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Von Oscar geliebt, von Mickey gefeuert

Von Frank Siering, Handelsblatt
Harvey und Bob Weinstein produzierten den Erfolgsfilm ?Aviator?. Trotzdem will die Muttergesellschaft Disney sie feuern. ?Die Brüder sind mittlerweile zu mächtig im Filmgeschäft?, erklärt ein Marketingleiter aus der Branche.
Aviator mit Leonardo DiCaprio als Howard Hughes ist ein Favorit bei der Oscar-Verleihung 2005. Foto: Buena Vista
HB LOS ANGELES. Damit ist es vorbei ? sagt Weinstein. 20 Pfund hat er abgenommen in den vergangenen drei Monaten, Sojamilch und Joghurt stehen auf seinem Schreibtisch. Die Schokolade bleibt im Schrank, nur Kaffee und Zigaretten zählen noch zu seinen Begleitern: ?Irgendwo muss ich den Stress ja hinstecken?, sagt er und lächelt ironisch.Davon hat er derzeit genug. Der von Miramax produzierte ?Aviator? ist gestern für gleich elf Oscars nominiert worden, ebenso viele wie im vergangenen Jahr das Miramax-Werk ?Herr der Ringe III?. Im Wettbewerb um die Trophäe für den besten Film steht er sogar in Konkurrenz zu ?Finding Neverland? ? ebenfalls aus dem Hause Miramax.

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Und doch hält sich das Glück in Grenzen. Nach jahrelangem Höhenflug der von ihm und Bruder Bob geführten Miramax-Studios will sein Arbeitgeber Disney den Vertrag mit den Weinsteins nicht verlängern. ?Wir haben mit unseren Filmen Hunderte von Millionen Dollar an Profit eingefahren. Und Disney-Chef Michael Eisner will uns auf einmal nicht mehr?, sagt Harvey Weinstein nachdenklich und zieht an seiner Zigarette. Der Grund dafür ist ein offenes Geheimnis: ?Die Brüder sind mittlerweile zu mächtig im Filmgeschäft. Der Auszubildende hat seinen Chef überflügelt?, sagt ein Marketingleiter aus der Entertainment-Industrie.1979 hatten Bob und Harvey Weinstein Miramax gegründet und nach den Vornamen ihrer Eltern (Miriam und Max) betitelt. Das Geld für die Finanzierung ihres Studios hatten die Filmfans aus dem New Yorker Arbeiterviertel Queens mit einem kleinen Independentstreifen verdient, dessen Vermarktungsrechte sie sich in Cannes gesichert hatten. Schnell wurden sie zum Studio, das Stars machte. ?Die Brüder erkennen Talente wie keiner sonst in dieser Industrie?, sagt Oscar-Gewinnerin Nicole Kidman. Sie muss es wissen: Harvey Weinstein förderte sie schon, als ihre hervorstechendste Eigenschaft noch die Ehe mit Tom Cruise war.1993 übernahm Disney Miramax für 80 Millionen Dollar ? und machte die Brüder, die als Geschäftsführer im Unternehmen blieben, über Nacht zu Millionären. ?Das Geld war schön, aber interessiert hat uns eigentlich immer nur, tolle Projekte anzukurbeln?, sagt Bob Weinstein, der stillere der beiden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Aufgaben sind klar verteiltDie Aufgaben sind klar verteilt: Harvey reist von Premiere zu Premiere, um die Miramax-Werke anzupreisen, Bob sitzt in seinem New Yorker Büro und kümmert sich leise um die Finanzen.Das ungleiche Brüderpaar, das den Vater früh verlor und von der Mutter aufgezogen wurde, soll sich in der Vergangenheit nicht immer so prächtig verstanden haben. Von Eifersüchteleien ist die Rede, von Meinungsverschiedenheiten, was die Kontur der Firma angeht. Erst die jüngste Krise habe die Weinsteins wieder ?total zusammengeschweißt?, sagt ein Mitarbeiter. ?Die Brüder bekämpfen sich wie Gockel, aber wenn es wirklich ernst wird, halten sie zusammen wie Pech und Schwefel?, meint Les Moonves, Chef vom US-Fernsehsender CBS.Jahrelang hielt Miramax die Budgets der eigenen Produktionen klein, kaufte aber anspruchsvolle Filme aus dem Ausland ein. Im Jahr kommen somit etwa 30 bis 40 Filme unter dem Miramax-Siegel in die Kinos. Die Kritiker- und Publikumsfavoriten drückten die Weinsteins dann mit gigantischem Marketingaufwand in den Markt. Diese Taktik ging jahrelang auf: Filme wie ?Chicago?, ?Pulp Fiction? oder die ?Herr der Ringe?-Trilogie spülten Millionen in die Kasse und wurden mit Oscars überhäuft.Dann aber, im Jahr 2002, ging etwas schief: Martin Scorseses ?Gangs of New York? floppte trotz Leonardo di Caprio. Auf genau einen solchen Fehltritt schien der selbst stark angeschlagene Disney-Boss Eisner nur gewartet zu haben. Über Mittelsmänner ließ er in den US-Medien streuen, dass die Verträge der Weinstein-Brüder ? sie sollen mit weit über der 100 Millionen Dollar dotiert sein ? durchaus zur Disposition stehen würden. Sie laufen im September dieses Jahres aus.Wieder war es Harvey, der sich als anscheinend stärkerer Bruder aus dem Fenster lehnte: Er attackierte Eisner für dessen ?Feigheit?, Michael Moores Irak-Kriegs-Dokumentation ?Fahrenheit 9/11? nicht unter Disney-Flagge in die Kinos zu schicken.Angeblich liegen den Brüdern bereits lukrative Angebote von anderen Studios vor. Rupert Murdoch, der australische Mediengigant, könnte sich vorstellen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Und auch der neu aufgestellte und erweiterte Filmarm von Sony soll angeklopft haben, ebenso Time Warner.Aber derzeit schütteln die Weinsteins nur den Kopf. ?Ich kann mir vorstellen, dass sie noch einmal mit einer neuen Produktionsfirma anfangen?, sagt ein Analyst von Goldman Sachs. Und fügt hinzu: ?Würden Harvey und Bob Weinstein versuchen, eine Milliarde Dollar an Kapital einzusammeln ? ich wäre sofort dabei. Und wahrscheinlich jeder andere Banker an der Wall Street.?Und irgendwie scheint es, als sei das Märchen der beiden Brüder aus Queens noch nicht zu Ende.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.01.2005