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Viel Platz an der Tafel

Liane Borghardt
Raus aus der Wirtschaftskrise, rein in den Staatsdienst. Seiteneinsteiger ins Lehramt haben gute Karten. Besonders an Berufsschulen.
Freier Journalist, kalt erwischt von der Krise der Medienbranche, jetzt sechs Wochen auf Sinnsuche in Fernost. Für flüchtige Backpacker-Bekanntschaften à la "Was machst Du sonst so?", fand Thomas Ferner seine Erklärung zu lang. Während seiner Indien-Reise im Frühjahr ging der Kölner dazu über, schlicht zu schummeln: "Ich bin Lehrer." Darunter kann sich jeder was vorstellen, basta. Dass Ferner ein halbes Jahr später tatsächlich vor einer Schulklasse stehen würde, ahnte er nicht

Zurück vor dem heimischen Computer blieb der 36-Jährige im Internet an einer Ausschreibung der Bezirksregierung Düsseldorf hängen: Wegen Lehrermangel Quereinsteiger für Berufsschulen gesucht. Bis zum Bewerbungsschluss hatte Ferner noch einen Tag. "Keine Ahnung, wie ich auf den Internet-Seiten der Bezirksregierung gelandet bin", sagt er

Die besten Jobs von allen


Karma, Fügung, Glück - egal, jedenfalls macht Thomas Ferner seit September den Job, den er schon als Abiturient im Sinn hatte. Doch anno 1988, zu Zeiten der vermeintlichen Lehrerschwemme, fürchtete er, "in die Arbeitslosigkeit hinein zu studieren". Die Kultusminister stellten kaum Neue ein, erhöhten stattdessen Klassenstärken und Arbeitszeiten. Ferner entschied sich für ein Magisterstudium Germanistik, arbeitete nebenbei bei der Münsterschen Zeitung und beim Westdeutschen Rundfunk.

Kollektiv in Rente
Heute rächt sich, dass der akademische Nachwuchs dem Lehramtsstudium den Rücken gekehrt hat. Auf deutsche Schulen rollt eine gigantische Pensionierungswelle zu: Jeder fünfte Lehrer ist über 55 Jahre alt, das Durchschnittsalter beträgt 47 Jahre, meldet das Statistische Bundesamt. In den nächsten zehn Jahren gehen 40 Prozent der 785.000 Lehrer in Rente. Oder in frühzeitigen Ruhestand.

Die Zahl der Absolventen hält mit dem Bedarf nicht Schritt. Bis zum Jahr 2008 strömen jährlich zwischen 18.000 und 25.000 Referendare in den zweijährigen Vorbereitungsdienst. Allein um die ausscheidenden Kräfte an berufsbildenden Schulen zu ersetzen - hier arbeiten 110.000 Lehrer - müssten pro Jahr 30.000 junge Pädagogen eingestellt werden. In den ostdeutschen Bundesländern löst sich das Problem von selbst: An den Grundschulen ist der Geburtenrückgang bereits angekommen, demnächst erfasst er die weiterführenden Schulen. Trotzdem werden junge Leute mit Elan und neuen Ideen gebraucht. Die Situation im Westen: Die Schülerzahl wächst, dadurch verschärft sich der Mangel.

Minister haben geschlafen
"Schülerzahlen sind auf 15 Jahre berechenbar, die Altersstruktur der Lehrerschaft kennt man auf Jahrzehnte hinaus. Kein Großunternehmen in der Wirtschaft hat so verlässliche Daten für sein Management wie ein Schulminister", sagt der Vorsitzende des deutschen Lehrerverbands Joseph Kraus. Doch statt langfristig zu planen, operierten Politiker "kurzatmig im Zeitraum einer Legislaturperiode".

Diesen Vorwurf lassen die Kultusministerien nicht gelten. Unscharfe Prognosen und freie Berufswahl machten eine Steuerung unmöglich. Konter der Verbände und der Gewerkschaft für Erziehung und Bildung: Für Endzwanziger sei es schlicht unattraktiv, nach dem Studium mit Anwärterbezügen von 1.000 Euro abgespeist zu werden. Die Kultusministerkonferenz habe zudem verschlafen, etwas fürs Image der Zunft zu tun. Ob Erfurt oder Pisa - Schuld sind immer die Lehrer. "In Deutschland darf man uns ungestraft faule Säcke nennen. Undenkbar in Skandinavien oder Japan", schimpft der Verbandsvorsitzende Kraus.

Praktiker gesucht
Zank um Planung, Werbekampagnen, Besoldung hin oder her: Um Löcher zu stopfen, müssen auch Seiteneinsteiger mit anderen Hochschulabschlüssen als dem Staatsexamen rekrutiert werden. Da sind Verbände und Ministerien sich einig. Je nach Schulform und Unterrichtsfach ist der Mangel schon heute akut: An Grundschulen etwa kann der Bedarf zurzeit noch 100-prozentig gedeckt werden, an berufsbildenden Schulen nur zu einem Drittel.

Von Hamburg bis Bayern fehlt es an so genannten Diplom-Handelslehrern für Wirtschaft, Sprachen, IT, Maschinenbau, Gesundheit und Elektrotechnik. Dafür gibt es zwei Gründe. Beim Ausbildungsweg Abi plus Studium taucht die Berufsschule nicht auf dem Radarschirm der Studenten auf. Ergo ist der Diplom-Handelslehrer wenig bekannt. Hinzu kommt, dass bei guter Konjunktur 40 Prozent eines Absolventenjahrgangs in die Wirtschaft gehen. Ein Pädagoge mit Studienfächern wie BWL und Englisch passt auch in Unternehmen

Dass es in mancher Branche kriselt, sehen die Verbände als Chance, Akademiker mit außerschulischer Berufserfahrung fürs Lehramt zu gewinnen. Die Vokabeln Verbeamtung und Jobgarantie klingen zu Zeiten der Massenarbeitslosigkeit wie Musik. "Allerdings darf es kein Qualitäts-Dumping geben", warnt Lehrerverbandsvorsitzender Kraus. Zusatzqualifikationen für Seiteneinsteiger müssten garantiert sein, ein Jahr Training sei Minimum.

Jobwechsel mit Tücken
Uni- oder FH-Diplom, Altersgrenze 45 oder 55 Jahre - je größer die Not, desto großzügiger verfahren die Länder mit Bewerbern. Auch beim didaktischen Tuning gehen sie unterschiedliche Wege (siehe Kasten). Nordrhein-Westfalen etwa nimmt Direkteinstieg an Berufsschulen wörtlich. Nach den beiden Einstellungsrunden 2001 wurden mehr als 500 ehemalige Programmierer, Banker, Journalisten ins kalte Wasser geschubst. Vom ersten Tag an unterrichten die Akademiker ohne Lehramtsbefähigung in Eigenregie. Wer keine zwei Mangelfächer studiert hat, bekommt eins zugeteilt, das seiner Berufspraxis entspricht.

Der Germanist, ehemalige Reporter und Online-Redakteur Ferner ist jetzt Lehrer für Deutsch und Mediengestaltung an einem Wuppertaler Berufskolleg. "Am Anfang habe ich mich gefragt, ob ich sechs Stunden Unterricht vor mehr als 30 Schülern durchstehe. Da hätte etwas Vorbereitung gut getan", erzählt Ferner. Vier Tage in der Woche steht der Kölner insgesamt 18 Stunden an der Tafel, korrigiert Hefte, konferiert. Einmal wöchentlich sitzt er selbst auf der Schulbank. Mit 30 anderen Seiteneinsteigern büffelt er erziehungswissenschaftliche Grundlagen. Nach zwölf Monaten winkt das Zweite Staatsexamen.

Nicht jeder ist ein Tommi
Graue Theorie allein macht keinen zum guten Lehrer, glaubt Thomas Ferner. Vielmehr profitiere er davon, als Moderator gearbeitet zu haben. Auch Verbandsvorsitzender Joseph Kraus spricht neben solider Ausbildung vom Talentberuf, einer Mischung aus "Thomas Gottschalk und Pädagoge". Dazu eine Portion Learning-by-doing. Vorbildlich findet Kraus das bayerische Modell: Nach sechs Monaten Intensivtraining unterrichten Seiteneinsteiger zunächst unter Aufsicht. "Der Praxisschock muss irgendwann sein. Das ist bei Referendaren, die auf Lehramt studiert haben, nicht anders."

Anders ist bei Referendaren im regulären Vorbereitungsdienst jedoch das Gehalt. Während Seiteneinsteiger nach Bundesangestelltentarif zwischen 3.000 und 4.000 Euro verdienen, müssen Referendare sich mit einem Drittel dessen begnügen. Das drückt auf die Stimmung. Und während Schulleiter die Seiteneinsteiger als erfrischend empfinden, begegnet das Kollegium ihnen argwöhnisch. Die Schüler dagegen haben es Ferner leicht gemacht, sich in seine neue Rolle einzuleben. "Die finden es klasse, einen Lehrer zu haben, der unter 60 ist." Und schließlich hat Ferner die Lehrer-Identität vorab angetestet. Auf seiner Indien-Reise.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.12.2002