Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Von Gottes Gnaden

Von Stefanie Müller
Es gibt zwei Dinge, an die Manuel Pizarro vor allem glaubt: Gott und sich selbst. Wem das zu böse klingt, der muss den Chef des größten spanischen Versorgers Endesa nur erleben.
HB MADRID. Zum Beispiel am vergangenen Montag, als Pizarro zum ersten Mal vor die Presse tritt seit dem feindlichen Übernahmeangebot durch den kleineren Konkurrenten Gas Natural vor zehn Tagen: ?Seit dem Tag, an dem ich bei Endesa angefangen habe ? übrigens dasselbe Datum, an dem in Fatima die Jungfrau Maria erschienen ist ?, habe ich nur zum Vorteil der Firma gehandelt und nicht zu meinem eigenen?, brüllt er ins Mikro, sein Gesicht ist hochrot. Immer wieder hebt der schlanke, klein gewachsene 54-Jährige mit erhobenem Zeigefinger seine eigenen Qualitäten hervor.Die meisten Journalisten sind von dieser hitzigen Vorstellung eines der einflussreichsten Männer des Landes peinlich berührt. Denn bis dato ist Pizarro in der spanischen Finanzwelt hoch angesehen. Allerdings ist auch bekannt, dass er dem Opus Dei nahe steht, jenem in Spanien gegründeten, erzkatholischen und streng konservativen Orden. Für diesen ist die korrekte Erledigung der täglichen Arbeit von enormer Bedeutung ? nicht für das innere Gleichgewicht ihrer Sympathisanten, sondern auch für deren Stellung vor Gott und ihre Position in der Gesellschaft.

Die besten Jobs von allen

Anders als viele der spanischen Politiker, Unternehmer und Intellektuellen, die Opus Dei nahe stehen, scheint Pizarro jedoch derzeit weder seine Arbeit noch seine Gefühle im Griff zu haben ? und noch weniger seine Rhetorik.Deswegen scheint er eigentlich nicht geeignet als Doppelagent bei der Übernahmeschlacht um Endesa, für den viele ihn halten. Bei jeder Gelegenheit plärrt Pizarro zwar gegen die Fusion mit Gas Natural, kann jedoch als einziges Argument den niedrigen Preis von 21,3 Euro pro Aktie anbringen, den der Rivale für Endesa bieten will. ?Eine konkrete Abwehrstrategie ergriff er erst, als er merkte, dass die Gegenseite den Preis nicht anhebt. Und auch das nur halbherzig?, meint Juan Ignacio Sanz, Börsenexperte bei der spanischen Businessschule Esade in Barcelona. Pizarro traf sich auch vor einigen Tagen mit den Gewerkschaften, die er aufhetzen wollte. Doch diese wiesen ihn kalt zurück: Sie wollen neutral bleiben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ruf des Doppelagenten auch aus anderem GrundAber den Ruf des Doppelagenten hat Pizarro auch aus einem anderen Grund. Der ehemalige Justizbeamte kaufte nämlich ein paar Tage vor dem feindlichen Angebot von Gas Natural noch einmal 50 000 Endesa-Aktien für sein privates Portfolio. Er habe nichts von der Attacke gewusst, erklärt er vor der Presse, und den Moment für günstig gehalten.?Aber wir, die wir uns in den Finanzkreisen bewegen, wissen, dass es Treffen zwischen ihm und dem größten Aktionär bei Gas Natural, der Sparkasse La Caixa, gab?, sagt Manuel Romera, Bankenexperte bei der Madrider Businessschule Instituto de Empresa. Diese Treffen, bei denen auch über eine Annäherung von Gas Natural und Endesa gesprochen wurde, bestreitet Pizarro nicht, aber er besteht darauf, dass ihm versichert wurde, es gebe keine Übernahmepläne. Wie es auch war: Die Endesa-Aktie stieg seitdem von 19 auf über 22 Euro. Und damit auch sein persönliches Vermögen.Die Börse und ihre Regeln kennt Pizarro gut. Er gründete Ende der 80er selber zwei Brokergesellschaften und hatte verschiedene Positionen bei der Madrider Börsenholding inne. Die spanische Börsenaufsicht prüft derzeit, ob es sich wirklich um ein Insidergeschäft handelt. ?Aber Pizarro muss keine Konsequenzen fürchten. Der von der sozialistischen Regierung bestellte Aufsichtschef Manuel Conthe ist doch ein Fan dieser Fusion?, schreibt die spanische Internetzeitung ?El Confidencial?.Die regierenden Sozialisten würden Pizarro nun via Conthe und über die von ihnen kontrollierten Medien verbal abstrafen, könnten jedoch einen Prozess gegen ihn nicht gebrauchen: ?Sie wollen schließlich so schnell wie möglichen einen nationalen Champion im Energiesektor und keine weiteren Wirtschaftsskandale.?Dennoch ist Pizarro auf 180, vor allem weil er sich in seiner Ehre verletzt fühlt. Als ein Journalist vom staatlichen spanischen Radio ihm bei einer Endesa-Pressekonferenz eine Frage bezüglich möglicher Dividendenauszahlungen an die Aktionäre stellt, rastet Pizarro förmlich aus: ?Ihr Sender hat diese Gerüchte über die Insidergeschäfte verbreitet, jetzt können Sie Ihren Hörern mitteilen, dass ich hiermit bezeuge, dass ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen.?Erst fast drei Wochen später antwortete er dem Journalisten auf seine Frage: Sieben Milliarden Euro wird Endesa den Aktionären in den kommenden fünf Jahren zahlen, wenn sie die Fusion vereiteln. Aber auch hier fragen sich viele, ob seine Abwehrstrategie nicht nur ein Weg ist, um vom Konkurrenten noch ein besseres Angebot zu bekommen. ?Wahrscheinlich, da er nur an sein eigenes Glück denkt, schließlich ist er inzwischen drittgrößter Einzelaktionär bei Endesa?, sagt Romera. ?Hier zu Lande spekuliert fast jeder große Firmenchef wie er in die eigene Tasche.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Manuel Pizarro MorenoVita von Manuel Pizarro Moreno1951 wird er in Teruel in der nordspanischen Region Aragón geboren.1977 beendet er sein Jura-Studium. Anschließend arbeitet er in verschiedenen Positionen in der öffentlichen Justizverwaltung.1987 gründet er das Brokerunternehmen Barclays, Pizarro y Recorder mit. Später startet er die Börsenagentur Ibersecurities, die es immer noch gibt.1995 wird er Präsident der Sparkasse Ibercaja.1998 steht er zusätzlich der Branchenvereinigung CECA vor.2002 übernimmt er die Präsidentschaft beim Versorger Endesa. Pizarro ist verheiratet und hat drei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.10.2005