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Von Pierer feiert Hauptversammlung

Heinrich von Pierer wollte immer mehr sein als nur Manager. Bis heute versucht der Siemens-Aufsichtsratschef auch als Bürger zu wirken und sein Wissen in den Dienst der Öffentlichkeit zu stellen.
MÜNCHEN. Die Party wird laut, die Küche deftig, es dürften etwa 10 000 Gäste kommen ? es ist also alles angerichtet nach dem Geschmack von Heinrich von Pierer. Am Donnerstag, dem Tag der Hauptversammlung, feiert der Aufsichtsratsvorsitzende der Siemens AG seinen 65. Geburtstag ? ?reiner Zufall? versichert ein Vertrauter.Man könnte auch eine Fügung darin erblicken, denn zweifellos ist Siemens mehr als nur ein Teil im Leben des Mannes aus Erlangen, der das Geschick von Deutschlands größtem Technologiekonzern bis heute mitbestimmt. Darum wird er an einem Tag, an dem andere ihre Altersteilzeit beenden, als Leiter der Hauptversammlung ziemlich zu tun haben. Es wird in jedem Falle munter zugehen.

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Stellte man den Deutschen die Frage, mit welchem Spitzenmanager sie am liebsten Würstchen grillten, von Pierer landete auf einem Spitzenplatz. Äußere Eitelkeiten sind ihm fremd, er gibt sich offen bis hemdsärmelig ? auch das hat mit Führungskultur zu tun. Immer hat er betont, das Unternehmen müsse Aktionären wie Mitarbeitern dienen, und man wird ihm nicht vorwerfen können, dass er nicht versucht habe, dies vorzuleben ? bis hin zum regelmäßigen Mittagessen in der Kantine.Dabei wollte von Pierer immer mehr sein als nur Manager, bis heute versucht er, auch als Bürger zu wirken. So hat er früh schon kommunalpolitisch Verantwortung getragen, sich auch öffentlich stets seiner Verantwortung gestellt. Schließlich war von Pierer, der sich in seiner Jugend auch als Journalist versuchte, immer auch ein großer Kommunikator. Darum hat er wichtige Funktionen in der Verbandspolitik übernommen, unter anderem als Vorsitzender des Asien-Pazifik-Auschusses. Bald schon wird er der Bundeskanzlerin als Kopf eines Beratergremiums für Innovation und Wachstum zur Verfügung stehen, in wenigen Wochen soll das Gremium stehen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bei aller Veränderung kam es von Pierer auch darauf an, die Siemens-Kultur zu wahren.Sein Hauptwerk aber heißt Siemens, dieser Technikkosmos, die ewige Baustelle. Von Pierer, Volkswirt und Jurist und damit der erste Nichttechniker an der Spitze seit 1971, hat die heutige Gestalt des Konzerns mitgeformt. Als er 1992 als Vorstandschef antrat, umfasste der Konzern 300 Tochtergesellschaften und 450 nicht konsolidierte Beteiligungen. Bald schon begann das große Aufräumen.Heute ist Siemens mit seinen sechs Kerngeschäftsfeldern wesentlich klarer aufgestellt. Das heißt zwar noch lange nicht, dass man alles verstehen müsste, was bei Siemens so vor sich geht. Aber bei aller Veränderung kam es dem Reformer auch darauf an, die Siemens-Kultur zu wahren. Nicht ganz ohne Eitelkeit hat er einmal gesagt, seine Reformen seien beispielhaft für das, was Deutschland noch vor sich habe.So hat von Pierer seine Firma zu einem Weltkonzern geformt. Längst erwirtschaftet das Unternehmen den Großteil seiner Erlöse im Ausland, in den USA setzt Siemens deutlich mehr um als daheim. Kritiker bemängelten, von Pierer habe den Konzern nicht besenrein übergeben, als er vor einem Jahr seinem Zögling Klaus Kleinfeld Platz machte. Aber kann man Siemens wirklich besenrein machen?Tatsächlich hatte von Pierer unter anderem das Problem der defizitären Handy-Sparte nicht gelöst. Kleinfeld musste den Schnitt machen und die Sparte nach China verkaufen ? ausgerechnet an BenQ. Bis heute jammern die Kollegen, dass Siemens beim Massenpublikum nichts mehr zum Anfassen zu bieten habe.Wie auch immer, am Tag, an dem andere mit Champagner auf ihr Lebenswerk anstoßen, wird Heinrich von Pierer das tun, was er neben Tennis am liebsten tut: schaffen. Für denAbend ist eine Aufsichtsratssitzung anberaumt. Happy Birthday.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.01.2006