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Vom Spieler zum Fußballmanager

Von Michael Maisch
Vor gut zehn Jahren riss Nick Leeson die 233 Jahre alte Traditionsbank Barings mit seinen Betrügereien auf spektakuläre Art und Weise in den Abgrund. Nun macht der mittlerweile 39-Jährige wieder Karriere.
Der ehemalige Börsenmakler Nick Leeson im Januar 2000 in Paris. Foto: dpa
LONDON. Der nächste Freitag ist ein großer Tag für den Fußball-Club Galway United. Um Punkt 19.45 Uhr beginnt im Terryland-Park das Match gegen Dundalk FC. Es ist das Spitzenspiel der zweiten irischen Liga, beide Clubs liegen punktgleich und mit gleicher Tordifferenz an der Spitze.Galway hat allen Grund, mit breiter Brust in dieses Spiel zu gehen, immerhin hat das Team die vergangenen sieben Begegnungen gewonnen. Ein gut geführter, professioneller Club eben, obwohl oder gerade weil der Manager von Galway ein verurteilter Betrüger ist. Die Verantwortung für das finanzielle Wohlergehen des aufstrebenden irischen Fußball-Clubs trägt der General Manager Nick Leeson.

Die besten Jobs von allen

Genau jener Nick Leeson, der vor gut zehn Jahren die 233 Jahre alte Traditionsbank Barings mit seinen Betrügereien in den Abgrund riss. Leesons Abenteuer als Wertpapierhändler, der in Singapur auf die schiefe Bahn gerät und den die Polizei um den halben Globus bis nach Deutschland jagt, gab sogar den Stoff für einen Hollywood-Film ab.Heute kann man in Leesons Fall von einer gelungenen Resozialisierung sprechen. Vier Jahre saß der 39-Jährige in einem Gefängnis in Singapur. Es folgten harte Jahre, eine Krebserkrankung, die Scheidung von seiner damaligen Frau. Inzwischen hat er sich ein neues Leben aufgebaut, aus den Trümmern des alten. Denn neben seinem Job als General Manager von Galway United ist der freundliche Herr mit Brille und schütterem Haar ein begehrter After Dinner Speaker. Finanzfirmen heuern Leeson für ihre Parties an, damit er ihnen auf launige Art und Weise erklärt, was sie tun müssen, um Betrüger wie ihn zu stoppen.Erkenntnisse, von denen sein ehemaliger Arbeitgeber vor zehn Jahren sicher hätte profitieren können. 1992 schickte Barings Leeson nach Singapur. Dort stieg der junge Banker rasch zum Star auf, der an den asiatischen Terminmärkten teilweise zehn Prozent der gesamten jährlichen Einnahmen der Bank verdiente. Das Problem dabei: Leeson kontrollierte sich auf dem einsamen Außenposten selbst, und als die ersten Wetten nicht aufgingen, fiel es ihm nicht schwer, Verluste in den Büchern zu verstecken. Mit immer riskanteren Geschäften versuchte der Händler das Geld wieder hereinzuholen. Doch das Glück hatte ihn verlassen. ?Es tut mir leid?, stand auf dem Zettel, den Leeson hinterließ, bevor er sich am 23. Februar 1995, wenige Tage vor seinem 28. Geburtstag auf die Flucht machte. 1,2 Milliarden Dollar fehlten am Ende in seiner Abrechnung, eine zu schwere Last für die kleine Barings Bank. Das Institut brach zusammen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In Sachen Betrug ist Leeson nicht die Nummer 1.?Leute wie Leeson wird es immer geben, deshalb wird er ja als After-Dinner-Speaker engagiert?, meint ein Londoner Investmentbanker. ?Die Banken wollen wissen, wie die Leute ticken, die genug kriminelle Energie entwickeln, um ihre Sicherheitsvorkehrungen auszuhebeln.?Investmentbanker sind besessen von Ranglisten, schließlich wird ihre Leistung Jahr für Jahr an der Position auf den so genannten League Tables gemessen. So ist es wohl nur folgerichtig, dass der Branchendienst ?Here is the City? im Internet seine eigene Hitparade der kriminellen Wertpapierhändler pflegt.Leesons 1,2 Milliarden Dollar sind sicher eine reife Leistung in Sachen Betrug, aber für den Spitzenplatz reichen sie nicht. Diese zweifelhafte Ehre gebührt Yasuo Hamanaka, dem Chef?Kupferhändler des japanischen Finanzriesen Sumitomo. Zehn Jahre lang manipulierter er Märkte und Geschäfte. Zwei Milliarden Dollar verschwanden so, und Hamanaka verschwand für acht Jahre hinter Gittern.Für Leeson bleibt der zweite Platz, die Bronze-Medaille holt sich ein weiterer Japaner, Toshihide Iguchi, der für die Daiwa Bank in New York arbeitete. Fast könnte man meinen, Leeson habe sich Iguchi zum Vorbild genommen, so sehr ähneln sich die Fälle. Als Iguchi Mitte der 80er aus der Abwicklungsabteilung von Daiwa in den Handel mit US-Staatsanleihen wechselte, gab er seine alten Aufgaben nicht ab.Iguchi war wie Leeson also ein Händler, der sich selbst kontrollierte. Und wie Leeson begann seine kriminelle Karriere damit, dass er kleine Verluste in den Büchern versteckte. Elf Jahre lang ging Iguchi jeden Tag zur Arbeit, mit dem Wissen, dass seine Schieflage größer und größer wurde. 30 000 Handelsbestätigungen soll er gefälscht haben. Am Ende wurde der Druck zu groß. Im Sommer 1995 schickte Iguchi ein 30-seitiges Geständnis an seine Vorgesetzten, denen bis dahin nicht aufgefallen war, dass ihnen 1,1 Milliarden Dollar fehlen.John Rusnak schrieb kein Geständnis. Als dem Devisenhändler der US-Regionalbank Allfirst, damals eine Tochter der Allied Irish Bank, klar wurde, dass sein Betrug demnächst auffliegen würde, spazierte er einfach aus der Bank und kehrte nie wieder zurück. Hinter sich ließ er ein schwarzes Loch von exakt 691 Millionen Dollar in der Allfirst-Bilanz.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wie es zum Betrug kommt.In ihrem Buch ?Panik in der Bank? beschreiben die irischen Journalisten Ssiobhan Creaton und Conor O?Cleary, wie Rusnak über Jahre hinweg seinen Arbeitgeber täuschte. Er überzeugte seine Vorgesetzten, auch auf seinem Laptop Handelssoftware zu installieren. So konnte er selbst von zu Hause aus und im Urlaub Geschäfte und Scheingeschäfte machen. Dabei schreibt die US-Wertpapieraufsicht Devisenhändlern eine Zwangspause von mindestens zehn Tagen im Jahr vor, damit Betrügereien ans Licht kommen können.Mit Verlusten von 350 Mill. Dollar läuft Peter Young, der Ex-Fondsmanager von Deutsche Morgan Grenfell, fast schon unter ferner liefen, doch zumindest einen Sonderpreis für Originalität und Tragik hat Young sich verdient. Der Angestellte der damaligen Investmentbankentochter der Deutschen Bank hat deutlich mehr Geld in einzelne obskure Technologieunternehmen gesteckt als die Richtlinien seines Fonds zuließen. Um die verbotenen Investitionen zu verschleiern, entwarf Young ein komplexes Geflecht von Luxemburger Holdingfirmen.Der Fondsmanager gehörte zu den viel versprechendsten Talenten in der Londoner City, doch offenbar hielt auch er dem Erwartungsdruck nicht Stand. Ehemalige Kollegen beschreiben den studierten Mathematiker als Finanzgenie. Doch eine Spur Wahnsinn muss auch dabei gewesen sein. Zu seiner Gerichtsverhandlung vor dem London Magistrates Court erschien Young in Frauenkleidern und hochhackigen Schuhen. Später befand der Richter, dass der Fondsmanager wegen Schizophrenie nicht verhandlungsfähig sei. Nicht immer gelingt die Resozialisierung so gut wie im Fall Nick Leeson.
Wie es zum Betrug kommtAngst und Gier: Vielen betrügerischen Händlern wie Nick Leeson geht es nicht darum, sich zu bereichern. Sie wollen Schieflagen verbergen ? in der Hoffnung, sie später wieder ausgleichen zu können. So lassen sie sich aus Angst vor dem Verlust von Prestige und wertvoller Bonuszahlungen auf ein Spiel ein, das sie am Ende nicht gewinnen können.Fehler im System: Oft genug sind es Lücken im Sicherheitssystem der Banken, die den Betrügern helfen. Im Fall von Nick Leeson war es die zu niedrige Trennmauer zwischen Handel und Abrechnung der Geschäfte, die den Betrug ermöglichte.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.10.2006