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Viele, viele bunte Bilder

Von Katharina Kort und Thomas Knüwer
Arrigo Beltrami entscheidet, welches Bild sich Fans von den WM-Stars machen: Er ist der Kreative beim Sammelbild-Hersteller Panini.
MODENA/DÜSSELDORF Die Fußballweltmeisterschaft hat für Nils Behrendt eine überraschende Wende genommen: Den Düsseldorfer Architekten hat das Fieber gepackt. Seinen Sohn Nick, fünf Jahre alt, ebenfalls. Seinen Schwiegervater auch, der war sogar der Erste.Nein, es geht nicht um Eintrittskarten, Klinsis Truppe oder Public Viewing. Das Trio vom Rhein tauscht Hochglanz-Fotos der WM-Spieler und pappt sie in ein alles andere als hochwertiges Album. Was für Nick eine Premiere ist, spukte seinem Vater und seinem Opa noch aus Kindheitstagen im Kopf herum: das Sammeln von Panini-Bildern.

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Merkwürdig? Nicht für Tausende erwachsener Deutscher, die in diesen Tagen erst schamhaft, dann immer offener die Tütchen mit Kicker-Porträts im Zeitschriftenladen erstehen, nicht ruhen, bis alle Motive eingeklebt sind, ja sogar im Büro mit Kollegen tauschen. ?Irgendwann erwacht das Kind im Manne?, sagt Nils Behrendt lachend. Panini ist zum Synonym für Sammelbilder geworden, so wie Tempos für Papiertaschentücher stehen. Panini SpA aber, das Unternehmen, das sein Geld mit den Bildern von Menschen macht, ist selbst extrem fotoscheu. Vorstandschef Aldo Sallistro mag sich weder ablichten noch sprechen lassen. Er steuert die Finanzen und kümmert sich um die Beziehungen zu den Aktionären.Bleibt Arrigo Beltrami. ?Ich bin der letzte Dinosaurier?, sagt der Generaldirektor. Beltrami, 67, ist der Dienstälteste im Hause Panini. 1969, acht Jahre nach der Gründung, ist der Wirtschaftsjournalist zum Unternehmen im emilianischen Modena gekommen. Einer der Gründerbrüder, Giuseppe Panini, hat ihn persönlich an Bord geholt. Und Beltrami entschied sich nach einigem Zögern zur Rückkehr in die Heimat aus der Großstadt Mailand. Beltrami regelt das Kreative, entscheidet, welche Kollektionen und Zeitschriften wann und wo auf den Markt kommen: ?Findet Nemo?-Sammelheftchen für Deutschland, Superhelden-Comics für Italien, Cricket-Klebebilder für den indischen Markt.Viel hat er erlebt seit seinem Start bei Panini vor 37 Jahren. Mehrfach hat das Unternehmen den Besitzer gewechselt. 1988 verkaufen die vier Gründerbrüder Giuseppe, Benito, Franco Cosimo und Umberto Panini an die britische Maxwell. Nach vier schwierigen Jahren übernehmen die italienischen Investoren Bain Gallo Cuneo und De Agostini das Unternehmen, um es zwei Jahre später und besser aufgestellt an die amerikanische Marvel Entertainment Group abzugeben, die börsennotierte Muttergesellschaft von Superhelden-Comics wie ?Spiderman?. Erst 1999 kehrt Panini in italienischen Besitz zurück: Eine Gruppe von Investoren, angeführt von Vittorio Merloni vom Haushaltsgeräte-Hersteller Indesit, übernimmt die Führung.Produziert wurde die ganze Zeit vor allem in Modena. 32,5 Millionen Abziehbilder werden in bis zu 6,5 Millionen Tüten täglich abgepackt. Hinter der grauen Fertigbau-Fassade des Firmensitzes rollen meterbreite Streifen mit den Gesichtern von Ballack, Beckham und Ronaldinho vom Band. Mit einem Stroboskop prüft ein Mitarbeiter die Farbqualität der schnell vorbeiratternden Fotos.So wie die Liebe deutscher Erwachsener zu Panini-Bildern wie aus einer anderen Zeit scheint, so wirkt auch die Produktion wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. An den Wänden hängen Fix & Foxi-Poster neben Harry Potter und dem Logo der Fußball-WM 2006. Auf den Fluren liegen auf tiefen Tischen riesige Bögen mit 100 Bildern für das ?Superalbum? der Fußball-Geschichte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In 110 Länder liefert Panini seine Bilder?Als ich hier angefangen habe, waren wir 70 Mitarbeiter?, erinnert sich Beltrami. ?Seitdem haben wir uns von einem nur in Italien präsenten Mono-Produzenten in ein weltweit agierendes Unternehmen gewandelt?, erklärt der hagere Mann mit seiner rauen Stimme. In 110 Länder liefert Panini seine Bilder, in Deutschland feiern die Italiener in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen.Aus den 70 Mitarbeitern sind 640 geworden. Und seit die Panini-Brüder ihre ersten Wundertüten an einem Kiosk auf der Domstraße verkauften, ist der Umsatz auf 400 Millionen Euro im vergangenen Jahr geklettert. Rund ein Drittel davon macht das Unternehmen mit Sammelbildern, ein Drittel mit Comics und Magazinen und ein Drittel mit dem Vertrieb von Fremdprodukten wie Telefonkarten und Batterien.Herzstück aber bleiben die Sammelbilder. Die WM in Deutschland sorgt für einen ordentlichen Schub: Beltrami rechnet in diesem Jahr mit einer halben Milliarde Euro Umsatz. Damit fängt das Weltereignis eine Umsatzdelle in der Heimat auf: Der Fußballskandal in Italien ließ den Absatz der WM-Bildchen in Italien schrumpfen. ?Der Skandal hat auch uns bestraft?, sagt der Inter-Mailand-Fan Beltrami. So angestaubt die Produktion wirkt, so hat Panini doch die Zeichen der Zeit erkannt:Es gibt eine Internet-Tauschbörse, und bei www.mypanini.com können Kunden die Spieler-Trikots ihre Nationalmannschaft sogar mit ihren eigenen Gesichtern versehen und bekommen sie als original Panini-Klebebilder geschickt.Weltweit agieren und doch den Charme eines Mittelständlers bewahren ? das ist das Ziel in Modena. Da klopft der Generaldirektor beim Werksrundgang den Mitarbeitern in ihren blauen Polohemden mit Firmen-Logo auf die Schulter und plaudert über das Fußballspiel vom Vorabend. Nein, kein WM-Partie, sondern ein Match zwischen Mitarbeitern: ?Schwarz gegen Weiß?, erklärt Beltrami erfrischend politisch unkorrekt: farbige Mitarbeiter gegen Italiener. ?Schwarz hat sieben zu zwei gewonnen, das war klar?, lacht er.Ein Mitarbeiter beschwert sich, dass Beltrami ihn nicht gegrüßt hat und duzt dabei seinen Chef. ?Bei uns gibt es keine riesigen Unterschiede zwischen Bossen und Mitarbeitern. Wer mir etwas sagen will, muss keinen Termin ausmachen?, sagt Beltrami. Und sein Managementstil? ?Ich habe keinen Managementstil. Ich bin natürlich.? Wenn ihn aber etwas ärgert, findet er deutliche Worte. Etwa, wenn er hört, dass Panini von einigen Motiven absichtlich nur wenige Bilder herstelle, um die Verkäufe anzufeuern: ?Es gibt keine raren Panini-Bilder. Das ist ein Mythos, der nicht stimmt.? Zum Beweis erklärt er minutiös das komplizierte Mischsystem der Bilderfabrik.Würde Beltrami die Behrendts in Düsseldorf treffen, würde ihm wohl warm ums Herz. Denn die weltweite Begeisterung für Panini-Bilder, ?die bewegt mich noch immer.? Was würde er dann wohl erst sagen, wenn er den fünfjährigen Nick Behrendt sehen würde, wie er begeistert die Tütchen aufreißt, die ihm seine Patentante mitgebracht hat? Rechtzeitig bis zur Halbzeitpause müssen die Bilder nach neuen Motiven durchforstet sein. Und was ist mit dem Spiel im Fernsehen? Nicht so wichtig:?Gleich kommen die Mainzelmännchen? ? und die sind spannender als Lukas Podolski. Wer Panini-Bilder sammelt, ist eben nicht automatisch ein Fußball-Fan.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.06.2006