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Vertraglos glücklich

Caroline Sophie Meder
Seminare, Vorlesungen und nebenbei Jobben - das ist für viele Studenten gang und gäbe. Doch Vorsicht: Wer kein Arbeitsverhältnis eingeht, sondern auf Rechnung arbeitet, muss ein Gewerbe anmelden und / oder das Finanzamt informieren.
"Dann sind wir uns einig. Sie arbeiten während der Semesterferien in unserer Agentur und bekommen dafür 1.600 Euro auf Rechnung, okay?" Mit großen Augen blickt die Grafikstudentin ihr Gegenüber an. Das Jobangebot klingt verlockend und die gähnende Leere im Geldbeutel hätte endlich ein Ende, aber was hat es mit der "Rechnung" auf sich?

Im Gegensatz zum festen Arbeitsverhältnis, wo Tätigkeit, Zeit, Dauer und Ort im Vertrag festgelegt sind, bedeutet die Formulierung "auf Rechnung", dass die Studentin als freie Mitarbeiterin für ihre Arbeit ein Honorar bekommt und nicht als Arbeitnehmerin auf Lohnsteuerkarte arbeitet.

Die besten Jobs von allen


Vorteil dieser Freelancer: Sie sind nicht an einen Arbeitgeber gebunden und können oft frei wählen, wo und wann sie arbeiten. Nachteil: Es gibt keinen Anspruch auf Folgeaufträge. Auftraggeber und freie Mitarbeiter handeln sie immer aufs Neue aus. Außerdem steht eine Menge Bürokratie ins Haus.

Wer als Freelancer arbeiten will, sollte zunächst feststellen, ob er als "Gewerbetreibender" oder "Freiberufler" durchgeht. Zu den Freiberuflern gehören alle, die journalistisch, schriftstellerisch, unterrichtend, erzieherisch oder künstlerisch tätig sind - wie eben die Grafikstudentin in der Agentur. Für sie ist der Gang zum Finanzamt Pflicht: Dort muss sie ihre Tätigkeit angeben.

Wer seinen Job nicht in eine dieser Kategorien einordnen kann, muss dagegen zu Beginn der Selbstständigkeit bei der Stadt- oder Gemeindeverwaltung ein Gewerbe anmelden. Dadurch wird automatisch die Industrie- und Handelskammer (IHK) oder die Handwerkskammer informiert, bei der alle Gewerbetreibenden Mitglied sind.

Um Steuerkram kommt keiner rum
Die Abgrenzung zwischen Gewerbetreibenden und Freiberuflern ist nicht leicht zu erkennen. So gilt ein Screendesigner, der Web-Sites entwirft, als Freiberufler. Ein Online-Programmierer, der Web-Sites realisiert, jedoch als Gewerbetreibender. Der eine arbeitet künstlerisch, der andere nicht. Im Zweifelsfall wissen aber Steuerberater und das Finanz- oder Ordnungsamt, wer als was gilt

Doch egal, ob man als Gewerbetreibender oder Freiberufler Autos verkauft, Artikel für eine Zeitung schreibt oder für eine Internet-Agentur programmiert: Alle Selbstständigen - auch Studierende - sind verpflichtet, sich eigenständig um die Entrichtung der Steuern zu kümmern. Denn da Selbstständige nicht auf Lohnsteuerkarte arbeiten, wird auch nicht automatisch die Einkommenssteuer an den Fiskus abgeführt

Ein freier Mitarbeiter benötigt also eine Steuernummer. Die beantragt er beim Finanzamt und füllt die "Anzeige einer Betriebsaufnahme bzw. einer freiberuflichen Tätigkeit" aus. Dieses Formular ist auf den ersten Blick etwas verwirrend. Am besten lässt man es sich beim Finanzamt erklären.

Bei der Anmeldung sollte der Freelancer am besten auch gleich entscheiden, wie er es mit der Umsatzsteuerpflicht halten will. Denn das Finanzamt befreit im Normalfall Kleinunternehmer mit einem Jahresumsatz bis zu 16.620 Euro von dieser Pflicht. Das erspart dem Jobber einerseits zwar viel Arbeit - nimmt ihm aber gleichzeitig auch die Chance, sich beim Fiskus ein paar Euro extra zurückzuholen

Mit der Umsatzsteuer, auch Mehrwertsteuer genannt, belastet der Staat über den Umweg des Unternehmers den Verbraucher. Selbstständige müssen diese Steuer auf jede Rechnung, die sie stellen, draufschlagen. Je nach Tätigkeit sind das sieben oder 16 Prozent. Diese Mehreinnahme müssen sie dann ans Finanzamt weiterleiten

Der Betrag lässt sich jedoch mindern: Nämlich um genau die Mehrwertsteuer, die der Selbstständige auf alle für den Job notwendigen Ausgaben wie Briefpapier, Arbeitsmaterialien oder Telefongebühren gezahlt hat. Sie darf er als so genannte Vorsteuer von der eingenommenen Umsatzsteuer abziehen.

Wer zu Beginn seiner Freelancer-Tätigkeit hohe Ausgaben hat, etwa weil er für die ersten Aufträge neue Software kaufen muss, erhält diese Mehrwertsteuer auf die Geschäftsausgaben zurück, selbst wenn er noch keine Einnahmen hat und somit nicht umsatzsteuerpflichtig wäre. In diesem Fall ist es äußerst sinnvoll, die Umsatzsteuerpflicht zu beantragen beziehungsweise sich nicht befreien zu lassen

Steuererklärung ist Pflicht
Selbstständige müssen dem Finanzamt unaufgefordert jedes Jahr eine Gewinnermittlung und eine Steuererklärung vorlegen. Dazu müssen Einnahmen und Ausgaben genau belegt werden. Bei einem Umsatz bis zu 16.620 Euro reicht dem Finanzamt eine so genannte Einnahmen-Überschussrechnung.

Als Vorbereitung für die Gewinnermittlung müssen Selbstständige alle Belege über Geschäftseinnahmen und -ausgaben des Kalenderjahres chronologisch sammeln. Die Geschäftseinnahmen sind die Honorare, die Geschäftsausgaben sämtliche Büro- und Arbeitsmaterialien, Fahrtkosten et cetera. Der Gewinn, der sich beim Gegeneinander aufrechnen ergibt, muss als Einkommen versteuert werden

Studenten dürfen zwar jährlich 7.188 Euro plus pauschal 36 Euro Sonderausgaben steuerfrei verdienen. Selbstständige Studenten müssen aber in jedem Fall eine Steuererklärung machen - egal, was sie verdient haben. Das entsprechende Formular gibt's beim Finanzamt und heißt "Anlage GSE - Einkünfte aus Gewerbebetrieb".

So ganz nebenbei stellt sich dann noch die Frage nach der Sozialversicherung. Ob Krankenkasse, Pflege-, Renten- oder Arbeitslosenversicherung - Selbstständige sind grundsätzlich nicht verpflichtet, darin einzuzahlen. Eine Krankenversicherung sollte aber auf jeden Fall sein. Studenten, die nur "nebenberuflich" als Freie jobben, sind bis zum 30. Lebensjahr oder 14. Semester ohnehin meist gesetzlich krankenversichert.

Einige Berufsgruppen unter den Selbstständigen müssen sich allerdings bei der gesetzlichen Rentenkasse pflichtversichern: Lehrer, Erzieher, Pflegepersonal, Publizisten, Hebammen, Künstler, Küstenfischer oder Lotsen. Als Beitrag sind hier derzeit 19,1 Prozent des Honorars an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) fällig. Auch Studenten geraten mit diesen Jobs in die Versicherungspflicht.

Den Kopf in den Sand zu stecken, nützt übrigens nichts: Die BfA fragt regelmäßig bei Auftraggebern nach den Namen ihrer Freelancer und rückt dann mit Nachzahlungsforderungen an.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.02.2002