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Von Holger Alich, Handelsblatt
Die Berufung von Gilles Pélisson an die Spitze von Europas größtem Hotelkonzern Accor gleicht selbst einem Krimi: Erst öffentlicher Krach im Aufsichtsrat, dann doch die überraschende Wende. Und: seine Berufung stößt auf Skepsis.
PARIS. Auch die Banken CDC, BNP Paribas und Société Générale, die zuvor den Auswahlprozess öffentlich kritisiert haben, sprechen dem 48-Jährigen ihr Vertrauen aus. Gilles Pélisson, derzeit Chef von Bouygues Télécom, übernimmt ab dem 16. Januar die Führung der Hotelgruppe, zu der Marken wie Sofitel, Novotel, Ibis, Dorint und Mercure gehören.?Es stand nie zur Debatte, dass Pélisson nicht geeignet sei?, hieß es am Dienstag aus Bankenkreisen. ?Die Banken haben seiner Benennung nun zugestimmt, da es wichtige Verbesserungen bei der Corporate Governance bei Accor geben wird.?

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So bekommt er als neuen Aufsichtsratchef Serge Weinberg vor die Nase gesetzt, den Ex-Chef des Kaufhaus- und Luxuskonzerns PPR. Weinberg löst Anfang Januar Accor-Gründer Gérard Pélisson ab. Zudem soll er einen neuen Corporate-Governance-Ausschuss leiten. Und eine außerordentliche Hauptversammlung wird über die Fusion von Aufsichtsrat und Vorstand zum Verwaltungsrat abstimmen. Dessen Präsident soll Weinberg werden, Gilles Pélisson Generaldirektor.?Die Banken haben eine Neugewichtung der Macht durchgesetzt?, urteilt ein Pariser Brokerhaus. Doch ob jetzt bei Accor Ruhe einkehrt, ist unsicher. ?Die genaue Aufgabenverteilung zwischen Weinberg und Pélisson muss noch definiert werden?, heißt es aus Aktionärskreisen.Der neue, sportlich wirkende Accor-Chef, der sich mit Golf und Tennis fit hält, steht damit vor einer doppelten Herausforderung: Er muss sich zum einen mit seinem neuen Präsidenten zusammenraufen. Nur so kann er zum Zweiten die Probleme wie die Beteiligung am Club Med in den Griff bekommen. Hilfreich ist, dass sich Weinberg und Pélisson bereits gut kennen. Beide sitzen im Verwaltungsrat des Mischkonzerns Bouygues.Dennoch ist die Skepsis groß: ?Ein Außenstehender wäre die bessere Wahl für Accor gewesen?, urteilt etwa Vincent Baron vom Broker Exane BNP. Denn nur jemand, der nicht wie Pélisson bereits zwölf Jahre bei Accor arbeite und mit dem Gründer verwandt sei, könne alte Zöpfe abschneiden und sich zum Beispiel aus dem schlecht laufenden Economy-Hotel-Geschäft in den USA zurückziehen.Pélisson muss also noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Sein Teamgeist und sein Marketingtalent werden ihm dabei helfen. Der Freund gregorianischer Gesänge hat seine ganz eigene Definition von Führung: ?Ich sehe mich eher als Chef eines Orchesters. Ein Manager alleine kann nicht viel ausrichten?, bekannte er einmal. Mit seinem Wechsel zu Europas größtem Hotelbetreiber, der 4 000 Häuser in rund 140 Ländern betreibt, kehrt der gebürtige Lyoner an den Anfangspunkt seiner Karriere zurück. Nach dem Abschluss der Wirtschaftshochschule Essec und einem MBA in Harvard startete er bald bei Accor als Assistent von Philippe Bourguignon, damals Vizepräsident der Tochter Novotel in den USA. In seiner US-Zeit lernte er die direkte Art der Amerikaner schätzen. So duzt er, untypisch für französische Manager, alle Leute in seinem Umfeld.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Pélisson erlebt den Schleuderstuhl des Chefpostens bei Euro Disney.1995 folgte er seinem Ziehvater zu Euro Disney. Als zwei Jahre später Bourguignon überraschend zum Club Med wechselt, erbt Pélisson den Schleuderstuhl des Chefpostens bei Euro Disney. Im Jahr 2000 erliegt auch Pélisson der Internet- und Telekomeuphorie. Er verlässt sein Metier Hotel und Touristik, um beim Versorger Suez die Telekomsparte auszubauen. Doch Suez zieht sich aus dem Rennen um eine Lizenz für neue UMTS-Mobilfunknetze aus Kostengründen zurück.Es sieht nicht gut für seine weitere Karriere aus. Da lernt Pélisson auf dem Weg in den Skiurlaub Patrick Le Lay kennen, Chef des Senders TF1, der zum Bouygues-Konzern gehört. Dieser sucht für seine Telekomtochter eine neue Nummer zwei. 2001 heuert Pélisson bei Bouygues an und hilft dem drittgrößten Mobilfunkbetreiber Frankreichs, sich gegen Orange und SFR zu behaupten. Mit einer großen Werbekampagne setzt er auf das mobile Web-Portal i-mode, das in Deutschland floppte. Seine Rechnung geht in Frankreich auf, die Umsätze pro Kunde steigen.Es ist genau dieses Händchen für Marketing und Eigenwerbung, die die Accor-Altväter Dubrule und Gérard Pélisson beim geschassten Accor-Chef Jean-Marc Espalioux vermisst haben. Um dem Aktienkurs von Accor Flügel zu verleihen, braucht Pélisson aber mehr als nur Marketinggeschick.Noch immer fragen sich Analysten, was Accor eigentlich mit seiner Minderheitsbeteiligung am Ferien-parkbetreiber Club Med vorhat. Der Beweis für sichtbare Synergien steht ihrer Ansicht nach noch aus. Die Luxus-Hotelkette Sofitel muss ihrer Meinung nach ihre Marke bekannter machen.Die Börse will Taten sehen. Die Personalie Gilles Pélisson quittierten die Anleger am Dienstag mit einem dicken Kursminus.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.10.2005