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Vorstandschef alter Prägung: Immer mit der Ruhe, nie ohne Kraft

Von Thomas Knüwer
Gestern landete ein Vorstandschef alter Prägung seinen wohl letzten Coup: Altana-Lenker Nikolaus Schweickart. Der Jurist verkörpert jene Zeit, da es noch ?Führungskraft? hieß und ?Geschäftsführer? statt ?Manager? und ?CEO?.
Altana-Chef Nikolaus Schweickart will die Chemie-Sparte an die Börse bringen. Foto: dpa
HB DÜSSELDORF. Und Schweickart darf reden. Nicht über Zahlen, Chemie, Pharma, sondern über Kultur und Verantwortung, über sein Unternehmen, die Altana, als Teil der Gesellschaft.Wer ihn in solchen Momenten erlebt, dem entschweben die Bilder Shareholder-Value-getriebener CEOs aus dem Kopf. Schweickart gehört nicht zu jener Managergeneration, ?der man erst mal erklären muss, was an einem Bild gut ist?, wie es Gérard Goodrow gern beschreibt, der Chef der Kunstmesse Art Cologne.

Die besten Jobs von allen

Nein, der Jurist verkörpert jene Zeit, da es noch ?Führungskraft? hieß und ?Geschäftsführer? statt ?Manager? und ?CEO?. Er geht in Ruhe seinen Weg: ?Wir denken in Dekaden und Generationen?, sagte er dem Wirtschaftsmagazin ?Brand Eins?.So verwundert es auch nicht, dass sogar sein Ausstieg bei Altana völlig unaufgeregt und in geordneten Bahnen verläuft. Mit der Hauptversammlung 2007 wird der 61-Jährige gehen, seinen auslaufenden Vertrag will er nicht verlängern. Zwanzig Jahre wird er dann im Vorstand gewesen sein, 17 davon als dessen Vorsitzender. Zuvor aber will er seinen Konzern noch positionieren für die Zukunft: Gestern kündigte er an, 2006 die Chemie-Sparte an die Börse zu bringen.So viel Ruhe kann sich heute wohl nur noch der leisten, der den Rücken frei hat. Und das hat Schweickart: Knapp über die Hälfte der Altana-Anteile hält die Industriellenfamilie Quandt. Und die steht hinter ihm. Auch, weil er seine Karriere in der Wirtschaft 1977 als Referent von Herbert Quandt begann, des ersten Altana-Vorstandschefs. Diese Zeit, sagt Schweickart, ?ist so viel wert wie ein Harvard-MBA?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eigentlich wollte er Historiker werdenEigentlich wollte er Historiker werden. Doch seine Tage in Schule, Hochschule oder Wissenschaft verbringen? Das war ihm zu langweilig. Jura, kokettiert er, war eher eine Notlösung. Nach dem Studium zog es ihn in die Politik. 1973 begann er als Referent bei verschiedenen Bundestagsabgeordneten.Jura und Politik ? das schult. Während andere Top-Manager in quälender Manuskripthörigkeit von ihren Assistenten gedrechselte Kettensätze vortragen, ist Schweickart ein Meister der freien Rede. Wenn er abliest, stammt der Text von ihm selbst. Kurz hält er sich aber selten. Wenn er spricht, erwartet er den Respekt des Zuhörers und die Bereitschaft, seinen Gedankengängen zu folgen. Das kann dann auch mal belehrend bis oberlehrerhaft wirken, gepaart mit dem Anflug von Arroganz eines Mannes, der weiß, dass er fest im Sattel sitzt ? dank der Familie Quandt.Deren Mehrheit bei Altana schützt das Unternehmen gegen eine Übernahme und erlaubt es, den Kapitalmarkt zu düpieren. So hielten die Bad Homburger lange daran fest, Pharma und Chemie in einem Unternehmen zu halten, obwohl die Börse das nicht goutierte. ?Kapitalismus ohne Moral? ist für Schweickart ein rotes Tuch, die Fixierung auf Quartalszahlen ein Unding. Als offen, diskussions- und entscheidungsfreudig schildern ihn Altana-Mitarbeiter.Zu seinen Freiheiten zählt auch, zu pflegen, was früher als selbstverständlich galt, heute jedoch oft als Skurrilität abgetan wird: gesellschaftliches Engagement.Altana finanziert Stiftungen und Lehrstühle. ?Moonlight Jobs?, nennt Schweickart Ämter wie die Mitarbeit in Kuratorien der Universitäten Dresden und Koblenz. Zur Bilanzpressekonferenz lädt er Schulklassen ein, um ihnen einen Einblick in das Wirtschaftsleben zu geben.Auch in Sachen Kunst leistet sich Altana einiges: 400 zeitgenössische Werke umfasst die Sammlung in der Zentrale, schon in der Eingangshalle begrüßt eine große Statue von Markus Lüpertz die Besucher. Der Chef ist Vorsitzender der Administration des Frankfurter Städel-Museums.Schweickarts politisches Engagement passt da ins Bild. Neutral ist er nicht, sondern bekennender CDUler und stellvertretender Vorsitzender des Wirtschaftsrates der Partei. Häufig attackiert er die rot-grüne Gesundheitspolitik, weil sie nach seiner Meinung forschende Unternehmen behindere.Auch in Sachen Corporate Governance findet er offene Worte. Er könne den ?Theaterdonner? nicht verstehen, den die ?Verweigerer? einer Offenlegung von Managergehältern, allen voran Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, öffentlich veranstalteten. Bei Altana habe man ?kein Problem? damit: 2004 verdiente er 1,856 Millionen Euro.Die Mischung aus Direktheit und Eloquenz kommt offensichtlich an. Als die PR-Agentur Burson-Marsteller 600 Entscheider fragte, welcher Dax-30-Chef den besten Gesamteindruck bei ihnen hinterlasse, landete Schweickart hinter BMW-Lenker Panke und Metro-CEO Körber auf dem dritten Platz. Für den Kopf eines Unternehmens, das so wenig im Fokus der Öffentlichkeit steht, ist auch dies eine Form der Kunst.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Nikolaus Schweickarts VitaNikolaus Schweickarts Vita1943 wird er am 2. Dezember in Kamp am Rhein geboren.1966 verlässt er als Reserveoffizier die Bundeswehr.1970 beendet er sein Jura-Studium in Bonn und wird als Anwalt zugelassen.1971 beginnt er als Assistent im Bundestag, später wird er politischer Referent.1977 wird er persönlicher Referent von Herbert Quandt, nach einigen Jahren wechselt er zur Altana.1987 steigt er in den Altana-Vorstand auf.1990 wird der zweifache Vater Vorstandsvorsitzender der Altana und der Herbert-Quandt-Stiftung.2005 kündigt er die Abspaltung des Chemiebereichs an.2007 will er seinen auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.08.2005