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Vor dem Abflug

Von E. Krummheuer
Rainer Schwarz, der Noch-Chef des Flughafens Düsseldorf, wechselt zum 1. Juni vom Rhein an die Spree: Er rückt an die Spitze der Berliner Flughäfen und soll den einstigen DDR-Zentralflughafen Schönefeld zum Hauptstadt-Airport ?Berlin-Brandenburg International? ausbauen. Ein Porträt.
DÜSSELDORF/BERLIN. Von seinem Schreibtisch blickt er aufs Rollfeld, wo die Maschinen starten und landen. Oder auf eine Vitrine mit Flugzeugmodellen vieler Gesellschaften. Das Büro würde jeden Fan der Fliegerei begeistern. Doch Rainer Schwarz hat kein ?Kerosin im Blut? wie so mancher in der Luftfahrt. Trotzdem: Er soll den alten DDR-Flughafen Schönefeld zum Hauptstadt-Airport ?Berlin-Brandenburg International? ausbauen.Selbst nach fast zwei Jahrzehnten im Management von Flughäfen ist Schwarz ein nüchterner Zahlenmensch geblieben. Die Fliegerei ist dem Chef des Flughafens Düsseldorf Geschäft ? nicht Leidenschaft. Daran wird auch sein bevorstehender Wechsel kaum etwas ändern: Am 1. Juni rückt er an die Spitze der Berliner Flughäfen. Er soll den alten DDR-Flughafen Schönefeld zum Hauptstadt-Airport ?Berlin-Brandenburg International? ausbauen, nachdem das Bundesverwaltungsgericht grünes Licht gegeben hat. Ein Zwei-Milliarden-Prestigeprojekt: Der künftige Großflughafen soll zur Nummer drei in Deutschland aufsteigen, hinter Frankfurt und München.

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Doch erst einmal muss der 49-jährige, promovierte Betriebswirt das Vorhaben, um das jahrelang gerungen wurde, bezahlbar machen. 440 Millionen Euro soll die Gesellschaft der Flughäfen Tegel, Tempelhof und Schönefeld selbst aufbringen. Da wird er an die Strategie anknüpfen können, die er auch dem Flughafen Düsseldorf verordnete: ?den Wandel von behördlichen Strukturen zu industriellen Standards?. Damit begann der gebürtige Essener elf Tage vor den Attentaten des 11. September 2001. Er fand einen Flughafen vor, der nach dem Großbrand ? fünf Jahre zuvor ? eine gewaltige Baustelle war. Und der zudem vom schnell wachsenden Münchener Flughafen im Passagieraufkommen vom Platz 2 hinter Frankfurt verdrängt worden war.?Operativ?, sagt Schwarz, der seine Worte mit Bedacht wählt, ?war die Situation desaströs.? Sie ist es heute nicht mehr. ?Düsseldorf International? hat im vergangenen Jahr den Gewinn gegenüber dem Vorjahr verdreifacht. Der Flughafen sei heute ähnlich profitabel wie etwa BAA, der weltweite britische Marktführer, bilanziert der scheidende Chef mit seltenem Stolz. Zudem erwartet er in diesem Jahr einen Passagierrekord. Schwarz hat die Flughafen-GmbH umgekrempelt, um sie im liberalisierten Flughafengeschäft wettbewerbsfähiger zu machen. In einem ersten Schritt gliederte er dafür die Bodenverkehrs- und Gepäckdienste in eine private Tochter aus ? nach mühsamen Verhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi.Verhandlungsgeschick brauchte Schwarz auch im Umgang mit den Eigentümern, der Landeshauptstadt Düsseldorf und einem privaten Konsortium unter Führung des Essener Hochtief-Konzerns. Wie kompliziert das Zusammenspiel von extrovertierten Kommunalpolitikern und renditeorientierten Unternehmern ist, zeigt sich jetzt wieder: Ein Nachfolger für Schwarz ist nicht in Sicht. Seinen Job müssen vorerst die beiden Mitgeschäftsführer übernehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hartnäckig, aber ?beratungsoffen"Dass dem begeisterten Tennisspieler und gelegentlichen Motorradfahrer der Hickhack der Eigentümer hinter den Kulissen den Abschied nicht gerade erschwert, liegt nahe. Dazu jedoch äußert sich Schwarz nur zwischen den Zeilen: Das Zusammenspiel privater und öffentlicher Gesellschafter sei ?schon eine spannende Herausforderung? gewesen, in die er ?ein Stück eigene Persönlichkeit eingebracht? habe. Schwarz gilt in der Flughafenbranche als Analytiker und im Unternehmen als hartnäckig, aber ?beratungsoffen?.In Berlin hat er es ausschließlich und gleich mit drei öffentlich-rechtlichen Gesellschaftern zu tun: dem Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg. Die Rückkehr ins politische Eigentum sieht Schwarz gelassen. Die drei Eigentümer vereine das gemeinsame Ziel, einen neuen Großflughafen zu schaffen. Das sei für ihn eine ?wichtige Eingangsvoraussetzung? gewesen. Im Übrigen sei die Aufgabe dieselbe wie am Rhein: ?einen Flughafen nach unternehmerischen Kriterien zu entwickeln?. Und: Während der Ausbau des Flugbetriebs in Düsseldorf von Genehmigungsverfahren abhängig sei, könne er ?in Berlin endlich unlimitiert Verkehr aufbauen?.Seinem aufbrechenden Manager zollt der private Gesellschafter Hochtief volles Lob. Schwarz habe ?es verstanden, dem Airport das richtige Profil zu geben?, sagt der Chef der Hochtief Airport, Reinhard Kalenda. Deutlicher, im Hinblick auf die Probleme mit den Gesellschaftern, wird Air-Berlin-Chef Joachim Hunold. ?Unter den gegebenen Rahmenbedingungen in Düsseldorf hat er einen hundertfünfzigprozentigen Job gemacht?, sagt er über seinen langjährigen Weggefährten.Sie kennen sich seit Schwarz? Zeit als Flughafenchef in Nürnberg. Dort bauten sie ein Winter-Drehkreuz für Air Berlin auf. Das bescherte dem Airport reichlich Passagieraufkommen und ein neues, schmuckes Terminal. In die Branche war Schwarz ?als völliger Exot? gekommen ? auf Empfehlung seines Doktorvaters bewarb er sich in München-Riem. Das Bewerbungsgespräch wurde, erinnert er sich, ?im schneebedeckten Erdinger Moos? geführt, ?wo Taucher gerade den unterirdischen S-Bahnhof für den neuen Flughafen bauten?. Schwarz blieb bis zum Umzug nach Erding. Jetzt wieder dabei zu sein, wenn ein Flughafen gebaut wird, das ist für ihn ?ein Stück Reiz der Berliner Aufgabe?.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.05.2006