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Vom Kopilot zum Kommodore

Von Finn Mayer-Kuckuk
Norio Ohga, Ehrenpräsident von Sony und Wegbereiter der CD, war einer der engsten Freunde von Herbert von Karajan. Sie sind zusammen gesegelt und geflogen. Am 16. Juli 1989 starb der Maestro in Ohgas Armen. Der ?Kommodore? fliegt seitdem ohne seinen Kapitän weiter.
Norio Ohga ist studierter Musiker und ein professioneller Sänger. Foto: Reuters
Nein, er hat nicht die CD für ihn erfunden. Alles Legende. Er hat Herbert von Karajan beim Kauf seines Flugzeugs beraten und ist mit ihm geflogen (?mein Kopilot? nannte Karajan ihn). Er ist mit ihm gesegelt vor Sardinien, er hat mit ihm übers Dirigieren geredet. Ja, und er ist der Mann, in dessen Armen Karajan schließlich gestorben ist. Aber das mit der CD und Karajan war ganz anders.Norio Ohga, der heute 78 Jahre alte Japaner, ist fraglos einer der erfolgreichsten Manager der Welt. Aber das verführt ihn nicht zu eitlen Höhenflügen. Seine Freundschaft zum wohl berühmtesten aller Dirigenten will er nicht relativieren, aber auch nicht überzeichnen. Der studierte Musiker und professionelle Sänger Ohga hat an Opernaufführungen teilgenommen und als Dirigent große Orchester geleitet. ?Doch kein Vergleich mit Karajan. Egal, welches Stück ich von ihm höre, ich muss den Kopf vor der großen Kunst des Meisters neigen?, sagt Ohga.

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Wie war das denn dann mit der CD? Ab 1982 führte Ohga den Elektronikkonzern Sony fast zwei Jahrzehnte lang. Was für eine Zeit: die höchsten Verkaufszahlen des Walkmans, der Start der CD, die Einführung der Playstation und die erste digitale Videokamera: alles Erfindungen der Japaner. Tokio war der Technik-Nabel der Welt. Und Herbert von Karajan schon immer ein Technikbesessener. Stets auf der Suche nach Abspielgeräten, die seine hehre Musikkunst noch besser zur Geltung bringt. Bei vielen Gesprächen Ohgas mit Karajan ging es also um Ideen für neue Produkte. Spektakulärstes Beispiel ist die Compact Disc, die in den Häusern Sony und Philips entstanden ist.Die Entwicklungspartner von Philips hatten eine Scheibe mit einer Aufnahmezeit von einer Stunde vorgeschlagen. ?Mir war sofort klar, dass dieser Entwurf völlig unannehmbar war?, sagt Ohga. Er flog nach Eindhoven und traf sich mit dem CD-Team bei Philips. ?Ich schrieb die Durchschnittsdauer der wichtigsten Werke von Mozart und Beethoven an die Tafel, alle über 60 Minuten.? Die Entwickler von Philips sahen ein, dass es für die Vermarktung von Klassik unabdingbar ist, wichtige Werke auf einer Scheibe verkaufen zu können. Eine direkte Intervention Karajans habe es entgegen verbreiteten Legenden nicht gegeben, sagt Ohga. ?Aber der Meister hat sich gefreut, dass seine Version der Neunten Symphonie auf nur eine CD passte.?Wenn Noria Ohga in seinem Reich Besucher empfängt, hält er sich ganz gerade und strahlt das Selbstbewusstsein eines Sony-Elderstatesman aus. 40 Jahre war er im Vorstand seines Unternehmens. Fast ebenso lang wie mit Sony ist er auch mit Herbert von Karajan verbunden. Zweimal pro Jahr sahen die beiden starken Persönlichkeiten sich. ?Dazwischen hielten viele Briefen den Kontakt aufrecht?, sagt Ohga.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Dirigent im FlugsimulatorEr traf Karajan das erste Mal 1955 ? als dieser gerade Nachfolger Wilhelm Furtwänglers als Chefdirigent in Berlin geworden war. Ohga studierte in Berlin Musik. Er war in einer einmonatigen Reise mit einem Ozeandampfer nach Deutschland gekommen ? finanziert zum Teil durch einen Vertrag mit Sony. Die aufstrebende Phonofirma erwartete von dem jungen Norio Berichte über die deutsche Audioindustrie. ?Damals waren Karajan und ich weit davon entfernt, uns auf Augenhöhe zu begegnen ? er war einer der größten Dirigenten seiner Zeit, ich ein einfacher Student?, sagt Ohga. Daher blieb es bei einem Händeschütteln und einem kurzen Gespräch. Arrangiert hatte das Treffen im Hotel Kempinski Michiko Tanaka, eine Sängerin, die schon seit der Weimarer Zeit in Berlin lebte. Ohga blüht auf, wenn er an die Sängerin denkt, und lässt sogleich ein Bild der Sopranistin heranschaffen, das in seinem Büro hängt.Eine Freundschaft entstand daraus erst später, in den 60er-Jahren. Damals war Ohga bereits Führungskraft bei Sony, Karajan verbreitete seinen Ruhm auf Tourneen rund um die Welt. Sony-Mitgründer Akio Morita lud Karajan stets zu sich nach Hause ein, wenn dieser in Japan gastierte. Der Dirigent ließ sich mit der Aussicht locken, Aufnahmetechnik frisch aus dem Entwicklungslabor ausprobieren zu können. Morita bat auch stets den Klassik-Experten aus seinem Führungsteam dazu ? den studierten Musiker Ohga.Das Verhältnis der beiden war nah, aber nicht eng, Karajan ließ Menschen generell nicht gern an sich heran. Immerhin, in einem Brief von 1983 gratuliert Karajan ihm zur Karriere: ?Jetzt, wo Du in Deinem Beruf auf eine Position nahe neben Gott aufgestiegen bist, frage ich mich, ob ich Dich nicht zum Kommodore befördern soll.? Ohga war gerade Präsident und Chief Operating Officer geworden, Karajan benutzte gern die Fliegersprache.Als der Maestro 1973 zu einem Auftritt in Tokio war, ließ er Ohga in die Konzerthalle bitten. ?Ich war bis über beide Ohren beschäftigt und wollte eigentlich nicht hingehen?, sagt Ohga. Als er die Garderobe des Dirigenten betrat, rollte dieser zwei großformatige Bögen mit der Schemazeichnung eines Cockpits vor Ohga aus ? des Flugzeugs, das Karajan gerade kaufen wollte. Ohga riet jedoch ab: ?Wenn Du diese Maschine kaufst, dann wirst Du das ganz sicher bereuen.? So ein Flugzeug sei nur etwas für Amateure. Karajan war enttäuscht, hatte das Flugzeug aber schon bestellt.Im folgenden Jahr erlebte Ohga in New York dann eine Überraschung. Er hatte für sich selbst ein Flugzeug des Typs Dassault Falcon gekauft. Zur Ausbildung auf einer neuen Maschine gehört ein Simulatortraining, das er in Amerika ableisten wollte. Der Kunde vor ihm am Simulator überzog heftig seine Zeit. Ohga war durchaus verärgert. Als endlich die Tür aufging, stand da ? Karajan. ?Lustig, nicht wahr?? sagt Ohga heute. Der Dirigent hatte das Flugzeug sofort verkauft, das Ohga damals in Tokio hatte durchfallen lassen, und sich die von ihm bevorzugte Falcon angeschafft.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Karajan trank das Glas aus und kippte plötzlich zur SeiteNicht nur das Flughobby verband die beiden Männer. Ohga besuchte Karajan auch auf einer Segelregatta rund um Sardinien und verbrachte dort einige Tage mit dem Dirigenten und seiner Frau in der Villa eines Bekannten. Der Japaner und der Österreicher redeten bei solchen Gelegenheiten endlos über neue Audiotechnik. Und übers Geschäft, denn Ohga hätte es gern gesehen, wenn Karajan mehr Bild- und Tonrechte über Sony vermarktet hätte. Karajan zuliebe wählte der japanische Weltkonzern einen Standort in Österreich für seine europäische CD-Fabrik.Im Jahr 1989 war Ohga zusammen mit einem amerikanischen Sony-Manager zu Gesprächen bei Karajan zu Hause in Anif bei Salzburg gefahren. Es war der 16. Juli, an diesem Tag sollte Karajan an einem Herzanfall sterben ? während Ohga an seinem Bett stand. Die Karajans hatten am Morgen einen Arzt angerufen, weil der Dirigent sich nicht wohlfühlte. Als der Arzt eintraf, sprach Karajan jedoch gerade in seinem Schlafzimmer vom Bett aus mit den Musikmanagern. Er ließ den Doktor daher wegschicken. ?Karajan sagte, selbst für den Kaiser von China werde er kein Gespräch mit mir unterbrechen?, erinnert sich Ohga. Karajan habe detailliert nach dem neuen Falcon-Flugzeug gefragt, mit dem die beiden Sony-Leute nach Österreich geflogen waren.Etwa anderthalb Stunden später bat Karajan um Wasser. Er trank das Glas aus und kippte plötzlich zur Seite. ?Es sah erst so aus, als ob er sich nach einem heruntergefallenen Bleistift bückte?, sagt Ohga. Sein amerikanischer Kollege erkannte jedoch sofort, dass der Dirigent einen Herzanfall erlitt. Der Butler ließ ausrichten, Karajans Frau Eliette wasche sich gerade die Haare. Ohga trommelte also heftig an die Badezimmertür, und Eliette rief einen Rettungshubschrauber, während Karajan vor Ohgas Augen starb. Das war an einem Samstag. Der letzte Tag, an dem Ohga seinen Freund lebend sah.Am Montag darauf wurde der Dirigent auf dem Ortsfriedhof von Anif beigesetzt ? nur Ohga und die Familie wussten bisher vom Tod Karajans, dessen Wille es war, die Öffentlichkeit vom Begräbnis fernzuhalten. Der Verlust Karajans war ein größerer Schock, als Worte es ausdrücken können, sagt Ohga heute. Er war so erschüttert, dass er selbst am folgenden Tag während eines Meetings in Köln starke Schmerzen in der Brust bekam und ins Krankenhaus musste. Erst jetzt wurde ihm klar, dass Karajan wirklich aus der Welt geschieden war.Der Kommodore fliegt die Maschine seitdem ohne seinen Kapitän weiter.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.05.2008