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Vielen Bewerbern fehlt die menschliche Antenne

Von Sinara Stull O?Donnell, WSJE
Im Bewerbungsgespräch kann etwas Konversation angebracht sein. Man braucht sich nicht zu verhalten, als sei man in einem Verhör. Auch der Personaler möchte gerne als Mensch wahrgenommen werden.
Oh, wir haben an derselben Hochschule studiert.? Das ist eine Gesprächseröffnung, wie ich sie gerne bei Bewerberinterviews benutze. Als Anwerberin von Führungskräften versuchte ich immer eine Konversation zustande zu bringen, um das Gespräch angenehmer zu gestalten. Im Laufe der Jahre habe ich dabei festgestellt, dass die Bewerber derart darauf fixiert sind, sich selber darzustellen, dass sie vergessen, dass sie einer Person gegenübersitzen. Schon gar nicht waren sie in der Lage, sich in sie hineinzuversetzen.Dieser Mangel an Vorstellungskraft zeigt sich dann immer wieder in Sitzungen und Konferenzen, wo die Ichbezogenen ihre Anliegen durchdrücken, ohne nach den Bedürfnissen der Anderen zu fragen. Dabei ist es gerade in Zeiten des Abschwungs wichtig, sich nicht nur als guter Angestellter, sondern auch als guter Mannschaftsspieler zu zeigen.

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Vier Dinge werden bei Vorstellungsgesprächen oft vergessen:Empathie: Trotz aller Routine durch hunderte von Gesprächen wollen manche Anwerber die Situation auflockern, indem sie mit Konversation beginnen. Wenn Sie das Glück haben, dass Ihnen ein Einstieg geboten wird wie ?Wir haben dieselbe Uni besucht?, dann greifen Sie ihn auf!Höflichkeit: Einmal bin ich fast erschrocken, als mir ein Kandidat sagte, es müsse doch ermüdend sein, den ganzen Tag Gespräche zu führen ? und dann käme er noch um 16.00 Uhr. Er hatte Recht: Ich war völlig erschöpft, aber sein Hinweis erinnerte mich daran, warum ich vor allem Rekrutierer geworden war: Wegen der Menschen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Würde und Interesse sind gerade bei Routinegesprächen wichtigOft genug fühlte ich mich von Kandidaten würdelos behandelt. Es scheint, als sähen sie in mir bloß ein Zulaufrohr zum Unternehmen. Ich wusste meist die Bewerber zu schätzen, die fragten, wie lange ich schon bei der Firma sei, und die auf meine Gesprächseröffnung eingingen. So konnte ich sie mir dann auch bei der Arbeit vorstellen.Vorstellungsgespräche sind keine Verhöre: Es gibt nichts entmutigenderes als einen Kandidaten, dessen Antworten ausfallen, als würde er vom FBI verhört. ?Ja? und ?Nein? sind keine ausreichenden Antworten.Interesse: Auch bewährte Anwerber können ins routinemäßige Befragen verfallen, besonders wenn sie knappe Antworten erhalten. Zu den besten Bewerbern gehören die, die mehr als ein oberflächliches Interesse zeigen.Man hört dann Fragen wie: ?Kann ich zu dieser Frage zur Verdeutlichung noch etwas hinzufügen?? Oder: ?Wann passt es, dass ich ein paar Fragen zur Arbeit stelle?? Dann bekommt der Rekrutierer einen Eindruck davon, wie Sie arbeiten.Vor allem aber sollte man im Gesprächspartner die Person sehen und nicht einen Firmenvertreter. Es geht nicht nur um Dich!S. O?Donnell ist Chefin der Personalberatung Sinara Speaks in Springfield, Missouri.
Übersetzung: Hans Eschbach
Dieser Artikel ist erschienen am 25.08.2004