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Viel PS unterm Arsch

Annette Eicker
Foto: Rainer Fehringer
Nach dem 11. September hatte die Deutsche Lufthansa die Anwerbung von Piloten völlig eingestellt. Jetzt steht fest: Das war ein Fehler. Ab sofort zieht sie mit einer Werbetournee durch 33 Hochschulen. Denn Nachwuchsflieger werden dringend gebraucht. Ausgebildet werden sie in Bremen und in der Wüste von Arizona.
4 Uhr 45. Die Sonne ist schon eine Weile aufgegangen, taucht die Sierra Estrellas hinter den Hangars in helloranges Licht. Noch kämpft sie gegen den Nebel, der über der Wüste hängt und die Kakteen einhüllt. Janin Sczesny räkelt sich aus ihrem Bett im vierten Stock von Gebäude 108. Sie streift den grauen Fliegeroverall über, trottet rüber zur Gemeinschaftsküche des Flurs und knipst die Espresso-Maschine an. Die Kantine hat zwar schon auf, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Mal sehen, was im Kühlschrank ist. Vor der Glotze im Wohnraum eine Tüte Chips, ein paar zerdrückte Cola-Dosen und ein randvoller Ascher. Da dreht sich ja der Magen um. Janin kippt Sojamilch auf ihr Müsli.

Eine Viertelstunde später steht sie an der Theke der Scheduler und sucht auf der riesigen Wand mit Folientafeln nach ihrem Namen. Die Scheduler planen den ganzen Flugbetrieb: Wer fliegt wann mit welchem Fluglehrer auf welcher Maschine? Janin nimmt die Wetterdaten entgegen, füllt das ?Weight-and-balance"-Formular aus und beginnt dann im Arbeitsraum gegenüber mit der Planung ihrer Route.

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Kotztüten an Bord

Heute soll es nach Sedona gehen, ein Flug von zwei Stunden zu dem roten Bergmassiv im Norden von Goodyear. Könnte ungemütlich werden, denn die Wetterlage verheißt Turbulenzen. Die treten in der Wüste von Arizona auch bei knallblauem Himmel auf, wenn die Temperaturen plötzlich um ein paar Grad fallen und der Boden noch von der Hitze des Vortages glüht. Dann entsteht eine Thermik, die die Bonanza, mit der Janin heute fliegen wird, auch schon mal lustig durchsacken lässt. Auch die Landung auf der Klippe des 1500 Meter hohen Sedona-Massivs ist nicht gerade witzig bei starkem Wind. ?Die Kotztüten werde ich hoffentlich nicht brauchen", sagt sie grinsend.

Von früh am Morgen bis kurz vor Sonnenuntergang summen im Airline Training Center Arizona (ATCA) in Goodyear die Flugzeugmotoren. 300 Tage im Jahr ist hier in der Gegend um Phoenix gutes Flugwetter: Gewitter kommen nur alle sieben Pfingsten vor und Regen hat es schon lange nicht mehr gegeben. Auch der Luftraum ist nicht so voll wie in Deutschland: Ideale Bedingungen für die 180 bis 200 Flugschüler der Lufthansa, die hier das Fliegen lernen. Jeder kann eineinhalb bis zweieinhalb Stunden am Tag in der Luft sein - in Deutschland undenkbar.

6.000 Piloten hat die Schule seit ihrer Gründung 1970 schon in Cockpits rund um die Welt gebracht. Die meisten in die der Lufthansa, aber auch andere Airlines haben hier ausbilden lassen. Außer für ein paar Bundeswehrpiloten hat die Lufthansa zurzeit jedoch keine Gast-Plätze frei, denn sie braucht die Ausbbildungskapazität für die eigene Flotte. Lange war der Bedarf an Nachwuchspiloten nicht mehr so groß wie jetzt.

Monat für Monat kommt eine neue Gruppe mit über 20 Schülern hier in Arizona an. Nach dem langen Flug aus Deutschland müssen die Novizen dann erstmal mit vollem Dress in den Swimmingpool des Campus springen und nach dem Schlüssel für eins der Studentenzimmer tauchen. ?Dieser Ritus verhindert Diskussionen über die Zimmerverteilung", grinst Matthias Kippenberg, der Leiter der Schule.

Routinen sind lebenswichtig

Um halb sechs trifft Janin sich mit John Puster, ihrem IP (Instructor pilot) und zwei weiteren Schülern aus dem Kurs 308 NFF (Nachwuchsflugzeugführer). Kurzes Briefing zu den Start- und Landerouten, zu Winden, Wetter und der Funkkommunikation unterwegs. Dann geht die Gruppe raus aufs Vorfeld zur ?Bonny". Janin öffnet die Haube der einmotorigen 285-PS-Maschine, schaut mit Kennermiene hinein, inspiziert dann Rumpf, Tragflächen und Heck der Beechcraft Bonanza auf Vogelschlag-Schäden und sucht nach Ölflecken auf dem Boden. Die Ingenieure von der Maintenance (Instandhaltung) haben die Maschine komplett durchgesehen und betankt, aber dieser Check gehört zur Routine vor jedem Flug. ?Von diesen Routinen darf man nicht abweichen, denn eine solche Maschine kostet 900.000 Dollar, und für ihren flugtauglichen Zustand ist der Pilot selbst verantwortlich", erklärt Kippenberg.

Janin nimmt links Platz, ist als erste ?pilot flying", der Mitschüler neben ihr ist ?pilot non flying". Die beiden anderen sitzen hinten. Auf dem Schoß hat sie das AOM - Airplane Operating Manual - und spricht sich seitenweise Checklisten vor: Handbremse ziehen, lösen, Instrumentencheck, Motor-check. ?Cabin Crew ready?" ruft sie nach hinten auf den Rücksitz. Und antwortet sich dann selbst: ?Ready!" ?Die Memory items kann ich alle auswendig", sagt Janin, ?aber trotzdem muss man vor jedem Flug mit dem Handbuch alles durchchecken, damit man nichts vergisst. Die Abläufe führen einen durchs Fliegen. Damit hab’ ich schon den allerersten Flug überlebt."

Vorkenntnis ist unerwünscht

Die Piloten-Ausbildung der Lufthansa ist eine Ab-Initio-Schulung: Der Schüler braucht keinerlei Flugerfahrung mitzubringen. Im Gegenteil: ?Schülern, die noch nichts gelernt haben, brauchen wir nicht mühsam Dinge abzugewöhnen", sagt Kippenberg. Bewerber jedenfalls, die schon einen privaten Motor- oder Segelflugschein haben, werden nicht bevorzugt.

?Ich hatte noch nie einen Flieger aus der Nähe gesehen", erzählt Janin über ihre erste Flugstunde, als der Lehrer sie mit dem Einstiegsmuster, der Piper PA28 vertraut machte. Damals hatte sie schon fünf Monate Ausbildung in der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa Flight Training in Bremen hinter sich, hatte ein Führungs- und Verhaltenstraining absolviert, Luftrecht, Sprechfunk, Navigation, Meteorologie und Aerodynamik gepaukt und viel über Technik gelernt: ?Nach Bremen hatte ich das Gefühl, ich könnte jedes Flugzeug fliegen und selbst zusammenbauen."

Die meisten Flugschüler haben zwar noch keine Motorflugerfahrung, aber schon immer vom Fliegen geträumt. Entweder war der Vater Pilot, sie waren selbst Segelflieger, haben Modellflugzeuge gebastelt oder oft am Flughafen gestanden und Kerosin inhaliert. Manche bewerben sich gleich nach dem Abi, aber es gibt auch viele, die erst eine Lehre machen, ein Studium absolvieren oder eins abbrechen. Die meisten sind Anfang 20 und man kann sie sich noch nicht so recht im Cockpit eines großen Passagierjets vorstellen.

Angst haben sie nicht, sagen alle, daran habe auch der 11. September nichts geändert. Schließlich kenne man die Technik und könne ihr vertrauen. ?Zweimal in den letzten zwei Jahren haben Schüler vergessen, das Fahrwerk auszufahren und die Maschine auf den Bauch gelegt", erzählt Kippenberg. ?Zum Glück hat sich keiner dabei verletzt."

Fliegen unterm Hut

Für die 22-jährige Janin Sczesny hat nach rund 100 Sichtflug-Stunden nun die Phase des Instrumentenflugs begonnen. ?Da bin ich 80 Prozent der Flugzeit ?under the hood‘...ja genau..unterm Hut, damit ich nicht rausschauen kann, sondern nur mit Hilfe der Instrumente interpretieren lerne, ob der Flieger sinkt, steigt, eine Kurve fliegt oder gar auf dem Kopf liegt. Damit soll ein Flug in den Wolken simuliert werden, und man glaubt gar nicht, wie schnell man ein paar hundert Fuß verliert, bevor man es merkt."

Ob ein zukünftiger Pilot solchen Stress-Situationen gewachsen ist, wird schon bei dem Auswahltest im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Hamburg-Fuhlsbüttel mit ziemlicher Treffgenauigkeit festgestellt. Zwei Tage lang werden Englisch, Mathematik und Physik geprüft, das Verständnis einfacher technischer Systeme, die akustische und optische Wahrnehmung, Merkfähigkeit, Raumorientierung, Psychomotorik, Konzentrations- und Belastungsfähigkeit.

Wer nicht nur Pilot werden will, sondern auch bei der Lufthansa arbeiten, muss danach noch zwei Tage für die Firmenqualifikation überstehen. Da wird an Geräten und im Simulator die psychomotorische Begabung und Fähigkeit zur Mehrfacharbeit in komplexen dynamischen Situationen geprüft. Hinzu kommen lange Tests des Sozialverhaltens mit Rollenspielen und Gruppendiskussionen.

?Das waren die schlimmsten zwei Tage meines Lebens", erzählt die 20-jährige Diana Hermann, eine Mitschülerin von Janin. ?Man wird ständig von allen Seiten beobachtet und hat noch gar nicht den Mund aufgemacht, da schreiben die Beobachter schon. Das ist bewusste Verunsicherung, auf die man sich nicht vorbereiten kann."

Umstritten: Vorbereitungskurse

Solche Vorbereitung wird von Trainern angeboten, die der Lufthansa ein Dorn im Auge sind. Ob deren Kurse etwas bringen, ist aber auch bei den Flugschülern umstritten. Janin etwa hat einen Kurs gemacht und würde das auch empfehlen: ?Man steht unter großem Druck, denn der Test ist nicht wiederholbar." Florian Hotzy, ein Kurskamerad, sieht darin eher Abzockerei: ?Ich habe 2.800 Mark abgedrückt und die Prüfer haben es gemerkt. Ich hab es dann auch zugegeben, denn die Ausbildungskapitäne haben keine Lust, angelogen zu werden. Ich würde abraten."

Pilotinnen wie Diana und Janin sind immer noch die Ausnahme, obwohl die Lufthansa sehr weitgehende Teilzeit- und Elternangebote macht: Auf 3300 Piloten kommen zur Zeit nur 60 Pilotinnen. ?Es gibt einfach keine Vorbilder", sagt Janin dazu. Und viele Mädchen schreckten davor zurück, dass soviel Mathe und Physik vorkommt.

Janin hatte davor keine Angst. Ihre Tigerlili, die Yamaha XJ 600, mit der sie nach dem Abi zwei Jahre in Europa unterwegs war, konnte sie selbst reparieren. Am Motorradfahren und am Fliegen fasziniert sie das Gleiche: ?Unterwegs sein - mit viel PS unterm Arsch."
Dieser Artikel ist erschienen am 07.06.2002