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Viel Lob für den Gejagten

Von Joachim Hofer
Was musste sich Norbert Reithofer in den vergangenen Wochen nicht alles an Kritik anhören. Die einen warfen dem BMW-Chef vor, er würde angesichts der schwachen Rendite auf Jahre nur noch die Rücklichter der Konkurrenten Audi und Mercedes sehen. Andere kritisierten den massiven Stellenabbau, mit dem der Manager die Kosten drücken will. Rückhalt gibt es von den Aktionären.
BMW-Chef Norbert Reithofer musste viel Kritik einstecken. Doch die Aktionäre stärken dem 52-Jährigen den Rücken. Foto: ap
MÜNCHEN. ?Ich finde es großartig, dass sie sich über die Mobilität der Zukunft Gedanken gemacht haben. Wir müssen uns um BMW keine Sorgen machen?, lobt Daniela Bergdolt, die für gewöhnlich so kritische Vertreterin des Aktionärsverbands DSW. Die Juristin ist nicht die einzige Sprecherin, die dem unter Beschuss geratenen Konzernlenker auf der Hauptversammlung in der Münchener Olympiahalle an diesem Donnerstag den Rücken stärkt. ?Herr Reithofer, für die konsequente Umsetzung Ihrer Strategie haben Sie die volle Unterstützung?, sagt etwa Tim Albrecht von der Frankfurter Fondsgesellschaft DWS. Ja, selbst die Umweltschützer attestieren Reithofer, einen guten Job zu machen: Die BMW-Karossen seien heute wesentlich sauberer als noch vor einem Jahr.Es ist Reithofer anzusehen, dass er die Lobeshymnen seiner Anteilseigener nach dem Dauerbeschuss in diesem Frühjahr genießt. Mit einem spitzbübischen Lächeln sitzt der Ingenieur oben auf dem Podium, die Hände gefaltet, und blickt zufrieden ins weite Rund der Arena. Gerade hat er die Anteilseigner mit seiner einstündigen Rede geschickt für sich eingenommen.

Die besten Jobs von allen

Dunkler Anzug, weißes Hemd und hellblaue Krawatte, Reithofer trägt die traditionellen BMW-Farben. Der gebürtige Bayer Reithofer weiß den Heimvorteil für sich zu nutzen. ?Das Herz von BMW schlägt seit über 90 Jahren in München, wir sind ein bayerisches Unternehmen?, ruft er den Aktionären zu. So etwas kommt in Zeiten der Globalisierung in der bayerischen Landeshauptstadt gut an.Ausführlich beschreibt Reithofer, warum der schwache Dollar dem Konzern so zu schaffen macht, wie die hohen Rohstoffkosten den Gewinn drücken ? und legt dar, was er zu tun gedenkt, damit die Marge wieder auf das Niveau der Rivalen in Stuttgart und Ingolstadt klettert. Dazu skizziert der Manager seine Pläne für Elektroautos und den Hybrid-Antrieb.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kein radikaler Bruch mit der VergangenheitSeit Juli 2006 steht der Manager an der Spitze von BMW. Zunächst durfte er noch üppige Gewinne und steigende Absatzzahlen verkünden. Im letzten halben Jahr weht dem promovierten Maschinenbauer aber ein eisiger Wind ins Gesicht. Denn die Bayern verdienen pro Auto deutlich weniger als die beiden großen deutschen Wettbewerber. Deshalb greift Reithofer jetzt durch: 8 100 Stellen fallen weg, auch die Einkaufskosten sollen stark sinken. Gleichzeitig wird das Werk in den USA ausgebaut, um dem Dollar-Verfall zu begegnen.Doch ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit sieht anders aus. Pünktlich zur Hauptversammlung verkündet BMW, dass die 73 000 Mitarbeiter des Konzerns in Deutschland im Schnitt je 5 600 Euro Prämie für das vergangene Jahr bekommen ? deutlich mehr, als die einheimische Konkurrenz ausschüttet.Vielleicht ist der Druck einfach nicht groß genug oder Reithofer schlicht der falsche Mann, um BMW komplett auf den Kopf zu stellen. Seit über 20 Jahren arbeitet der in Penzberg südlich von München geborene Mann für den Konzern, stieg 1987 direkt nach dem Studium ein. Aufsichtsratschef Joachim Milberg, sein Vorvorgänger an der Vorstandsspitze, hat ihn einst ins Unternehmen geholt und über Jahre hinweg nach Kräften gefördert. Reithofer kennt den Konzern heute wie seine Westentasche.Zwar moniert auch Fondsmanager Albrecht ?Fehler der Vergangenheit? wie das missglückte Design der 5er- und 7er-Reihe sowie eine ?Technikverliebtheit bis ins letzte überflüssige Detail?. Gleichzeitig bekennt sich der Aktienexperte aber auch zu Reithofers langfristig ausgelegter Neuausrichtung. Und DSW-Vertreterin Bergdolt fordert sanft, die neuen Renditeziele doch etwas vor dem angepeilten Ziel 2012 zu erreichen.Sicher, da gibt es auch die Aktionäre, die den Aktienkurs für viel zu niedrig halten und gerne eine höhere Dividende hätten. Doch Reithofer pariert die Kritik sachlich und souverän. Mögen Audi und Mercedes momentan auch mehr verdienen, das Signal der Hauptversammlung ist eindeutig: die BMW-Aktionäre geben ihrem Vorstandschef Zeit, die Wettbewerber einzuholen.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.05.2008