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Verzetteln und träumen

Liane Borghardt
Foto: Gundula Krause
"FDP, nötiger denn je." "Für dich, Bauer, Adenauer." "Keep Kohl." Das rockt alles nicht so wirklich. Auf dem Berliner Werbekongress haben Studenten und Deutschlands bekannteste Agenturen versucht, fetzigere Wahlkampagnen zu kreieren. Kann man so was eigentlich studieren?
"FDP, nötiger denn je." "Für dich, Bauer, Adenauer." "Keep Kohl." Das rockt alles nicht so wirklich. Auf dem Berliner Werbekongress haben Studenten und Deutschlands bekannteste Agenturen versucht, fetzigere Wahlkampagnen zu kreieren. Kann man so was eigentlich studieren?

Mit 70 Sachen braust das Taxi über die Sonnenallee Richtung Berliner Osten. "Morast und Filz! Sind doch alle gleich, die Politiker. Da soll einer noch Lust haben zu wählen", schimpft der Fahrer. Rasante Linkskurve, der Wagen stoppt vor Europas größtem Hotel- und Tagungsgebäude, dem Estrel Convention Center. "Na, dann bin ich mal gespannt, was die da drinnen sich für schöne Wahlwerbung ausdenken", verabschiedet sich der Taxifahrer.

Die besten Jobs von allen


"Die da drinnen" sind 300 Studenten, die Teilnehmer des zehnten Werbekongresses. Jedes Jahr im Juni treffen sich Mitarbeiter der 25 bedeutendsten deutschen Werbeagenturen in Berlin mit jenen, die nach dem Studium vielleicht auch dazugehören wollen. Verklickern, verzetteln und verkuppeln: So beschreiben die Organisatoren, 35 ehrenamtlich arbeitende Studenten der Berliner Hochschule der Künste, die dreitägige Rekrutierungsveranstaltung im großen Stil. Dieses Mal heißt das Motto: "Volksvertreter sucht Luftgitarre - Wahlwerbung rockt."

Am ersten Kongresstag haben "Volksvertreter" Laurenz Meyer (CDU), Matthias Machnig (SPD) und Cornelia Pieper (FDP) referiert, heute ist Verzetteln angesagt. Mit den Werbern erarbeiten die Studenten in Zwölferteams eine Kampagne. Das Briefing, wie sich Aufgabenstellung auf Agenturdeutsch nennt: 18- bis 25-Jährige sollen zum Urnengang bei der Bundestagswahl 2002 bewegt werden.

Im Westflügel des Estrel, dritter Stock, debattiert hierzu seit vier Stunden die Arbeitsgruppe, die von drei Mitarbeitern der Frankfurter Werbeagentur Saatchi & Saatchi betreut wird. "Wir kritisieren uns gegenseitig noch tot", stöhnt die 21-jährige Laura Wieland, eine Politikstudentin.

Kreativdirektor und Nachwuchsausbilder Harald Wittig klatscht in die Hände: "So Leute, jetzt beginnt der schmerzhafte Prozess der Kreation. Sonst stehen wir zur Abgabe um 17 Uhr ohne Ergebnisse da. Einigt euch mal auf einen Slogan und entwickelt Motive dazu." Endlich steht eine Formulierung, mit der alle halbwegs leben können: "Manchmal hat man keine Wahl. - Du hast die Wahl: 2002!"

Wittig, Typ wettergegerbter Abenteurer, schüttelt den Kopf: "Man merkt, dass die alle noch an der Uni sind - die diskutieren so viel! Im Agenturalltag gilt das Gesetz: Erst machen, dann reden." Auch deshalb sei es wichtig, dass Studenten, die einen Job in der Werbung anpeilten, so früh wie möglich Agenturpraktika absolvierten.

Welchen Studiengang er empfehlen könne? "Für die Kreation - also Grafik und Text - sind es Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste. Germanistik ist für Texter ebenfalls ratsam, weil man sich im Studium umfassend mit der deutschen Kultur auseinander setzt." In erster Linie müssten Bewerber eine breite Allgemeinbildung mitbringen, daneben Aufnahmebereitschaft und bunte Lebenserfahrung. "Zwei Jahre als Autoverkäufer gejobbt zu haben, kann mehr nützen als vier zusätzliche Semester Germanistik."

Auf dem Konferenztisch stapeln sich inzwischen die Entwürfe. Veronika Gießler, 25, die in Augsburg Kommunikations-Design studiert, zeichnet im Akkord: Eine Großfamilie mit Hasenzähnen, eine Klopapierrolle, an der nur noch ein kläglicher Fetzen hängt - manchmal hat man eben keine Wahl. Wittig schaut zufrieden drein. "Auf den letzten Metern wird es dann doch", weiß er aus drei Jahren Werbekongress-Erfahrung.

Seine beiden Kollegen, die aussehen wie Gucci-Models, waren auch schon einmal dabei - als studentische Teilnehmer. David Endriss, 27, hat am Privaten Institut für Marketing und Kommunikation in Berlin sowie an der Miami Ad School studiert und ist seit einem Jahr Junior Art Director. Der 29-jährige Martin Krauter darf sich nach seinem BWL-Studium in Nürnberg Account Executive nennen - zu Deutsch: Kundenberater. Nun sollen die beiden auf dem Werbekongress ihrerseits junge Talente unter die Lupe und gegebenenfalls unter Vertrag nehmen.

So originell wie möglich haben die Werber sich und ihre Stände für den dritten Teil der Veranstaltung, den Messetag im Ludwig-Erhardt-Haus, herausgeputzt. Die Mitarbeiter von TBWA Berlin tragen gelbe Gummistiefel und stehen nebst zwei dressierten Hängebauchschweinen in einem morastigen Gehege. "Im Dreck wühlen", sei ihnen zum Thema Wahlwerbung eingefallen, erklärt Kreativdirektor Christoph Klingler.

Er findet, die Studienwahl sei relativ einfach: "Art Direktoren brauchen einen fundierten künstlerischen Hintergrund, in der Kundenberatung sind ein Abschluss in BWL oder Kommunikationswissenschaften günstig. Für Texter dagegen gibt es keine bestimmte Ausbildung - allenfalls die der Texterakademie Hamburg." Er zum Beispiel habe Jura studiert, sein Kollege sei Mediziner.

Ein paar Stände weiter schießt die Hamburger Agentur Springer & Jacoby Hochzeitsfotos. Studenten, die "Ja, ich will" zu einem Praktikum gesagt haben, werden hinter einem Blümchenrahmen abgelichtet. "Klar kann man Werbung studieren. Zum Beispiel an der Fachhochschule Pforzheim oder an der Berufsakademie Regensburg", sagt Personalchefin Anke Pflaumer und zupft sich Reiskörner aus den Locken.

Einen Trend zur "Akademisierung in der Werbebranche" stellt auch Wilhelm Lingesleben fest. "Agenturen sind zwar nach wie vor offen für so genannte Exoten, etwa Taxifahrer. Aber ein Quereinstieg lässt sich ja nicht planen", meint der Personalmanager von Publicis Berlin.

12.30 Uhr, eine Straßenecke weiter: In der Hochschule der Künste laufen nonstop die Präsentationen der Workshop-Ergebnisse. Die sechsköpfige Jury isst Schnittchen, macht Notizen und verzieht keine Miene.

Acht Stunden später, auf der Abschlussparty, liegt sich das Team der Gruppe Dorland in den Armen: Es hat den Berliner Juniorenwerbepreis gewonnen. Die Kampagne "Egal gibt’s nicht" wird auf einem Riesenposter am Ernst-Reuter-Platz zu sehen sein. Wenn das Taxi langsam genug fährt. Und wenn sie dem Fahrer nicht gefällt, soll er eben selbst in die Werbung gehen.

Weitere Informationen unter: www.medienstudienfuehrer.de
Dieser Artikel ist erschienen am 23.07.2001