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Vom Workflow weggespült

Axel Höpner, Joachim Hofer
Erich Reinhardt hat als dienstältester Vorstand bei Siemens schon viele Stürme überlebt. Aber jetzt zieht der 61-Jährige, den alle nur Professor nennen, die Konsequenz aus den schwarzen Kassen in der Medizintechnik des Elektronikkonzerns ? und tritt ab.
Erich Reinhardt - oder: ?der Professor?. Foto: dpa
MÜNCHEN. Da mochte sich Siemens noch so sehr verändern, ?der Professor?, wie sie ihn im Konzern nennen, er blieb auf seinem Platz. Erich Reinhardt, seit 1994 Chef des Bereichs Medizintechnik und Honorarprofessor der Universität Stuttgart, musste nur seine Visitenkarten zu Beginn des Jahres ändern. Seither führt der 61-Jährige nicht mehr die Sparte Medizintechnik, sondern den Sektor Gesundheit. Konzernumbau und Schmiergeldaffäre ? die größten Umwälzungen in der Geschichte von Siemens schienen an ihm fast spurlos vorüberzugehen.Bis gestern. Da trat der Schwabe überraschend zurück. Weggespült vom Korruptionsstrudel, der den gesamten Siemens-Konzern seit über einem Jahr durcheinanderwirbelt, der bereits Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer mitgerissen hat und Vorstandschef Klaus Kleinfeld ins Ausland trieb.

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Sein Abgang sei ?notwendig angesichts der Compliance-Verfehlungen innerhalb des früheren Siemens-Bereichs Medizintechnik, die mich betrüben und die ich zutiefst missbillige und bedaure?, ließ Reinhardt nüchtern mitteilen.Schon am Dienstag hatte er sich dazu entschlossen, nachdem ihn die Ermittler der amerikanischen Kanzlei Debevoise & Plimpton über neue Verstöße in seinem Geschäftsgebiet informiert hatten. Intern heißt es, der Rücktritt sei ?aus heiterem Himmel? gekommen, und Reinhardt habe sehr schnell die Konsequenzen aus dem Gespräch mit den US-Anwälten gezogen. Enge Mitarbeiter betonen, sein eigenes Verhalten in der Affäre sei ?über jeden Verdacht erhaben?.Siemens verliert mit Reinhardt ein Urgestein. 35 Jahre hat er für die Sparte gearbeitet ? und sich dabei hohen Respekt verschafft. ?Ich habe ihn am Anfang äußerst kritisch beobachtet, ob er den richtigen Ton findet, mit der Mannschaft umzugehen?, sagt Heinz Hawreliuk, der seit 23 Jahre im Aufsichtsrat von Siemens sitzt. Als der Elektrotechniker Reinhardt die Führung der Medizintechnik übernahm, sei die Sparte in einer ausgesprochen schwierigen Lage gewesen, doch der Mann an der Spitze machte den Bereich zur Ertragsperle.?Reinhardt ist immer unter Wert gehandelt worden?, sagt Hawreliuk. Der Mann, der seinen schwäbischen Akzent nie verloren hat, habe die Kärrnerarbeit gemacht, aber in den mächtigen Zentralvorstand durften andere. Erst am 1. Januar 2008 ist er dann noch einmal aufgestiegen, wurde im Zuge des tiefgreifenden Konzernumbaus Chef eines der drei neuen Sektoren. Denn zuvor war er nur einer von elf Bereichsfürsten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ihn verbinden alte Kontakte mit Peter Löscher Dass Peter Löscher an ihm festhielt, obwohl viele andere Spitzenkräfte weichen mussten, hatte mehrere Gründe. Einerseits ist da der geschäftliche Erfolg. In den vergangenen zehn Jahren hat Reinhardt die Medizintechnik von einem der Sorgenkinder des Konzerns zu einem der großen Hoffnungsträger geformt: Zwischen 2000 und 2007 hat er 40 Unternehmen im Gesamtwert von zehn Milliarden Euro gekauft ? auch für Siemens eine Menge Geld.Dann gibt es da noch die persönliche Komponente. Löscher hatte mit Reinhardt bereits lange vor seinem Wechsel an die Siemens-Spitze beruflich zu tun. ?Wir kennen uns schon seit vielen Jahren. Ich habe mit ihm in Projekten zur Kernspinresonanztomografie zusammengearbeitet?, erzählte Reinhardt einmal.Bei allen Erfolgen muss Reinhardt nun einräumen, dass der Aufstieg der Siemens-Medizintechnik in den vergangenen Jahren wohl auch mit dem Einsatz von Schmiergeldern erreicht wurde. Bislang hatte Reinhardt einen guten Ruf, in der Branche genauso wie bei seinen Mitarbeitern. In seiner Umgebung nennen sie ihn den ?großen Systematiker?. Ein Vortrag reicht, um zu wissen, dass ?Workflow? sein Lieblingswort ist. Glaubt man guten Bekannten, hat er die Fähigkeit, selbst vertrackte Arbeitsprozesse in winzige Teilschritte aufzudröseln, um dann die Schwächen zu analysieren.Auf die Korruptionsaffäre angesprochen, hat er sich bislang immer bedeckt gehalten. ?Natürlich hat das Einfluss aufs Geschäft?, sagte er Anfang des Jahres im Gespräch mit dem Handelsblatt. Mehr war dem nicht gerade groß gewachsenen Mann mit dem lichten Haar nicht zu entlocken. Viel lieber sprach Reinhardt bis zuletzt über die großen Chancen seines Gesundheitssektors: ?Es gibt immer mehr Menschen, und diese werden immer älter. Das ist ein sehr stabiler Trend.? Dass er selbst so schnell aufs Altenteil wechseln würde, hatte er sicher nicht erwartet, denn sein Vertrag läuft bis 2011.Anstelle Reinhardts übernimmt jetzt der 49-jährige gebürtige Amerikaner Jim Reid-Anderson den Sektor. Er führte bislang das Diagnostik-Geschäft von Siemens.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Schon 1983 kommt er zum Siemens-Konzern Erich Reinhardt 1946Er wird am 3. Oktober in Öhringen/Baden-Württemberg geboren. Später studiert Erich Reinhardt Elektrotechnik in Stuttgart und promoviert.1983Er kommt zum Siemens-Konzern, wird Anwendungsentwickler für die Magnetresonanztherapie.1990Er übernimmt die Führung der Siemens-Landesgesellschaft in Bombay/Indien und rückt 1994 in den Bereichsvorstand von Siemens Med, der Medizinischen Technik, in Erlangen auf und wird bald Vorstandschef des Bereichs, den er alsbald saniert.2001Reinhardt steigt im Dezember in den Vorstand der Siemens AG auf.2008Er wird Chef des Sektors Gesundheit.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.04.2008