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Very British and cool

Dieter Fockenbrock und Carsten Herz
Ian Robertson schafft es als erster Brite in den BMW-Vorstand: Der neue Top-Verkäufer des bayerischen Autokonzerns soll die Absatzzahlen in den kommenden Jahren deutlich steigern. Der ehemalige Chef der feinen Marke Rolls-Royce muss sich aber bei BMW gewaltig umstellen.
Der ?Typ liebt Tempo?, sagt sein alter Chauffeur über Ian Robertson. Foto: ap
MÜNCHEN/FRANKFURT. Zum Glück kommt die Frage nach den aktuellen Verkaufszahlen. So darf Ian Robertson auf seiner ersten Bilanzpressekonferenz für BMW doch etwas sagen. Und so berichtet der neue Vertriebs- und Marketingvorstand des bayerischen Autokonzerns, dass die Geschäfte mit Rolls-Royce bestens laufen und die Nobelmarke die Kapazitäten ausbaut.Viel sagt Robertson gestern nicht, das aber auf Englisch, kurz und präzise. Very British und very cool. Gerade Letzteres dürfte ihm aber schwergefallen sein. Denn der ?Typ liebt Tempo?, sagt sein alter Chauffeur über ihn.

Die besten Jobs von allen

In der Tat werden nicht so viele Vorstände vom Aufsichtsrat bestellt und müssen dann noch am selben Tag ihren Job antreten. Robertson schon. Am vergangenen Donnerstag Punkt 15 Uhr nach der Aufsichtsratssitzung bezog er sein neues Büro im sogenannten Vierzylinder, der BMW-Zentrale in München.Vorgänger Stefan Krause hatte nicht ganz unerwartet den Posten geräumt, um zur Deutschen Bank zu wechseln. Denn der Ex-Finanzchef von BMW war nur auf dem Vertriebsposten zwischengeparkt. Darin sind sich alle Beobachter einig.Auch sein Nachfolger Robertson. Überrascht hat ihn ?allenfalls das Tempo des Wechsels?. Kein Wort darüber, wie lange schon das personelle Revirement festgezurrt ist. Nur so viel: Mit seiner Familie habe er bereits geklärt, erst im Sommer von England an die Isar umzuziehen.Den Rolls-Royce-Anstecker am Revers hat der schnelle Vertriebschef schon abgelegt, auch seine angebliche Vorliebe für pinkfarbene Krawatten. Geblieben ist die Vorliebe für geometrische Krawatten-Muster ? jedenfalls am gestrigen Bilanztag in München.In den vergangenen zwei Jahren hat Robertson die Geschicke einer der glamourösesten Automarken der Welt gesteuert. Seine Kunden, verrät er schmunzelnd, habe er fast alle mit Handschlag begrüßen dürfen. Das ist jetzt vorbei. Robertson muss die ehrgeizigen Absatzpläne seines Chefs Norbert Reithofer erreichen. Reithofer will die Verkaufszahlen im Konzern von 1,5 Millionen auf mehr als zwei Millionen Autos bis zum Jahr 2018 steigern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er hat das Rover-Debakel überlebt Robertson muss sich im neuen Job radikal umstellen. Denn als Chef der Nobeltochter Rolls-Royce hat er jedes Jahr nur 1 000 Luxusautos nach Maß an eine ausgesuchte Klientel verkauft. Jetzt muss Robertson die feinen handgegerbten Lederhandschuhe ausziehen. Denn beim Kampf um Absatzerfolge der Marken BMW und Mini, für die er nun verantwortlich ist, geht es härter zur Sache. Vor allem aber will BMW schnell wachsen und gleichzeitig die Rendite kräftig nach oben treiben.Robertson verkörpert den klassischen Briten, schlank, hohe Stirn, freundlich, distanziert, aber mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Er ist ? nach dem Schweizer Bob Lutz ? der zweite Ausländer überhaupt im BMW-Vorstand. Seine Deutsch-Kenntnisse liegen auf ?Schulniveau?, räumt er ein. Englisch wird deswegen trotzdem nicht Amtssprache des Vorstands, sagt ein Kollege. Verstehen könne Robertson nämlich das Deutsche sehr gut.Zum Glück beherrscht Robertsons Frau, eine Zahnärztin, die deutsche Sprache perfekt. Sie hat längere Zeit in Bad Homburg verbracht, rein zufällig in der Nähe der Quandt-Zentrale. Die Familie Quandt ist Mehrheitsaktionär und damit Schutzschirm für BMW.Der neue Vertriebsvorstand, Vater zweier fast erwachsener Kinder, gilt als Teamspieler mit einem klaren Blick auf Zahlen. Den wird er auch benötigen. Denn der Gegenwind wird für den bayerischen Autokonzern schärfer. Zwar fuhr BMW auch 2007 erneut einen Absatzrekord ein, aber der Ingolstädter Konkurrent Audi macht den Münchenern mit einer Modelloffensive und ersten Plätzen in Leser-Ranglisten von Fachzeitschriften das Leben schwer.Robertson wird daher seinen eigenen Weg gehen müssen. Aber es gibt kaum jemanden, der ihm das nicht zutraut. Der Brite kennt das Vertriebsgeschäft schon aus seiner Zeit als Leiter des BMW-Südafrika-Geschäfts. Er sorgte dafür, dass sich die Produktion im Werk Rosslyn verdreifachte. ?Da unten lernt man, was es heißt, einen Konzern zu leiten?, sagt Robertson nicht ganz unbescheiden. In Südafrika müsse man alles machen: politische Verbindungen knüpfen, mit den Gewerkschaften verhandeln, die Produktion unter Kontrolle haben und das Marketing steuern. Die Zeit am Kap war aber auch fürs Netzwerken gut: In Südafrika habe er ?Norbert? (Reithofer) kennengelernt.Auch BMW weiß, was es an dem Manager hat, der in seiner Freizeit gerne joggt und Ski fährt. Denn Robertson ist eines der wenigen Überbleibsel aus dem Rover-Debakel von BMW. Als Geschäftsführer von Land Rover hatte er den Bayern so gut gefallen, dass sie ihn behielten ? und 1999 sogar zum Chef von BMW in Südafrika machten. In der Autoindustrie gilt das als Auszeichnung. Viele spätere Topmanager durften sich in Südafrika schon erste Sporen verdienen, darunter Ex-VW-Chef Bernd Pischetsrieder, Ex-Daimler-Boss Jürgen Schrempp und GM-Europachef Carl-Peter Forster.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Robertson muss sich von Traditionen verabschieden Von einigen liebgewonnenen Traditionen muss sich der ehemalige Rolls-Royce-Chef aber bei BMW verabschieden. Noch Ende 2007, so erzählt ein enger Mitarbeiter Robertsons, habe der Brite jedem seiner Kunden persönlich eine Weihnachtskarte geschickt.Sollte der neue BMW-Vertriebsvorstand das auch in seiner neuen Position machen wollen, dann hätte er ein Problem: Er wäre wohl das ganze Jahr mit Kartenschreiben beschäftigt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Ein Meereswissenschaftler macht Karriere Ian Robertson 1958Er wird im walisischen Oswestry/Shropshire, geboren und macht später seinen Abschluss in Meereswissenschaft in Cardiff/Wales.1979Er startet bei der britischen Rover-Gruppe und wird 1988 Werkleiter.1991Ian Robertson steigt zum Leiter des Einkaufs bei Rover auf.1994Er wird Geschäftsführer von Land Rover.1999Robertson wechselt als Präsident zu BMW Südafrika.2005Er wird Chairman und Chief Executive Officer von Rolls-Royce Motor Cars Ltd.2008Robertson wechselt am 13. März in den Konzernvorstand von BMW, wo er für die Bereiche Vertrieb und Marketing verantwortlich ist
Dieser Artikel ist erschienen am 19.03.2008