldmayer geliebäugelt hat: Wirklich realistisch ist sie angesichts des Ermittlungsverfahrens wohl nicht.Bleibt am Ende womöglich die Beförderung Bauers zum kommissarischen Chef. Der 47-Jährige verantwortet die leidlich erfolgreiche Infineon-Sparte Auto und Industrie. Zudem hat der gebürtige Münchener Ausdauer bewiesen, sich seit 1986 in der Halbleitersparte hochgearbeitet und sämtliche Machtkämpfe bei Infineon im Amt überstanden. ?Das ist ein angenehmer Typ?, heißt es im Unternehmen über den schnauzbärtigen Familienvater.Doch auch Infineon-Kenner Bauer wäre als Vorstandschef nur ein Übergangskandidat. Der Konzern braucht einen wirklichen Neuanfang mit einem Kandidaten von außen. Da sind sich intern inzwischen alle einig.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Ziebarts Rücktritt wird spätestens zum 1. Juli erwartet Infineon schweigt zu FührungschaosOffiziell gibt es weiterhin keine Informationen bei Infineon über das Schicksal von Vorstandschef Wolfgang Ziebart. Weder das Unternehmen noch Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley äußerten sich gestern zu den Spekulationen über den Führungswechsel.Dennoch gilt der Abschied Ziebarts als beschlossene Sache. Sein Vertrag würde eigentlich noch bis 2009 laufen. Nach dem Streit um die richtige Strategie und gezielten Indiskretionen wird sein Rücktritt aber zum 1. Juni oder spätestens zum 1. Juli erwartet.Einen Nachfolger könnte der Aufsichtsrat am 31. Mai bestimmen. Zwar ist noch zu keiner Sondersitzung des Gremiums geladen. Branchenkreise erwarten dies aber bald. Die nächste reguläre Aufsichtsratssitzung steht Ende Juli auf dem Programm. ax
Dieser Artikel ist erschienen am 20.05.2008