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Verwandlungskünstler

Hans-Martin Barthold
Überall, wo Produkte mittels chemischer, physikalischer oder biologischer Prozesse hergestellt werden, steckt ein Verfahrensingenieur dahinter. Der Nachwuchsbedarf ist doppelt so hoch wie die Absolventenzahl, schätzt die VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen.
Die Verfahrenstechnik ist uralt: 600 vor Christus brauten die Babylonier aus Fruchtsaft durch den Zusatz von Hefe berauschende Getränke. Anderswo rösteten die Menschen Erze, um daraus Waffen zu schmieden. Trotzdem sind Verfahrensingenieure eine junge Berufsgruppe. Ihr Aufstieg ist mit dem Siegeszug der chemischen Industrie verbunden. Der erste Lehrstuhl für die damals so genannte Stoffumwandlungstechnik wurde 1928 an der Technischen Hochschule Karlsruhe eingerichtet. 1952 gründete die Ingenieurschule Essen die erste eigenständige Abteilung für Verfahrenstechnik.

Heute besitzen Verfahrenstechniker eine Schlüsselrolle: In Deutschland wird über die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes durch Industrien erwirtschaftet, die Verfahrenstechniken betreiben oder nutzen. Dazu zählen die chemische und die Pharma-Industrie, Anlagenbau und Energiewirtschaft, Automobilbau oder Gen- und Medizintechnik. Verfahrensingenieure sind beispielsweise an der Entwicklung von Null-Emissions-Fahrzeugen beteiligt, überwachen die Produktion von Trägermaterialien für CDs oder planen Produktionseinheiten für Infusionslösungen.

Die besten Jobs von allen


So breit gefächert wie die beruflichen Möglichkeiten ist auch das Studium. Es gibt enge Verbindungen zu Mathe, Physik, Chemie, Maschinenbau sowie den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. ?Jeder zweite Studienanfänger bricht während der ersten Semester in Mathe und Physik ein", sagt Thomas Müller-Späth, an der Technischen Universität Hamburg-Harburg im fünften Semester. ?Im Hauptstudium begegnet man endlich Professoren, die wirkliche Verfahrenstechniker sind." Und man sitze nicht mehr mit 300 bunt zusammengewürfelten Studenten in der Mathe-Vorlesung, sondern beschäftige sich in kleinen Lerngruppen mit den verfahrensrelevanten Anwendungsfächern.

Die sehen je nach gewähltem Studienschwerpunkt anders aus. An der Universität Magdeburg etwa gibt es Prozess- und Systemtechnik, Apparate- und Anlagenbau oder Umwelttechnik. Die Grundoperationen sind jedoch überall dieselben: Vereinigen, Reagieren, Verpacken, Lagern, Fördern, Wärmeübertragen, Trennen, Zerteilen. Diese prozesstechnische Kompetenz unterscheidet den Verfahrenstechniker vom Maschinenbauingenieur.

Die Verfahrenstechnik ist eine vom einzelnen Prozess und Industriezweig unabhängige Wissenschaft. Einige Hochschulen bieten jedoch branchenspezifische Studiengänge an; die Fachhochschulen öfter als die Universitäten. Neben der Allgemeinen Verfahrenstechnik gibt es verfahrenstechnische Studiengänge für die Grundstoffindustrie wie den Bergbau oder das Hüttenwesen, für die Papier- und Kunststoffindustrie, für die Textiltechnik oder die Lebensmittelbranche. Zu den speziellen, aber branchenunabhängigen Ausbildungsgängen zählen die Energieverfahrenstechnik, Biotechnologie und Kerntechnik.

Je nach Industriesektor, Betrieb und Aufgabenfeld sind Verfahrensingenieure im Job mal mehr Maschinenbauingenieur, mal mehr Chemiker. Beim Anlagenbauer Linde AG am Stadtrand von München werden Verfahrensingenieure vor allem in der Berechnung, Planung und Projektabwicklung sowie der Entwicklung verfahrenstechnischer Prozesse eingesetzt. ?Soweit es da um die mechanische Auslegung für Luftzerlegungs-, Petrochemie- oder Gasanlagen geht, ist eher der Maschinenbauingenieur als der Chemiker im Verfahrensingenieur gefragt", erklärt der Diplom-Ingenieur Helmut Kreis von der Linde AG.

Anders in der Cognis GmbH, die bis vor kurzem zum Henkel-Konzern gehörte. ?Wir sind sehr chemisch ausgerichtet", sagt Wilhelm Johannisbauer, in Düsseldorf Director Process Technology. Das Gros des Anlagenbaus habe Cognis an Externe vergeben. ?Die Projektverantwortung bleibt als Kernkompetenz aber bei uns." Häufige Kritik der Arbeitgeber an die Adresse der Hochschulen: Das Studium bereitet zu wenig aufs Projektmanagement vor.

Die typische Karriere eines Verfahrensingenieurs beginnt in der verfahrenstechnischen Entwicklung oder der Anwendungstechnik. Nach drei bis vier Jahren wechselt er dann meist in die Produktion oder den Anlagenbau. Aber auch das Produktmarketing steht offen. Immer sind Verfahrensingenieure interne oder externe Dienstleister. Außerdem müssen sie umsatzorientiert arbeiten. ?Anders als im Studium gelernt, sollte man aus unternehmerischen Erwägungen auch einmal mit einer 95-prozentigen Lösung zufrieden sein können", sagt Wilhelm Johannisbauer von der Cognis GmbH.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie im Internet unter:
www.vdi.de/gvc/kjvi
www.hochschulkompass.de
Dieser Artikel ist erschienen am 25.04.2002