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Verwirrspiel im Westerwald

Von Jens Koenen
Dass das beschauliche Montabaur im Westerwald einmal das Zentrum für die Konsolidierung des deutschen DSL-Geschäftes sein wird, das hätten die Stadtväter wohl nicht zu träumen gewagt. Und doch passiert derzeit genau das. United-Internet-Chef Ralph Dommermuth ist auf Einkaufstour ? und sorgt damit für Irritation.
Ralph Dommermuth ist auf Einkaufstour. Foto: Archiv
FRANKFURT. Ralph Dommermuth, Gründer, Großaktionär und Vorstandschef des Internetdienstleisters United Internet (UI), ist angetreten, die führende Kraft im deutschen Markt für schnelle Netze zu werden. Mit gleich zwei Paukenschlägen hat er in dieser Woche die Märkte aufgerüttelt: Erst steigt er mit knapp zehn Prozent beim Maintaler Mobilfunker Drillisch ein, mit dem er an der Übernahme des Internet- und Mobilfunkdienstleisters Freenet arbeitet. Nur einen Tag später kauft er 20 Prozent am Telekommunikationsunternehmen Versatel.Dessen Chef, Peer Knauer, begrüßt den neuen Aktionär schon mal mit warmen Worten. Was soll er auch anderes tun? Schließlich stehen die Chancen nicht schlecht, dass Dommermuths UI schon bald die Sperrminorität von 25 plus x Prozent bei Versatel besitzen wird. Eine Option aufzustocken gebe es, heißt es nüchtern in Montabaur.

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Dass Dommermuth gar zur Komplettübernahme von Versatel ansetzt, daran mag jedoch niemand so recht glauben. Die derzeitige Marktkapitalisierung von über einer Milliarde Euro plus Aufschlag, das wäre auch für die deutsche Nummer zwei im DSL-Geschäft hinter der Deutschen Telekom ein dicker Brocken.Und zwingend ist eine Komplettübernahme sowieso nicht. Zwar ist für UI an Versatel neben dem DSL-Geschäft vor allem das geplante Hochleistungs-Netz (VDSL) interessant, das das Unternehmen aufbauen will. Dommermuth braucht den Zugang zu solch einem Netz, will er Zusatzdienste über DSL wie etwa Filme anbieten. Denn bislang hat UI kein eigenes Netz, sondern arbeitet hier mit Deutscher Telekom, Telefónica und QSC zusammen. Und das Versatel-Netz ist da eine ideale Ergänzung. Aber für diesen Zugang dürfte eine Sperrminorität ausreichen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Für Dommermuth ist das, was derzeit passiert, eine ideale Spielwiese. Zudem hat Dommermuth beim Thema Akquisitionen in der Vergangenheit bereits einmal Lehrgeld gezahlt, dürfte also entsprechend vorsichtig agieren. In den Boomzeiten der ersten Internetwelle startete der Manager eine groß angelegte Einkaufstour. Als die Blase platzte, sah so manch einer auch die UI am Boden. Doch Dommermuth reagierte sofort, trennte sich von Verlustbringern, drehte das Unternehmen schnell in die schwarzen Zahlen.Für Dommermuth ist das, was derzeit passiert, eine ideale Spielwiese. Der eher zurückhaltend auftretende Manager, der zwar die Regatta America?s Cup mit einem eigenen Team fördert, aber sein Vermögen nicht zur Schau stellt, ist ein begnadeter Verkäufer und Händler. Er beherrscht das Pokerspiel. Und ein solches ist gerade im Gange.Ist der Versatel-Deal strategisch noch gut zu erklären, blickt beim Thema Freenet kaum noch jemand durch. Erst gründen UI und Drillisch die MSP, um Freenet zu kaufen. Dann bricht UI die Gespräche mit Freenet ab. Kurze Zeit später steigt UI direkt bei Drillisch ein. Das Maintaler Unternehmen überträgt seine Freenet-Anteile an die MSP, lässt aber zugleich die Option auf weitere 18 Prozent an Freenet, die bei der Beteiligungsfirma Vatas liegen, verfallen. Analysten raufen sich die Haare.?Zu teuer?, versuchen einige die Zurückhaltung von UI und Drillisch bei der Vatas-Option zu erklären. 21 Euro soll als Preis je Aktie in der Vereinbarung stehen, mehr als die gut 15 Euro, die Freenet an der Börse kostet. ?UI reicht es, bei Freenet erst mal nur einen Fuß in der Tür zu haben?, orakelt ein Analyst. Fakt ist: Nach dem Einstieg bei Versatel ist Freenet für UI nur noch ein Sahnehäubchen.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.11.2007