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Vom Kampf der Kulturen

Von Rita Lansch
Das Aufeinandertreffen vermeintlich ähnlicher und doch so verschiedener Kulturen lässt sich derzeit in der Versicherungsbranche besichtigen, genauer im Segment der Industrieversicherung. Die ehemaligen Vorstände des Gerling-Konzerns Hermann Jörissen und Wolfgang Faden zieht es zur Allianz. Warum der Wechsel zweier Manager die Branche bewegt.
DÜSSELDORF. Zwei Kölner in München. Das ist nicht etwa der Titel eines Remakes von Vincente Minellis Kinoschlager aus dem Jahre 1951 ?Ein Amerikaner in Paris?. Die Handlung spielt in dem diskreten Segment der deutschen Industrieversicherung, einem Elf-Milliarden-Euro-Markt. Wenige Anbieter stehen hier wenigen Großkunden wie Siemens oder Lufthansa gegenüber. Die Policen sind Maßanfertigungen, daher ist die Besetzungsliste der Akteure entscheidend.Zwei Kölner also, ehemalige Vorstände des Gerling-Konzerns, sind nun gerade nach München gezogen, zum Marktführer Allianz: Hermann Jörissen und Wolfgang Faden. Beide gelten als Schlüsselfiguren mit den besten Drähten zur deutschen Industrie. So tief sind offenbar die Gräben zwischen ihnen und den neuen Gerling-Eigentümern aus Hannover, der Talanx-Gruppe samt ihrer Industrieversicherungs-Tochter HDI, dass sie ausgerechnet beim schärfsten Rivalen angeheuert haben: der Allianz Global Corporate & Specialty AG, kurz AGCS.

Die besten Jobs von allen

Der große, schwergewichtige Jörissen gilt als der Haftpflicht-Fachmann schlechthin. Da Gerlings Hauptkunden aus der Chemie- und Pharmasparte stammen, kennt der promovierte Jurist sich mit den Risiken dieser Klientel bestens aus. Das wissen die Kunden zu schätzen, zumal viele Versicherer einen Bogen um sie machen. Die Allianz will sich hier nun offenbar verstärken. HDI-Gerling dürfte der Weggang daher viel Überzeugungsarbeit bei der früher von Jörissen betreuten Kundschaft abverlangen.Während Jörissen seit Anfang der Woche für die gesamte internationale Zeichnungspolitik der Allianz-Industrieversicherung zuständig ist, ist sein Kollege Faden der neue Deutschland-Chef der AGCS. Konzernweit ist Axel Theis bei der Allianz für die Versicherung von Großunternehmen verantwortlich. Mit der Personalentscheidung beweist er Größe und Weitsicht zugleich. Denn nicht bloß die Kulturen von Gerling und HDI sind stark und sehr verschieden ? auch die der Allianz ist anders. ?Wir sind im Grunde mit allen deutschen Industrieversicherern zufrieden. Bei der GKA (Gerling) haben wir besonders geschätzt, dass die regionale Nähe zu den Kunden so unbürokratisch und sehr persönlich auch auf Vorstandsebene gelebt worden ist?, sagt beispielsweise Harry Daugird, Chef des Versicherungsbereichs der ABB-Gruppe. Von Kollegen aus der Industrie ist zu hören, dass es bei der Allianz dagegen eher etwas bürokratischer zugehe. Die Großkunden freuen sich denn auch über den Wechsel der beiden Gerling-Macher. Offenbar hat Allianz-Manager Theis genau diese Chance erkannt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Faden ist der Mann für den Kulturwandel.Wie es scheint, ist Faden der Mann für den Kulturwandel. Beim Stichwort ?Kundenfokus? funkelt es in seinen Augen. Der dreifache Familienvater hat dank seiner jahrelangen Vertriebserfahrung beste Kontakte zur Industriekundschaft. Seine erste berufliche Station war die Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei der Allianz in Köln. Damit kehrt er nun an seine Wurzeln zurück. Er startete dann 1972 beim Gerling-Konzern, zunächst in der Zentrale in Köln im Transportgeschäft, später in den Außenstellen. Im Unterschied zur Konkurrenz, die an den regionalen Standorten Niederlassungen als Ableger der Zentrale unterhält, setzte die verstorbene Versicherungslegende Hans Gerling auf ein Netz von GmbH-Töchtern in den Regionen. Deren Geschäftsführer stattete er mit dem nötigen Einfluss aus, um mit den Kunden ?von Unternehmer zu Unternehmer auf Augenhöhe zu verhandeln? ? Gerlings Erfolgsrezept.Faden geriert sich denn auch nicht wie ein klassischer Vertriebsmensch. Er verkörpert vielmehr den Unternehmertypen: eine durch und durch seriöse Erscheinung mit vollem weißen Haar, goldgeränderter Brille, makellos gebügeltem Hemd, Manschettenknöpfen und dezentem Auftreten. Hans Gerling duldete halt nichts als Perfektion um sich herum. Faden ist einer der letzten Vorstände, die noch von dem Patriarchen selbst bestellt worden sind.Faden leitete den größten Standort von Deutschlands zweitgrößtem Industrieversicherer: Frankfurt. Zu den Kunden zählte damals auch Hoechst, und just zu Fadens Amtsantritt im Februar 1993 strömten dort Gase aus, gelb, nicht giftig, aber sehr schlagzeilenträchtig. ?Der Schaden war mein Begrüßungscocktail?, sagte er einmal scherzhaft. Seine Bewährungsprobe war es nicht minder. Faden und sein Team managten den Schaden nach anfänglichen Problemen auf Seiten des Chemieriesen geschickt. 2003 stieg der passionierte Allroundsportler in den Vorstand der Gerling-Vertrieb Industrie AG auf.Die in den Außenstellen aufgebauten Kontakte zur deutschen Großindustrie pflegte er von Köln aus weiter wie kein anderer. ?Er ist ein Netzwerker?, sagen seine Kollegen. Das stellte sich kurze Zeit später als Glücksfall für den durch eine Fehlinvestition in den USA in Schieflage geratenen Konzern heraus. Der Familienkonzern galt schon vor der globalen Finanzmarktkrise 2002 als schwach kapitalisiert. Faden reiste durch die Republik und sammelte den Großteil der 150-Millionen-Euro-Kapitalspritze von seinen Kunden ein. Ungewollt trat er damit in die Fußstapfen von Hans Gerling. Der gestrenge Versicherungsunternehmer hatte nach der Pleite der konzerneigenen Herstatt-Bank fast 30 Jahre zuvor befreundete Industrielle ins Boot geholt, um seine Versicherungsgesellschaften zu retten.Bei der Allianz in München geht es indes nicht um Kapital. Das holt der Marktführer sich an der Börse. Es geht um die Kunden selbst, ums Geschäft. Dann stimmt am Ende auch die Kasse ? wie im Kino.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.04.2007