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Von Wirtschaft keine Ahnung

Von Christoph Moss, Handelsblatt
Studien belegen großen Nachholbedarf bei ökonomischer Bildung in Deutschland. Die Hoffnung, dass ökonomische Kenntnisse automatisch die eigene Karriere begünstigen, lässt sich allerdings nicht ohne weiteres belegen.
Die Deutschen sind finanzielle Analphabeten. Jeder Vierte, den die Bertelsmann Stiftung in diesem Frühjahr befragt hat, glaubt, dass Aktien eine besonders sichere Geldanlage gegen Wertverlust sind. Besserverdiener gaben in der Studie sogar an, Sparbücher seien riskanter als Aktien.Selbst Wirtschaftsstudenten sind vor Irrtum nicht gefeit. Fast jeder dritte Student der Wirtschaftswissenschaften konnte in einer Commerzbank-Studie nicht die Frage beantworten, in welcher Stadt die Europäische Zentralbank ihren Sitz hat. Frankfurt wäre die richtige Antwort gewesen. Und jeder zweite Ökonomie-Student wusste nicht, dass ein Bausparvertrag nicht unbedingt an eine Immobilie geknüpft sein muss. Die studentische Marketingvereinigung MTP hatte die finanzielle Allgemeinbildung von 200 Kommilitoninnen und Kommilitonen an den Universitäten Mannheim, Köln, Münster und Duisburg-Essen getestet. Die Ergebnisse wurden zu Jahresbeginn veröffentlicht und sorgten für Betrübnis unter Bildungsexperten.

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?In Deutschland herrscht großer Nachholbedarf bei ökonomischer Bildung?, sagt Hans Kaminski, Professor an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Kaminski leitet dort das Institut für Ökonomische Bildung. ?Wer keine Kenntnisse in Ökonomie und Politik hat, ist der öffentlichen Meinung fast widerstandslos ausgesetzt. Je weniger ich weiß, desto mehr muss ich glauben?, sagt der Experte.Das Verständnis für politische Reformen wie etwa bei der Agenda 2010 wäre in Deutschland wohl größer, wenn es um die wirtschaftliche Bildung der Menschen besser bestellt wäre, glaubt auch Gerhard Kleinhenz. Der Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Passau war bis 2002 Leiter des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). ?Das Interesse der Öffentlichkeit richtet sich bei Wissenschaftsthemen häufig nur auf naturwissenschaftliche Phänomene. Dabei sind die Gesetze der Wirtschaft genauso spannend und bedeutsam.?Die Hoffnung, dass ökonomische Kenntnisse automatisch die eigene Karriere begünstigen, lässt sich allerdings nicht ohne weiteres belegen. Im Gegenteil: Im Jahr 2000 waren dem IAB zufolge knapp 14  000 Menschen arbeitslos, die einen Universitätsabschluss in Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre nachweisen konnten. Drei Jahre später lag die Zahl der Betroffenen schon bei mehr als 20  000.Und obwohl nahezu in jeder Berufsgruppe die Arbeitslosigkeit unter Akademikern gestiegen ist, bleiben die Forscher vom IAB optimistisch: ?In Zukunft wird der Bedarf an Hochqualifizierten weiter steigen?, schreiben Alexander Reinberg und Franziska Schreyer in einer Analyse aus dem vergangenen Herbst. Den Grund für diese Erkenntnis sehen sie im Strukturwandel hin zur Informations- und Wissensgesellschaft, der die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitskräften wachsen lasse. ?Jungen Menschen mit entsprechenden Interessen und Fähigkeiten kann man also unter Arbeitsmarktgesichtspunkten zu einem Studium nur raten.?Bildungsexperte Hans Kaminski will noch früher ansetzen. Er fordert, dass das Fach ?Wirtschaft? flächendeckend an deutschen Schulen gelehrt wird. ?Wenn sich die nationale und internationale Wirtschaft so stark verändert, muss auch das inhaltliche Angebot der Schulen neu justiert und der Bildungsauftrag der Schulen überprüft werden.?
Dieser Artikel ist erschienen am 05.05.2004