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Von allen Sinnen

Stefanie Bilen. Foto: Pixelio.de
Symrise ist überall: Der Duft- und Geschmackstoffhersteller macht Zahnpasta minzig, Klosteine zitronig, Schokolade sahnig und Bier erfrischend. Jeder nutzt Symrise, doch kaum jemand kennt es.
Jeden Morgen um halb zehn wird im bayerischen Nördlingen über die Trends in der Getränkeindustrie entschieden: Dann kommen die Entwickler und Verkäufer von Symrise zusammen, um die neuen Anfragen ihrer Kunden zu besprechen. Brauer wollen ein Radler, das rot ist, Limonadefabrikanten eine Brause zum Abnehmen oder Schnapsbrenner einen Kurzen, den die Welt noch nicht gesehen hat. "Unsere Kunden kommen mit sehr unterschiedlichen Anforderungen auf uns zu", sagt Bernhard Weckerle, promovierter Lebensmittelchemiker und einer der Teamleiter der Entwicklungsabteilung des Getränkebereichs. "Wir prüfen, was machbar ist. Gelegentlich müssen wir Anfragen auch mal ablehnen.

Nördlingen ist der Sitz der Getränkespezialisten im Symrise-Konzern, der seinen Hauptsitz im niedersächsischen Holzminden hat. 139 Mitarbeiter entwickeln Aromen und Grundstoffe für alles, was flüssig und trinkbar ist. 222,7 Millionen Euro hat der Getränkebereich voriges Jahr zum Gesamtumsatz von 1,23 Milliarden Euro beigetragen. Mit 15 Prozent Wachstum entwickelt er sich doppelt so schnell wie das Unternehmen, das für alle Branchen arbeitet, die mit Geruch und Geschmack zu tun haben: Parfum, Kosmetika, Haushaltsreiniger, Gewürze, Snacks, Lebensmittel, Tabak und Medikamente.

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Boom mit Biermischgetränken

"Der Getränkebereich ist besonders innovativ", sagt der 34-jährige Weckerle. Bio-Brausen, Wasser mit Geschmack, Smoothies und so genannte funktionale Getränke - die Supermarktregale stehen voll mit Neuheiten. "Hinzu kommen die alkoholischen Getränke. Unser Aufgabenbereich ist sehr facettenreich und anspruchsvoll, das macht die Arbeit so interessant." Besonders die Biermischgetränke haben sich in den vergangenen drei Jahren nach Absatzzahlen überdurchschnittlich entwickelt. "Explosionsartig", wie Weckerle sagt.

Spätestens seit die Bremer Brauerei Beck's vor zwei Jahren "Green Lemon" auf den Markt gebracht hat, ziehen viele Konkurrenten nach. In der Branche ist bekannt, dass es die Nördlinger waren, die den Geschmack für Beck's entwickelt haben. Offiziell darf Weckerle das allerdings nicht bestätigen. Diskretion ist Ehrensache in der Branche. Die Hersteller befürchten einen Imageschaden wenn bekannt wird, dass ihren Lebensmitteln künstliche oder auch natürliche Aromen und Zusatzstoffe beigemengt werden. So erzählt der Entwickler von fiktiven Biermischprodukten

"Das erste Projekt dieser Art war schwierig für uns, weil wir uns mit Bier als einem ganz neuen Grundstoff auseinander setzen mussten." Schließlich müsse das Produkt in der durchsichtigen Flasche licht- und temperaturbeständig sein, es dürfe keine Trübung und keinen Bodensatz erzeugen und solle über lange Zeit stabil bleiben.

Weckerle hat vor fünf Jahren als Laborleiter bei Symrise angefangen und ist über den Projektleiter für Bier zu seiner heutigen Funktion gekommen. "Food Chemist - Technical Competence Development" steht auf seiner Visitenkarte. Er ist einer von drei Teamleitern in der Entwicklungsabteilung: Während seine Kollegen Standardangebote und Großkunden betreuen, beschäftigt er sich mit ausgefallenen Anfragen und solchen, die in ein, zwei Jahren auf ihn zukommen könnten. "Wir ziehen uns bewusst aus dem Tagesgeschäft zurück, um proaktiv an Produktneuheiten und den erforderlichen neuen Technologien zu arbeiten."

Sein achtköpfiges Team besteht aus Getränketechnologen, Braumeistern, Destillateuren und Flavoristen - den Aromaspezialisten. Sie arbeiten daran, was morgen und übermorgen gefragt sein könnte.

Die bunte Mischung ist wichtig, um die Bedürfnisse der Kunden zu verstehen. "Es ist ungeheuer schwierig, über Geschmack zu sprechen", sagt Weckerle, der seine Doktorarbeit an der Uni Würzburg über Rohkaffee und Rucola geschrieben hat. "Wenn ein Brauer malzig sagt, meint er vielleicht etwas anderes als ich. Deshalb ist die Verständigung auf einheitliche Deskriptoren von großer Bedeutung." Bevor die Entwickler bei Symrise loslegen, führt Weckerle intensive Gespräche mit dem Kunden - vom Abfüller über den Einzelhändler, der seine Eigenmarken in Auftrag gibt, bis hin zum Markenartikler. Deren Bestellungen reichen von Ein-Satz-Beschreibungen bis hin zu 30-seitigen Präsentationen. Durch viele Nachfragen versucht er, das Wunschprodukt bestmöglich einzugrenzen. Am unmissverständlichsten ist es, wenn Kunden ein Konkurrenzprodukt einschicken und eine - meist günstigere - Kopie wollen

Missverständnisse kann Weckerle sich nur begrenzt leisten. Wenn sein Team an einem neuen Auftrag arbeitet, hat es mal drei Tage, mal drei Wochen Zeit, um die Lösung zu präsentieren. Zwischendrin gibt es Geschmackstests, Überarbeitungen, am Ende eine Bemusterung der Symrise-Produkte, meist in Form des fertigen Getränks. "Meist hat der Kunde es eilig, weil das Produkt in den Markt soll." Doch auch Symrise sputet sich aus Eigeninteresse: Denn wie bei Kreativaufträgen an Agenturen vergeben auch Getränkehersteller Geschmacksaufträge an verschiedene Wettbewerber. Symrise ist die Nummer vier der Geruchs- und Geschmackswelt, die Größten heißen Givaudan (Schweiz), IFF (New York) sowie Firmenich (Schweiz). In Deutschland gibt es zudem die Grundstoffhersteller Döhler in Darmstadt und Wild in Heidelberg.

Duft-Aktien beliebt

So kommt es, dass Symrise nur mit einem Teil seiner Entwicklungen Geld verdient. "Bezahlt werden wir erst, wenn wir den ersten Auftrag erhalten", sagt Weckerle. In der Branche gilt die Faustregel, dass mindestens 15 Prozent aller Vorschläge im Supermarktregal landen müssen, damit ein Aromahersteller überhaupt Geld verdient. Immerhin hat sich das 4.900-Mitarbeiter-Haus - davon 2.350 in Deutschland - auf dem Börsenparkett gut eingeführt. Nachdem es durch die Zusatzkosten für seinen Börsengang 2006 noch mit 90 Millionen Euro in der Verlustzone dümpelte, sah das erste Quartalsergebnis schon besser aus. Einen Überschuss von 29,2 Millionen Euro bei einem Umsatzplus von 5,3 Prozent auf 331,2 Millionen Euro verbuchte der Konzern. Nachdem Symrise im Dezember als größter Börsendebütant des vergangenen Jahres gefeiert wurde, stieg der Wert knapp drei Monate später in den M-Dax auf. Aktien der Branche sind beliebt, weil das Geschäft mit Duft- und Geschmacksstoffen weitestgehend konjunkturunabhängig ist.

Mit dem Börsengang hat Symrise eine ganze Reihe von großen Veränderungen hinter sich gebracht: 2002 ist Symrise aus der Fusion der Wettbewerber Dragoco und Haarmann & Reimer (H&R), beide in Holzminden ansässig, hervorgegangen. Der schwedische Finanzinvestor EQT hatte sich zuvor bei beiden Unternehmen eingekauft und sie miteinander verschmolzen. Seitdem hat der Konzern drei Vorstandschefs gesehen, Standorte geschlossen und zusammengelegt sowie 950 Arbeitsplätze gestrichen. "Damals prallten sehr unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander", sagt ein Marktbeobachter. Auf der einen Seite das einstige Familienunternehmen Dragoco, ehemals Nummer acht des Marktes und sehr marketinggetrieben, auf der anderen Seite die vormalige Bayer-Tochter H&R, Nummer fünf des Marktes und sehr aktiv in Forschung und Entwicklung. Inzwischen habe Symrise eine neue Kultur gefunden, berichten Mitarbeiter. Heute arbeiten 95 Prozent aller Angestellten direkt für den Kunden, heißt es im Geschäftsbericht. Früher sei es undenkbar gewesen, dass auch Entwickler mit dem Auftraggeber sprechen, berichtet eine Mitarbeiterin. Das sei die Domäne des Vertriebs gewesen.

Gerold Linzbach, seit vorigem November Vorstandschef, hat diesen frischen Wind ins Unternehmen gebracht. So arbeiten auch Marketing und Entwicklung stärker zusammen, um kundenorientiert zu agieren. "Selbstbewusste Mitarbeiter mit Mut zum Experimentieren, eine Unternehmenskultur, die Grenzen in Frage stellt und Neues probiert, und das alles zum Nutzen unserer Kunden - das ist unser Anspruch", beschreibt der Konzernchef seine Vorstellung. Das Kunstwort Symrise soll dies übrigens untermauern. Es steht für "gemeinsam nach oben streben"

Inzwischen werden freie Stellen auch wieder mit externen Bewerbern besetzt, betont Personalchef Karlheinz Klammt. Der Großteil der jährlichen Investitionen in Höhe von rund 45 Millionen Euro fließt nach Holzminden. "Symrise ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Niedersachsen. Das Unternehmen ist für den Landkreis Holzminden der bedeutendste Arbeitgeber", lobt denn auch der Ministerpräsident Christian Wulff. "Die Identifikation der Region als Stadt der Düfte und Aromen mit Symrise ist beispielhaft." Symrise hat voriges Jahr 40 Patente angemeldet, ein Drittel aller Produkte sind jünger als drei Jahre. Für Forschung und Entwicklung gibt das Unternehmen sieben Prozent des Umsatzes aus - beim Marktführer Givaudan sind es 8,5 Prozent.

Gerne erzählen die Holzmindener von ihren jüngsten Errungenschaften: mikroverkapselte Düfte für Deodorants: Das Deo verfliegt nicht im Laufe des Morgens, sondern entfaltet erst dann seine Wirkung, wenn der Schweiß aus den Poren kommt. Für Kartoffelchips wurde ein Aroma gefunden, das wie die übliche Würzmischung schmeckt, aber durch eine neue Technologie hilft, den Salzgehalt im Endprodukt erheblich zu reduzieren.

Ein aktuelles Projekt sind Kindergetränke: Marktforscher haben herausgefunden, dass es für Sechs- bis Zehnjährige bislang keine Durstlöscher gibt, die auf kindliche Bedürfnisse ausgerichtet sind, sondern nur einige, die durch Vermarktung und Süßegrad als solche positioniert werden. Und weil Eltern vermehrt auf eine gesunde Ernährung ihrer Kinder achten, müssten gut schmeckende, aber gesunde und natürliche Getränke her. "Durstlöscher plus funktionalem Nutzen", heißt das für Weckerle.

Bis November wird entwickelt, getestet, verkostet und abgefüllt: Auf dem Branchentreff in Nürnberg, der Getränkemesse Brau, präsentiert Symrise dann die Ergebnisse - aber nicht in Reagenzgläsern und als Grundstoffmischung, sondern als trinkfertiges Produkt in einer Flasche, für Messebesucher zum Probieren. Wenn es gut läuft, wenden sich Markenartikler daraufhin an den Aromahersteller, um dieses oder ein ähnliches Produkt in Auftrag zu geben.

Bei der Familie Weckerle im bayerischen Augsburg wird das Getränk wohl erst in einigen Jahren auf den Küchentisch kommen, wenn überhaupt: Der Nachwuchs des Familienvaters ist erst neun Monate. Und ohnehin gehört der Lebensmittelchemiker und Hobbykoch nicht zu den Hauptnutzern von Symrise-Produkten. Am liebsten kauft er frische Lebensmittel auf dem Wochenmarkt ein. "Ich esse wenig Convenience-Produkte", sagt er. Nicht, weil sie gesundheitsschädlich seien. "Aber meine geschmacklichen Präferenzen sind anders."
Dieser Artikel ist erschienen am 03.09.2007