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Von der Wall Street nach Frankfurt

Von Christoph Potthoff
Ein sympathischer älterer Herr ist Kurt Viermetz, oft sieht man ihn lächeln. Wer den 66-Jährigen zum ersten Mal sieht, käme nicht auf die Idee, dass er auf etwas anderes als einen geruhsamen Lebensabend zusteuert.
HB MÜNCHEN. Auch sein Büro bei der Immobilienbank Hypo Real Estate, deren Aufsichtsrat er vorsitzt, strahlt Gemütlichkeit aus: Klassischer Teppich, die Wände voller Bilder und ein großer Balkon verströmen Wohnzimmeratmosphäre an Stelle hektischer Betriebsamkeit.Doch der Eindruck täuscht: Viermetz ist einer der renommiertesten deutschen Investmentbanker und bereitet sich auf einen der heikelsten Posten vor, den es in der deutschen Finanzwelt gibt: Aufsichtsratschef der Deutschen Börse. Gestern wurde er vom Amtsgericht Frankfurt zunächst als einfaches Mitglied des Gremiums bestellt, in wenigen Monaten soll er Rolf-E. Breuer als Chefkontrolleur ablösen. Ebenfalls neu im Börsen-Aufsichtsrat sind der CDU-Finanzexperte Friedrich Merz, der ehemalige WestLB-Vorstand Gerhard Roggemann und der frühere Goldman-Sachs-Investmentbanker Richard Hayden.

Die besten Jobs von allen

Die zentrale Mission des gebürtigen Augsburgers Viermetz: Ruhe in den Konzern bringen, der in den letzten Monaten einen beispiellosen Machtkampf zwischen Aktionären und Management erlebt hat. Am Ende kostete dies Vorstandschef Seifert den Job. Zuvor hatten die Aktionäre rund um den Hedge-Fonds TCI bereits die Übernahme der Londoner Börse durch die Frankfurter torpediert und ein milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm erzwungen.Als wäre das nicht Herausforderung genug, muss Viermetz damit leben, dass ihn manche in der Frankfurter Finanzszene für eine Fehlbesetzung halten. ?Da wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben?, sagt ein Banker. Soll heißen: Viermetz steht ähnlich wie sein Amtsvorgänger Breuer für die alte ?Deutschland-AG? mit ihren Verkrustungen ? und nicht für einen dynamischen Neuanfang.Viermetz ist souverän genug, die Kritik an sich abprallen zu lassen. Es rührt zwar ein wenig an seinem Stolz, dass er kürzlich lesen musste, er sei ?in Ehren ergraut? ? wo er doch nur ein paar graue Strähnen im akkurat gescheitelten Haar hat. Aber an Erfahrung in der internationalen Finanzwelt nimmt es keiner mit ihm auf. In London arbeitete er schon, in Paris, Frankfurt und viele Jahre in New York, das eine zweite Heimat für ihn wurde.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er schaffte es an der Wall Street ganz noch obenAls einer von ganz wenigen Deutschen schaffte er es an der Wall Street ganz noch oben: Bei JP Morgan, einer der renommiertesten Investmentbanken der Welt, war er von 1990 an Vize-Chairman. ?Seine internationale Erfahrung ist genau das, was die Börse jetzt braucht?, lobt denn auch ein Frankfurter Investmentbanker.Auch in der deutschen Finanzwelt ist er exzellent vernetzt. So fädelte er als Berater die Fusion der Vereinsbank mit der Hypo-Bank zur HVB mit ein und leitete bis 2002 deren Aufsichtsrat. Außerhalb der Finanzwelt ist er ebenfalls aktiv, vor allem, wenn es um die Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen geht. So ist er Trustee-Gründer der American Academy in Berlin. Seine Heimatstadt Augsburg ernannte ihn im vergangenen Jahr als Dank für großen Einsatz für Bildung und Kultur zum Ehrenbürger.Seine intimen Kenntnisse der angelsächsischen Kapitalmärkte kann Viermetz in seinem neuen Amt gut gebrauchen. Schließlich waren es fast ausnahmslos Fonds aus Großbritannien und Amerika, die Seifert zu Fall brachten. Abgesehen von strategischen Differenzen, wurmte die Investoren vor allem, dass sich lange Zeit weder Seifert noch Breuer um ihre Wünsche scherten ? eine Arroganz, die beide den Job kostete.Diesen Fehler wird Viermetz sicher nicht wiederholen. Während Breuer in seiner Verärgerung über den London-Flop schon mal gesetzliche Regelungen mit Blick auf Hedge-Fonds anmahnte, sieht Viermetz die Fonds entspannt. ?Sie engagieren sich bei der Börse genauso langfristig wie andere Investoren auch.? Und Vergleiche mit Heuschrecken findet er ohnehin ?unangemessen und despektierlich? ? TCI-Chef Chris Hohn, ohne dessen Plazet Viermetz wohl den Job nicht erhalten hätte, wird dies gerne hören.Formal wurde Viermetz gestern nur zum normalen Aufsichtsrat bestellt. Breuer will erst zurücktreten, wenn ein Nachfolger für Seifert gefunden ist. Doch schon jetzt mischt Viermetz kräftig mit. Einen der drei neuen Aufsichtsräte, die als Zeichen der Abschieds von der Ära Seifert/Breuer gestern ebenfalls ernannt wurden, hat er schon persönlich ausgesucht: den Ex-WestLB-Vorstand Roggemann. Die Wahl des neuen Vorstandschefs sieht Viermetz bereits als seine Aufgabe an: ?Breuer hat den Prozess angestoßen; die endgültige Entscheidung liegt bei Viermetz und dem Aufsichtsratsgremium.?Doch nicht nur im Umgang mit den Investoren braucht Viermetz Fingerspitzengefühl. Schließlich ist die Börse kein ganz normales Unternehmen, sondern ein Symbol für den Finanzplatz Deutschland. Dass es nicht leicht ist, die verschiedenen Interessen an einer nationalen Leitbörse unter einen Hut zu bringen, weiß Viermetz nur zu gut: Er gehörte lange Jahre einem Beratungsgremium der New Yorker Börse an. Er gibt sich diplomatisch: ?Ich will Brücken schlagen zwischen den Interessen der Aktionäre, des Unternehmens und des Finanzplatzes Deutschland.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Brillante Karriere von Kurz ViermetzBrillante Karriere1939 wird Kurt F. Viermetz in Augsburg als Sohn eines Kaufmanns geboren.1965 wechselt er nach Ausbildung und ersten Berufserfahrungen bei der Deutschen Bank zur amerikanischen Bank JP Morgan, wo er fast sein gesamtes weiteres Berufsleben verbringt.1977 übernimmt er die Leitung des weltweiten Devisenhandels von JP Morgan in New York.1980 wird er verantwortlich für das deutsche und kontinentaleuropäische Geschäft von JP Morgan.1990 wird er zum Vice Chaiman des Vorstands- und Aufsichtsratskollegiums von JP Morgan berufen.1999 verlässt er das Gremium und wird Aufsichtsratschef der Hypo-Vereinsbank. 2002 wechselt er auf den Posten des stellvertretenden Aufsichtsratschefs, den er bis Ende 2003 bekleidet.2003 wird er Aufsichtsratschef der Hypo Real Estate.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.07.2005