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Vor dem großen Auftritt

Von H. Alich, C. Herz
Carlos Ghosn, Chef der Renault, will am Donnerstag sagen, wo es bei dem französischen Autokonzern in den nächsten drei Jahren langgeht. Mitarbeiter und Gewerkschaften berüchten harte Einschnitte. Über 350 Journalisten und 23 Fernsehsender haben sich angesagt. Die Show kann beginnen: Seine Rede wird in alle Werke des Konzerns live übertragen. Auftritte wie dieser sind ganz nach dem Geschmack des 51-Jährigen.
HB PARIS/FRANKFURT. Die Show kann beginnen: Seine Rede wird in alle Werke des Konzerns live übertragen. Neun Monate nach seinem Amtsantritt ist es so weit: Carlos Ghosn, Chef des französischen Autokonzerns Renault, stellt seinen Dreijahresplan vor. An diesem Donnerstag will er in Paris der Welt erklären, wie er dem Autobauer Beine machen will.Auftritte wie der heutige sind ganz nach dem Geschmack des 51-Jährigen. Der quirlige Ghosn hat schon als Nissan-Chef stets seine öffentliche Inszenierung gepflegt. Damals rettete er einen fast bankrotten Konzern vor der Pleite. Er strich rund 20 000 Stellen, verkaufte Beteiligungen und startete eine Produktoffensive. Damit machte er Nissan zu einem der profitabelsten Autohersteller der Welt.

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Nun erwartet die Autoszene, dass er ein ähnliches Wunder bei Renault vollbringt. Vorhang auf für Carlos Ghosn, den das ?Wall Street Journal? schlicht den ?heißesten Typen der Autoszene auf der Welt? nennt.Sein Problem: Als er bei Nissan im Jahr 2000 loslegte, war der Auto-bauer fast am Ende. Im Vergleich dazu steht Renault heute recht gut da. Das Unternehmen macht keinen Verlust, ist in Schwellenmärkten präsent und hat wenig Schulden. Das Dilemma hat auch Ghosn erkannt. ?In Frankreich habe ich die Wahl, in Japan hatte ich keine.?Daher macht er Druck auf sein Unternehmen, um die Veränderungsbereitschaft zu erhöhen. Mangels neuer Modelle prophezeite er bereits ein hartes Jahr 2006 für Renault. Und im November kassierte Ghosn das angepeilte Renditeziel wieder ein.?Es gibt keinen Platz für halbe Maßnahmen. Wenn man anfängt, seine Pläne zu verwässern, ist man bereits gescheitert?, warnte er bei der Auto-Messe in Detroit.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Akribisch hat sich Ghosn auf seinen heutigen Auftritt vorbereitetAkribisch hat sich Ghosn, der als Mann der klaren Ziele und schnellen Taten bekannt ist, in den vergangenen Monaten auf seinen heutigen Auftritt vorbereitet. Er besuchte alle Werke in elf Ländern rund um den Globus. Viele Renault-Manager hat-ten noch zu seinem Amtsantritt gehofft, der siegessichere Doppelchef, der seit vergangenem Jahr Nissan und Renault als viertgrößten Autokonzern der Welt in Personalunion führt, würde es bei kleineren Ein-schnitten bewenden lassen. Damit rechnet heute aber niemand mehr.Die Probleme des Konzerns sind hinlänglich bekannt: Renault ist zu abhängig von einem Modell, der Mégane-Baureihe, und von einer Region, Europa. Mit der Mégane-Reihe und dem Kleinwagen Clio macht Renault 75 Prozent seiner Gewinne. Seit rund zehn Jahren ist der Konzern zwar auch in Südamerika präsent. ?Doch wir haben dort noch nie einen Euro verdient?, kritisiert Ghosn. Ferner fehlt Renault ein zugkräftiges Angebot in der Mittel- und Oberklasse, wo die Margen höher sind.Experten gehen davon aus, dass er nach dem Vorbild Nissan auch Renault nach Weltregionen organisieren will, die Modellpalette auffächert, das Luxus- und Sportsegment ausbaut und die Kosten drastisch senkt. Vor allem von neuen Luxusmodellen, die auf derselben Plattform wie die Nissan-Marke Infiniti gebaut werden sollen, verspreche er sich für Renault einen Umsatz- und Gewinnschub, heißt es. Der Start von Geländewagen wird erwartet. Auch die 1995 eingestellte Marke ?Alpine? werde voraussichtlich wiederbelebt, um das erfolgreiche Formel-1-Engagement leichter in klingende Münze umsetzen zu können. Die Gerüchteküche brodelt. Doch noch drangen keine Details nach außen.Ghosn steht auch unter Beobachtung der französischen Regierung ? bis hin zum Staatspräsidenten. Schließlich ist der Staat mit 15,7 Prozent größter Einzelaktionär des Autokonzerns, der zum Industrieerbe der Grande Nation zählt. Für Frankreichs Politikerklasse, die den ?ökonomischen Patriotismus? predigt und den Stahlriesen Arcelor vor einer feindlichen Übernahme bewahren will, muss ein Mann wie Ghosn unheimlich sein: Er ist in Brasilien geboren, hat libanesische Eltern und einen französischen Pass. Neben Französisch spricht er Englisch und Portugiesisch. Damit verkörpert Ghosn wie kein anderer die Globalisierung, die den Franzosen viel Angst macht. Der Fraktionschef der französischen Kommunisten, Alain Bocquet, forderte den Finanzminister bereits auf, angesichts der befürchteten Ein-schnitte ?nicht passiv? zu bleiben.Auch die Gewerkschaften sind skeptisch. Sie haben nicht vergessen, wie Ghosn 1997 die Schließung des belgischen Werks in Vivoorde durchdrückte. ?Er widmet der Gewerkschaft CGT, der größten bei Renault, gerade mal eine Stunde pro Jahr?, beschwert sich Philippe Noël, CGT-Vertreter bei Renault. Das letzte Treffen fand im Juli statt. ?Wir haben ihm erklärt, was aus unserer Sicht nicht rund läuft bei Renault. Seine Antwort darauf war indes eher unklar?, berichtet Noël. Auf ein weiteres Treffen im vergangenen November wollte sich Ghosn nicht einlassen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Franzosen blicken furchtsam-skeptisch auf den neuen Mann an der SpitzeVermutlich betrachtet er die Diskussion mit den Gewerkschaften über seine Unternehmensstrategie als Zeitverschwendung. Und nichts hasst der Top-Manager mit den buschigen Augenbrauen und den dunklen, stechenden Augen so sehr, wie seine Zeit zu vergeuden.Das zeigt sich auch bei kleinen Dingen: Als beim Pariser Autosalon sein Ansteckmikrofon ständig aussetzt, fackelt er nicht lange, reist es sich vom Sakko, greift sich ein Hand-Mikro und macht ungerührt weiter.Die Franzosen blicken denn auch furchtsam-skeptisch auf den neuen Mann an der Spitze des Traditionsunternehmens. In Japan hingegen kennt der Kult um den Nissan-Sanierer keine Grenzen: Es gibt Bücher wie ?Englisch lernen mit Carlos Ghosn?. Der Auto-Star wurde gar zum Comic-Helden.Doch nicht nur bei Renault hat er Probleme zu bewältigen. Nissan, an dem die Franzosen zu 44 Prozent beteiligt sind, verliert auf dem wichtigen US-Markt wieder an Boden.Ghosn muss beweisen, dass er tatsächlich beide Konzerne in Personalunion erfolgreich führen kann. Das hat vor ihm noch niemand versucht. Seine Gulfstream G550, mit der er nonstop von Paris nach Tokio jetten kann, wird intern schon ?fliegendes Büro? genannt.Die Zeit drängt. Daher verkündete der Doppelchef bereits, dass morgen nicht nur der Tag der Verkündung des neuen Dreijahresplans sein wird, sondern auch der erste Tag der Umsetzung.
Carlos Ghosn1954 Er wird in Rio de Janeiro/Brasilien geboren, wächst in Libanon auf und studiert Ingenieurwissenschaften in Paris.1978 Er beginnt bei Michelin, wo er 1990 zum Chef der Region Nordamerika aufsteigt.1996 Er kommt als Sanierer zu Renault, weil er auf Grund der Bevorzugung des Familiensprosses Eduard nicht Chef bei Michelin werden kann.1999 Renault steigt mit 36,8 Prozent bei Nissan ein (inzwischen 44,4 Prozent). Nissan erwirbt 15 Prozent an Renault. Ghosn übernimmt die Leitung des japanischen Konzerns, dem er eine drastische Kostensenkung verordnet.2002 Er gewinnt als Sanierer von Nissan an Statur und denkt erstmals laut darüber nach, ab 2005 die Chefposten bei Nissan und Renault in Personalunion zu führen.2005 Am 29. April wird er tatsächlich Nachfolger von Louis Schweitzer als Chef von Renault in Paris und bleibt Chief Executive Officer bei Nissan in Tokio.Der eigenwillige Automanager verbringt seitdem viel Zeit in Flugzeugen.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.02.2006