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Von Fieslingen will keiner was wissen

Von Julia Leendertse
?Können Sie Gabbana bitte buchstabieren?? Collegeabsolventin Andy Sachs glänzt wahrlich nicht mit Modekenntnissen, als sie einen begehrten Job ergattert. Manager unterschätzen den Wert charmanter Inkompetenz. Weniger beschlagene, aber nette Mitarbeiter können für Firmen wichtiger sein als kompetente Ekel. Manche dieser Menschenfreunde können sogar entscheidend werden für den Erfolg des Unternehmens.
?Können Sie Gabbana bitte buchstabieren?? Collegeabsolventin Andy Sachs glänzt wahrlich nicht mit Modekenntnissen, als sie einen begehrten Job ergattert. Andy ist die Assistentin von Miranda Priestly ? Herausgeberin der wichtigsten Modezeitschrift Amerikas. Und als solche noch nicht mal das italienische Designerduo Dolce & Gabbana zu kennen ist peinlich. Ihre erfolgreiche, aber ebenso selbstherrliche Chefin lässt daher keine Gelegenheit aus, sie zu schikanieren und mit den unmöglichsten Aufträgen zu quälen. Im Hollywoodstreifen ?Der Teufel trägt Prada? verkörpert Meryl Streep das Klischee einer Furie, die das Betriebsklima erstickt. Smarte Unsympathlinge wie sie sitzen auf allen Hierarchiestufen ? und die meisten Unternehmen unterschätzen, wie viel Sand diese ins Getriebe streuen.?Bei Chefs, von deren Gunst sie sich abhängig wähnen, mögen Mitarbeiter Allüren noch hinnehmen?, urteilt Heiko Wolters, Partner der Personalberatung Egon Zehnder. ?Kritisch wird es, wenn Kollegen auf gleicher Augenhöhe stehen und die Wahl haben, den anderen einzubeziehen oder ihn zu ignorieren.? Ein Problem, das viele Führungskräfte verharmlosen: ?Sie lassen sich oft von Mitarbeitern blenden, die zwar Spitzenleistungen erbringen, deren Know-how aber niemals anderen Kollegen zugute kommt ? weil keiner mit ihnen zusammenarbeiten will?, warnen die Organisationsexperten Tiziana Casciaro von der Harvard Business School und Miguel Sousa Lobo von der Duke University. Sie analysierten rund 10 000 Arbeitsbeziehungen. Fazit: ?Die meisten arbeiten lieber mit einem sympathischen Dummkopf als mit jemandem, der kompetent, aber unsympathisch ist.?

Die besten Jobs von allen

Casciaro und Lobo fragten Manager und ihre Mitarbeiter, wer generell mit wem zusammenarbeitet, wer in heiklen Situationen um Rat gebeten wird und an wen die Kollegen sich wenden, wenn sie ein Problem auf kreative Art lösen wollen. Auf die Frage: Was zählt mehr ? Kompetenz oder sympathische Ausstrahlung? hieß es unisono: ?Für mich zählen vor allem das Können und das Wissen eines Mitarbeiters. Wenn er noch ein netter Kerl ist ? umso besser. Sympathie ist für mich nicht der ausschlaggebende Faktor.? Die tatsächlichen Arbeitskontakte jedoch bewiesen das genaue Gegenteil. ?Wenn Mitarbeiter einen Kollegen absolut unsympathisch finden, ist es völlig egal, ob die Person fachlich exzellent ist oder nicht. Mit so jemandem wollen sie auf gar keinen Fall zusammenarbeiten?, betont Casciaro. ?Umgekehrt wenden sich Mitarbeiter wegen jeder Kleinigkeit an Kollegen, die sie nett finden ? auch wenn diese nicht besonders kompetent sind.?Ist es unprofessionell, wenn Mitarbeiter sich instinktiv lieber mit fachlich weniger versierten Sympathieträgern statt mit fähigen Fieslingen umgeben? ?Natürlich ist es manchmal ein Fehler, wenn man auf Know-how verzichtet?, urteilt Lobo. ?Doch erstens ist es oft schwierig und zeitraubend, einem ungehobelten Menschen Informationen zu entlocken, und zweitens muss man mitunter in solchen Gesprächen persönliche Schwächen preisgeben, die dieser womöglich ausnutzt oder anderen preisgibt.?Fazit: Unternehmen sollten den Faktor Sympathie bei der strategischen Stellenbesetzung nicht unterschätzen. Sozial unverträgliche Kollegen müssen vom Vorgesetzten konsequent ermahnt werden. Zeigt das keine Wirkung, sind kompetente Fieslinge am besten dort aufgehoben, wo sie überwiegend selbstständig arbeiten oder aber kurzfristig als Restrukturierer fungieren. Ein Personalberater berichtet: ?Ich habe mehrfach einen Top-Manager erfolgreich vermittelt. Der interessiert sich so wenig für Menschen, dass er noch nicht einmal seine Vorstandskollegen grüßt, wenn er sie auf dem Parkplatz trifft. Als Sanierer ist der Mann aber einfach Spitze. Und nach zwei, drei Jahren will er ohnehin den Posten wechseln, weil er sich für die Aufbauarbeiten nicht interessiert.?Kompetente, aber schwierige Fachkräfte haben einen großen Vorteil, findet Christine Stimpel, Deutschland-Chefin der Personalberatung Heidrick & Struggles: ?Die übrigen Kollegen strengen sich in der Regel besonders an, um keine Breitseite zu bieten. Zudem gefährdet es das Unternehmen, wenn Manager nur Leute einstellen, die ihnen persönlich sympathisch sind.? Wissen doch Sozialpsychologen seit langem, dass Menschen dazu neigen, die zu mögen, die ihnen ähnlich sind. Teams aus Personen mit ähnlichem Hintergrund, ähnlichen Vorlieben und Eigenschaften haben aber den großen Nachteil, zu einseitig an Probleme heranzugehen. ?Unterschiedliche Menschen bringen ein breites Spektrum von Sichtweisen in die Arbeit ein und lösen Aufgaben oft sehr innovativ?, erklärt Personalberater Wolters. ?Auch wenn die Unterschiede zunächst Spannungen und Missverständnisse erzeugen, ist die Lösung meist besser.?Was aber können Manager tun, damit sich gemischte Teams oder Mitarbeiter, die sich traditionell eher feindlich gesinnt sind wie Marketing und Finanzwesen, zusammenraufen? Zum Beispiel räumliche Nähe zwischen den Beteiligten herstellen. Lobo: ?Wir finden unsere Mitmenschen umso angenehmer, je regelmäßiger wir mit ihnen in Kontakt kommen.? Bei der Bürogestaltung sollten Personaler deshalb Mitarbeiter unterschiedlicher Abteilungen nebeneinander platzieren oder zumindest Zonen für den inoffiziellen Austausch einrichten. Am wirkungsvollsten aber ist es, nette Kollegen dort zu positionieren, wo sie als Brückenbauer oder Wellenbrecher wirken können. ?Mitarbeiter, die überall beliebt sind, stehen nicht wegen ihrer fachlichen Fähigkeiten so hoch im Kurs. Sie geben anderen einfach das Gefühl, dass sie sie wirklich mögen?, weiß Casciaro. In ihrer messbaren Leistung hinken diese oft sogar ihren Kollegen hinterher. Der Grund: Sie investieren mehr Zeit in zwischenmenschliche Beziehungen, so die Psychologin. Trotzdem können Menschenfreunde mit ihrem Talent, gute Arbeitsbeziehungen zwischen verschiedenen Gruppen zu schaffen, für den Firmenerfolg entscheidend sein. Das Schwierige ist, diese ?Leistungsträger der anderen Art? zu erkennen.So entließ eine Firma ausgerechnet die Mitarbeiterin, bei denen die Angestellten bei IT-Pannen regelmäßig ihre Beschwerden loswurden. Sie war so herzlich und verständnisvoll, dass sie selbst völlig aufgebrachten Leuten den Wind aus den Segeln nahm. Damit verschaffte sie den Technikern Luft. ?Bei Rationalisierungen wurde der Job der Dame auf mehrere technisch viel kompetentere Leute aufgeteilt?, berichtet Lobo. Mit fatalen Folgen: ?Vor lauter Zoff mit wütenden PC-Nutzern kamen die überforderten Techniker nun mit dem Pannendienst nicht mehr nach.?
Dieser Artikel ist erschienen am 07.01.2007