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Vor Hydra brodelt die Gerüchteküche

Von Carsten Herz und Thomas Knüwer
Bei der Premiere der neuen A-Klasse vom Mercedes auf dem Kreuzfahrtschiff Aida-Aura im Saronischen Golf wurde der Anlass der Premiere schnell zur Nebensache. Viel spannender war die Frage: Wer wird Nachfolger von Jürgen Hubbert auf dem Thron von Mercedes?
ATHEN/DÜSSELDORF. Der Abend kommt schnell auf Hydra. Malerisch versinkt die Sonne im Saronischen Golf und taucht das weiße Kloster des Propheten Elias in mildes Abendlicht. Wiederkehren soll er dereinst, um das Volk vorzubereiten auf die Ankunft des Messias, so der jüdische Glaube.Einen Propheten hätten 500 Journalisten auch gern gehabt, um ihnen zu künden von der Entscheidung, wer Jürgen Hubbert auf dem Thron von Mercedes nachfolgen darf. Aus ganz Europa waren sie herbeigeflogen, um auf dem Club-Kreuzfahrtschiff Aida Aura der Premiere der neuen A-Klasse beizuwohnen.

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Doch Elias kam nicht, obwohl das weiße Schiff mit den bemüht fröhlichen Bugmalereien vor Hydra ankerte. Stattdessen kam Jürgen Hubbert selbst. Und der sagte nicht viel über die spannendste Personalie der Automobilbranche: ?Ich könnte Ihnen heute keine Antwort geben.?Doch wenige Wochen vor der Entscheidung über seine Nachfolge scheint Nutzfahrzeug-Vorstand Eckhard Cordes der wahrscheinliche Nachfolger zu sein, erfuhr das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen. Im Herbst dürfte es so weit sein: Der Stabwechsel soll bereits wenige Monate nach der Berufung des Nachfolgers erfolgen.Der Aufsichtsrat wird voraussichtlich am 29. Juli über die Spitzenpersonalie entscheiden. Auch ein neuer Nutzfahrzeug-Vorstand soll dann gegebenenfalls ausgewählt werden. Gute Chancen, Cordes zu beerben, hat neben Ex-Mitsubishi- Manager Ulrich Walker auch Rainer Schmückle, der Boss von Daimlers amerikanischem LKW-Hersteller Freightliner.Der Vertrag von Hubbert läuft noch bis zum April 2005. Sein designierter Nachfolger Wolfgang Bernhard war Ende April überraschend im Zuge der Mitsubishi- Krise vom Aufsichtsrat wieder abberufen worden. Es hatte zwischen Bernhard und Hubbert sowie den Arbeitnehmervertretern gravierende Unterschiede über die Zukunft der Mercedes-Gruppe gegeben.Sie ist mit den Marken Mercedes-Benz, Smart und Maybach die mit Abstand wichtigste Sparte im Konzern ? nicht nur für das Image, sondern auch für die Finanzen: 3,2 Milliarden Euro des Konzernbetriebsgewinns von 5,7 Milliarden stammen aus der Mercedes Car Group, wie sie offiziell heißt.Im Rennen um den Spitzenplatz bei der Premiummarke ist allerdings auch noch Smart-Chef Andreas Renschler, der vor dem Rückzug von Daimler zuletzt für die Mitsubishi-Führung im Gespräch war. Forschungsvorstand Thomas Weber, der früher das A-Klasse- Werk Rastatt leitete und ebenfalls im Gespräch für den obersten aller Posten war, werden dagegen im Konzern nur Außenseiterchancen eingeräumt.Lesen Sie weiter auf Seite 2Praktisch auszuschließen ist, dass auf Hubbert ein externer Manager folgt, obwohl das Unternehmen durchaus auch außerhalb des Konzerns nach einem geeigneten Mann fahnden ließ. So fällt in Branchenkreisen immer wieder der Name von Linde-Chef und Ex-BMWler Wolfgang Reitzle als Kandidat. Der bisherige Opel-Chef Carl-Peter Forster, über den ebenfalls spekuliert wurde, ist anscheinend nicht im Gespräch.Doch mit der Frage, wer künftig die Geschicke der Marke mit dem Stern lenkt, ist auch ein höheres Amt verbunden: Branchenkreise schließen nicht aus, dass mit der Mercedes-Personalie auch eine Vorentscheidung über die Nachfolge von Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp fällt, dessen Vertrag 2008 ausläuft. Informierte Kreise sehen Cordes auf der Mercedes-Führungsposition in bester Ausgangslage im Rennen um die Konzernspitze.Ein Teil des Aufsichtsrats dringt nach Informationen des Handelsblatts auf eine frühzeitige Richtungsentscheidung: Bereits Ende April war ein solcher Schritt im Kontrollgremium erwogen und zunächst verworfen worden.Neben Cordes gilt Chrysler-Chef Dieter Zetsche als aussichtsreichster Kandidat für die Thronfolge. Doch der Mann mit dem Walrossschnauzbart ist offenbar in der Gunst von Schrempp gesunken. Grund: Er verdächtigt Zetsche, den Aufstand gegen ein weiteres Engagement bei Mitsubishi mit initiiert zu haben.Cordes dagegen kristallisiert sich immer stärker als Kronprinz von Jürgen Schrempp heraus. Der 53-jährige Manager hat die Nutzfahrzeugsparte erfolgreich saniert und ist einer der wenigen Top-Leute, denen der Konzernchef im Vorstand noch bedingungslos vertraut. Im Konflikt um Mitsubishi hatte sich Cordes im Management als einer von wenigen Vorständen auf Schrempps Seite geschlagen.Cordes könnte sich auf dem Mercedes-Posten weiter profilieren ? denn der neue Chef startet unter einem guten Stern: Die meisten Analysten erwarten, dass die von Hubbert angeschobene Modelloffensive sich 2005 deutlich im Ergebnis niederschlägt.Es riecht also nach Kurswechsel auf der MS Mercedes. Das spürten auch die Gäste der A-Klasse-Präsentation: An Bord der Aida Aura grüßte ein großer Stoff-Elch, auf einem der schiffseigenen TV-Kanäle lief ganztägig eine Dokumentation über Elche ? als Reminiszenz an den Elchtest, der einst die A-Klasse zu Fall gebracht hatte. Selbstironie im Hause Daimler-Chrysler? Das hätte keiner der Anwesenden zu prophezeien gewagt.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.06.2004