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Von Jungspunden und alten Knackern

Die Fragen stellte Stuart Crainer
Warren Bennis, Doyen der Forschung über Führungsstärke, macht sich Gedanken über den Zustand der Führungselite.
Was hat Sie dazu veranlasst, junge und alte Führungskräfte miteinander zu vergleichen?Ich möchte die menschliche Entwicklung verstehen. Das ist die neue Herausforderung. In Zukunft werden in den Business Schools Lehrstühle für kognitive Psychologie und menschliche Entwicklung eingerichtet werden. Die menschliche Entwicklung wird ein wesentlicher Bestandteil in den Lehrplänen über Führungsstärke sein. Das hätte ich als Fachgebiet gewählt, wenn ich jetzt zu entscheiden hätte.

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Es gibt zwei grundlegende Dinge, die mich wirklich brennend interessieren und die ich verstehen will. Zunächst einmal bin ich nicht sicher, ob ich wirklich verstehe, wie meine Studenten, die in ihren Zwanzigern und junge Führungskräfte sind, die Welt sehen. Diese Leute denken visuell, digital und virtuell. Ich will verstehen, was sie antreibt, wie sie die Welt wahrnehmen, wie sie Erfolg definieren, welche Karriereziele sie haben. Ich will verstehen, worin sie den Sinn ihres Lebens sehen.Die zweite Gruppe - die Führungskräfte von siebzig aufwärts - besteht aus Menschen, die es alle fertigbringen, geistig offen zu bleiben und die sich ständig neu erfinden. Ich will wissen, warum diese Leute weiter wachsen und warum andere stecken bleiben. Ich habe Leute erlebt, die gerade einmal 40 sind und schon für alle Ewigkeit auf der Stelle treten. Aber diese älteren Führungspersönlichkeiten sind immer noch hungrig nach mehr. Warum?Sind die älteren Führungskräfte - die ?alten Knacker? - nicht naturgemäß interessanter als die Jungspunde?Ich bin einer von diesen Opas und würde es hassen, wenn ich jetzt parteiisch oder voreingenommen klänge. Aber die alten Knacker haben einfach länger gelebt und viel mitgemacht. Was die Jungspunde nicht erfahren haben, sind Bewährungsproben wie der Zweite Weltkrieg oder die Depression. Sie sind in Jahren des fast ununterbrochenen Wohlstands, Wachstums und Erfolgs aufgewachsen und geprägt worden. Sie sind oft Kinder des Überflusses. Der 11. September war daher die erste kollektive Erschütterung für die Weltanschauung, mit der sie aufgewachsen sind. Das war ein Schock für sie.Sie haben gesagt, die Jungspunde werden von ihren Möglichkeiten erdrückt.Die Welt steht ihnen offen und sie können wählen, was sie tun wollen. Das ruft tatsächlich Beklemmung hervor. Sie haben so viele Optionen und Möglichkeiten.Sie argumentieren, dass Bewährungsproben in der Entwicklung der Menschen wichtig sind. Kann man sich seine eigene Bewährungsprobe schaffen?Sie werden unaufhörlich geschaffen: Jemanden entlassen zu müssen; selbst entlassen zu werden; in ein Büro versetzt zu werden, das man nicht mag; zu denken, man sei degradiert worden, wenn das vielleicht gar nicht zutrifft. Mein Anliegen ist es herauszufinden, wie wir mit solche alltäglichen Bewährungsproben umgehen. Was fangen wir schließlich damit an? Lernen wir aus ihnen? Werden wir schlauer?Oder erfahren wir sie wie einen Traum, der sich auflöst, wenn wir aufwachen und uns die Zähne putzen? Oder denken wir über den Traum nach und ziehen eine Lehre daraus?Also sollten Führungskräfte sich auf die Suche nach riskanten Begebenheiten machen?Letztendlich kann man Mandelas Gefangenschaft auf Robyn Island oder die Erfahrungen von John McCain als Kriegsgefangener in Vietnam nicht künstlich herstellen. Das sind Extreme.Ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg waren offensichtlich eine Bewährungsprobe für Sie. Aber sind Sie daraus mit dem Gefühl hervorgegangen, ?jetzt bin ich eine Führungspersönlichkeit??Was ich gelernt habe, waren Disziplin und das Gefühl, mich selbst unter Kontrolle zu haben. Das hat mich so sehr geformt und Dinge aus mir herausgeholt, die ich sonst vielleicht nie erfahren hätte. Ich war sehr schüchtern und hatte das Gefühl, ich sei ein Langweiler. Als ich dann eine Weile beim Militär war, fühlte ich, wie ich für mich selbst interessanter wurde. Es war ein Reifeprozess.Finden Sie das gleiche Niveau an Selbstreflexion bei den jungen Führungskräften vor, mit denen Sie sprechen? Ich glaube, sie haben das Gefühl, dass sie eher die Freiheit haben, über sich selbst und ihre persönlichen Gefühle zu sprechen. Das ist bei einigen der Opas ganz anders. Die würden nicht im Traum daran denken, über die Beziehungen zu ihrer Familie und so weiter zu sprechen. Die alten Knacker halten sich wirklich stark zurück, sind reservierter. Die jüngere Generation dagegen geht freier mit ihren Gefühlen, Zielen und dergleichen um.Wie steht es um die Art und Weise, wie wir Führungskräfte fördern? Eine Menge Leute scheint MBA-Programme zu absolvieren, ohne sich im Kern ihrer selbst bewusst zu sein.Man muss wissen, dass die meisten Fakultätsmitglieder an Business Schools selbst tatsächlich noch nie eine Führungsfunktion inne hatten. Die Schwerstarbeit, tatsächlich selbst zu führen, kennen sie nicht. Ich bin froh, dass die Schulen jetzt auch Studenten nehmen, die drei oder fünf Jahre im Beruf gestanden haben. Die haben dann in vielen Fällen mehr Erfahrung als die Fakultätsangehörigen.Ich trete für ein System des nationalen Dienstes ein. Das brauchen wir dringend. Die jungen Leute haben sich alle fein gemacht und haben keine Party, auf die sie gehen können. Das muss nicht unbedingt der Dienst beim Militär sein - obwohl ich das nicht ausschließen würde. Wichtig wäre, dass die jungen Leute wirkliche Erfahrungen sammeln können, bevor sie auf die Business School gehen oder Jura studieren.An der Harvard Business School muss man einen Kurs in Ethik belegen. An den meisten anderen Schulen nicht. Das ist ein sehr schwieriges Thema, aber wir müssen über den Zweck der Erziehung nachdenken. Wir müssen an den Business Schools die Frage stellen: Gibt es etwas Wichtigeres als Geld? Sind Unternehmen für mehr da als Geld und Gewinn? Das steht natürlich außer Frage, aber wir müssen das besser erklären.Gibt es einen Unterschied zwischen den Jungspunden und den Opas, was ihre Haltung zum Geld angeht?Die Opas wurden im Überlebensmodus erzogen. Sie haben als Heranwachsende oft Armut erlebt mit begrenzten finanziellen Aufstiegsmöglichkeiten. Mit einem Gehalt von 10 ü000 Dollar pro Jahr waren sie schon zufrieden.Vergleichen Sie das einmal mit den Jungspunden, von denen einige schon sehr früh eine Menge Geld verdient haben. Die arbeiten aus einem ganz anderen Kontext heraus. Wenn sie pleite gingen, würden sie sich eher um ihren Lebensunterhalt als um ihren Platz in der Geschichte Sorgen machen. Kann man die Kluft zwischen den Jungspunden und den Opas überbrücken?Wir müssen. Schließlich werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass viel mehr solche alten Knacker wie ich herumlaufen werden. Den Opas könnten die gegenwärtigen Veränderungen, wie etwa die Computer-Technik, größere Schwierigkeiten bereiten. Wenn man einmal sechzig geworden ist, denkt man mehr über die eigene Sterblichkeit nach. Und man beneidet die Jugend ein wenig. In den Sechzigern ist man kein großer Hoffnungsträger mehr.Der Dialog zwischen den Generationen ist wichtig. Die Vermittlung muss die Gruppe in der Mitte - zwischen den Jungspunden und den Opas - übernehmen. Sie fühlt sich wohl mit der Technologie, verfügt aber gleichzeitig über ein bisschen mehr Weisheit und Lebenserfahrung. Sie muss meiner Meinung nach die Verantwortung des Übersetzers übernehmen und jeder Gruppe zur Seite stehen. Das wird ein grundlegendes Thema für die gesamte Gesellschaft.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.10.2003