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Von hier an grün

Von Frank Siering
John Doerr, der Superstar unter den Risikokapitalgebern des Silicon Valley, orientiert sich neu: Sein Interesse gilt jetzt dem Umweltschutz. Wer John Doerr beschreiben will, sieht sich schnell zum Gebrauch von Superlativen genötigt. Der Lorbeerbekränzte selbst mag so etwas gar nicht gerne hören. ?Um Gottes willen, so ein Blödsinn?, antwortet der 56-Jährige: ?Ich habe schon so viele Fehler in meinem Leben gemacht, dass es für dieses und zwei weitere Leben reicht."
SAN FRANCISCO. Zum Beispiel ließe sich sagen, dass er für das Silicon Valley ist, was Tom Cruise für Hollywood darstellt: ein Superstar, ein Überflieger, einer, der nichts falsch machen kann, bewundert, gefeiert, auf Händen getragen.Der Lorbeerbekränzte selbst mag so etwas gar nicht gerne hören. ?Um Gottes willen, so ein Blödsinn?, antwortet der 56-Jährige: ?Ich habe schon so viele Fehler in meinem Leben gemacht, dass es für dieses und zwei weitere Leben reicht.?

Die besten Jobs von allen

Wie bitte? John Doerr? Der vielleicht beste Risikokapitalgeber der Welt? Der einst Startups wie Amazon, AOL, Compaq und Netscape die nötigen Dollar gab, um ihre Ideen zu verwirklichen? Ein Mann, aus dessen 12,5 Millionen Dollar, die er in Google steckte, ein Gewinn von drei Milliarden Dollar wurde? Nein, Mister Doerr, das kann nicht Ihr Ernst sein?John Doerr lacht. Er lehnt sich zurück, beißt in sein vegetarisches Sandwich und erinnert mit zerknirschtem Gesicht an Unternehmen wie Homestore.com. Firmen, an die Doerr glaubte und die Kleiner, Perkins, Caufield & Byers, der Firma, für die er als einer von 18 Partnern tätig ist, Millionen Dollar kosteten. Vom Platzen der Dotcom-Blase will er gar nicht reden: ?Da haben wir viel Geld die Toilette heruntergespült.?Auch ein John Doerr also langt zuweilen mächtig daneben. Doch wer solche Erfolge vorzuweisen hat wie er, wird eben besonders in Augenschein genommen, wenn er sich so massiv und so überraschend einem neuen Tätigkeitsfeld zuwendet, wie dies Doerr und sein Kollege und guter Freund Vinod Khosla derzeit tun.Diesmal wettet das Gespann auf grüne Technik: Über 100 Millionen Dollar steckte Kleiner Perkins jüngst in Firmen, die ?uns saubere Energie, klares Wasser und bessere Luft liefern werden?, erklärt Doerr. ?Green Tech könnte die größte ökonomische Chance des 21. Jahrhunderts bieten?, schließt sich Khosla an.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die einmalige Fähigkeit, Trends zu entdeckenIm Silicon Valley braucht es meist nur eine solche Äußerung aus dem Hause Kleiner Perkins, um die Kapitalgeberbranche in Unruhe zu versetzen. ?Wenn John Doerr öffentlich zu seinen Investitionen Stellung nimmt, hören die Leute sofort hin?, sagt Mark Heesen, Präsident der National Venture Capital Association: ?Doerr hat die Fähigkeit, Trends zu entdecken wie kein Zweiter.?Und deshalb fließt derzeit in den sonst als Umweltsünder attackierten USA viel Geld in Grünes: ?Nanotechnologie, alternative Energiequellen, saubere Luft, Recycling. Das sind Bereiche, die in den USA dieser Tage unter Venture Capitalists gute Laune verbreiten?, sagt Craig Cuddebach, Vizepräsident des Öko-Investor-Verbandes Cleantech Venture Network. 1,6 Milliarden Dollar seien 2005 in diesen Bereich geflossen, behauptet eine Studie des Netzwerks, 35 Prozent mehr als im Vorjahr. ?Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht mehr die Wahl treffen müssen, ob sauber oder profitabel?, begründet Cuddebach das Wachstum.Einer wie Doerr weiß das. Aber einer wie Doerr ? der schon seit langer Zeit den Titel Milliardär trägt ? lässt sich durch Profite allein nicht mehr motivieren.Doerr ist ein politischer Mensch. Duz-Freund von Al Gore, Sponsor der Demokratischen Partei, ein ?Salon-Linker?, giften Gefolgsleute von US-Präsident George W. Bush. ?Das stört mich nicht?, wischt Doerr solche Anfeindungen weg.Doerrs Interesse an der Umwelt ist nicht neu. Seit Jahren beschäftigt den Elektroingenieur mit Harvard-MBA die Entstehung riesiger Metropolen, der Mega-Cities. ?Eine der größten Herausforderungen unserer Generation?, sagt er.Gerne zitiert Doerr, kommt das Gespräch auf dieses Thema, Reports, die zu seiner täglichen Pflichtlektüre gehören: ?Experten vermuten, dass sich die Zahl der Städte mit Einwohnerzahlen von mehr als zehn Millionen Menschen innerhalb der nächsten 50 Jahre verdreifachen wird.? Begeisterung kann ihm das nicht entlocken: ?Menschen schreien schon heute nach frischer Luft. All diese Menschen wollen das, was du und ich wollen ? sauberes Wasser, saubere Energie, saubere Transportmittel.?Und dennoch: Irgendwie scheinen die Berufsbilder Venture Capitalist und Polit-Linker nicht zusammenzupassen. Doerr gibt ungelenk und selbsterkennend zu, dass er sich tatsächlich in den vergangenen Jahren ?ein wenig verändert hat?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Job als Hamburger-Berater trieb ihn zu größeren AbenteuernDer mit vier Geschwistern in St. Louis aufgewachsene Doerr hatte sich schon früh vorgenommen, ?den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär? zu verwirklichen. Nur war es in seinem Fall ein Job als Hamburger-Brater, der ihn zu größeren Abenteuern trieb. Mitte der 70er kam er nach Kalifornien: ?Ich mietete mich für 50 Dollar im Monat in der Garage eines meiner Professoren ein.?Es war seine Jugendliebe und heutige Ehefrau, die ihm einen Job bei Intel verschaffte, wo sie ebenfalls arbeitete. ?Intel hatte gerade den 8-Bit-Mikroprozessor entwickelt. Es waren aufregende Jahre bei der wohl bis heute sicherlich hervorragend gemanagten Firma?, sagt Doerr.1980 dann der Sprung zu Kleiner, Perkins, Caufield & Byers: ?Ich hatte Glück, war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Und durch meine Intel-Erfahrung ahnte ich, in welche Firmen wir investieren müssten, um Profite zu erwarten.?Was John Doerr nicht erzählt, ergänzt Weggefährte Khosla: ?John hat das Gespür eines Bluthundes. Er kann jeden Geruch sofort erkennen, weiß wie kein Zweiter in der Branche, wann eine Firma den Weg zum Erfolg eingeschlagen hat.?Genau jenen Zeitpunkt soll nun also die grüne Technik erreicht haben ? Zeit zum Einsteigen für Kleiner Perkins. Welche Firmen Geld erhalten, ist allerdings noch nicht bekannt.Doch Doerr, behauptet er zumindest, geht es nicht nur um Geld. Er will ?eine bessere Welt für die Kinder meiner Kinder kreieren?. Ein Mega-Kapitalist mit sozialem Bewusstsein ? auch das kann doch nicht ihr Ernst sein, Mister Doerr? Doch, ist es. Und man möchte ihm glauben, wenn er sagt: ?Wir müssen heute nicht mehr wählen. Wir können Geld verdienen und trotzdem die Umwelt retten. Die Zeit ist hier und jetzt.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein bewegter LebenslaufJohn Doerr1952 wird er geboren. Er wächst in St. Louis zusammen mit vier Geschwistern auf. Später studiert er Elektroingenieurwesen an der Rice University und macht seinen MBA in Harvard.1974 geht er zu Intel, wo schon seine Frau Ann arbeitet. Mit ihr hat er heute zwei Kinder. Bei Intel wird er schnell einer der wichtigsten Vertriebsleute.1980 wechselt er ins Venture-Capital-Geschäft zu Kleiner Perkins Caufield & Byers. Dort ist er an der Finanzierung von Unternehmen wie Compaq, Netscape, Sun Microsystems und Amazon.com beteiligt.1999 investiert Kleiner Perkins auf Betreiben Doerrs 12,5 Millionen Dollar in eine Suchmaschine ohne Geschäftsmodell: Google.2000 fällt Doerrs Name als potenzieller Vize-Präsident der USA, sollte sein Duz-Freund Al Gore die Wahlen gewinnen. Gore entscheidet sich für Joe Liebermann ? und verliert die Wahl. Doerr bleibt politisch aktiv, unter anderem gründet er Tech Net, ein Netzwerk, das sich um die Verbesserung des Schulwesens bemüht.2005 führt ihn das US-Magazin ?Forbes? erstmals auf Platz eins seiner Midas-Liste der besten Risikokapital-Manager der Welt.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.04.2006