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Unternehmer an kurzer Leine

Von Oliver Stock
Carsten Schloter wechselt an die Spitze von Swisscom. Viele Freiheiten wird er wohl nicht haben.
ZÜRICH. Ausgerechnet ein Deutscher. Und das auch noch an der Spitze eines Unternehmens, in dem der Schweizer Nationalstolz schon im Namen mitschwingt. Seit Freitag steht Carsten Schloter an der Spitze des Telekommunikationskonzerns Swisscom ? ein Mann, der aus dem ?großen Nachbarkanton? stammt, gegen den die Eidgenossen eine immense Abneigung hegen. ?Eine Fehlbesetzung? titelte auch prompt Zürichs größte Tageszeitung, der ?Tages-Anzeiger?.Der 42-Jährige, der bislang die Mobilfunksparte des Unternehmens leitete, wird mit solchen Kommentaren wohl so umgehen, wie er immer mit Kritikern umgeht: Er reckt das spitze Kinn nach vorn, streicht sich kurz über die blonden Haare und fixiert mit blauen Augen den Angreifer. Dann antwortet er in sehr klar gegliederten Sätzen und versucht das ablehnende Urteil zu entkräften. Sätze, die so klingen wie von einem Schauspieler bei einer Theaterprobe abgelesen, die Schloter aber druckreif im Kopf hat. Wer den neuen Swisscom-Chef bei öffentlichen Auftritten erlebt, fühlt sich unweigerlich an einen Motivationstrainer erinnert: Schloter spricht beispielsweise über Gefühle, wo es um Geld, Zahlen und Macht geht. ?Mir ist das Unternehmen ans Herz gewachsen?, sagte er am Freitag, als ihn sein Vorgänger Jens Alder öffentlich auf den Swisscom-Thron setzte.

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Wer dem Strahlemann etwas abseits neugieriger Blicke begegnet, der lernt einen Technikfreak und begnadeten Verkäufer kennen. Als bisheriger Chef der Mobilfunksparte hat er dieses Doppeltalent erfolgreich eingesetzt: Er verpasste seinem Bereich technisch stets die neuesten Standards und lieferte sich gleichzeitig mit der Konkurrenz erbitterte Preisschlachten, die er meist für sich entschied. Unter seiner Führung verdoppelte Swisscom innerhalb von sechs Jahren die Anzahl derer, die ein ?Natel? haben, wie die Eidgenossen ihr Mobiltelefon liebevoll nennen.Dabei ist der Deutsche ein unkomplizierter Typ geblieben, der die nötigsten Unterlagen lieber im Rucksack als im Aktenkoffer trägt, der in der französischsprachigen Schweiz genauso zu Hause ist wie in der deutschsprachigen und der beim herbstlichen Ausflug zu einem Genfer Weinbauern gerne über dessen neueste Kreationen und älteste Jahrgänge fachsimpelt. Doch das ist der private Schloter. In der Öffentlichkeit überwiegt ein anderes Bild. Und daher trifft auch auf ihn die Kritik zu, die häufig an Politikern genauso wie Managern geübt wird: Vielen mangelt es an Authentizität, dafür sind sie umso ehrgeiziger.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Vorgänger Jens Alder geht ohne Groll.Schloter wird sich in den nächsten Monaten wahrscheinlich häufiger fragen, ob ihm sein Ehrgeiz die richtige Position eingebracht hat. Sein Vorgänger Jens Alder hat entnervt den Brocken hingeschmissen, weil der Haupteigentümer der Swisscom, der Staat, seine Expansionsstrategie ablehnte. Ende November, kurz vor der Übernahme der irischen Telekommunikationsgesellschaft Eircom, machte ihm die Regierung einen Strich durch die Rechnung und verbot das Geschäft. Alder, der ohne Zukäufe im Ausland keine Chance mehr sah, die Swisscom im Sinne aller Aktionäre erfolgreich zu führen und auf Wachstumskurs zu bringen, war blamiert. Die Entscheidung zum Rücktritt habe er im Dezember getroffen. Er gehe ?ohne Groll?, sagte er am Freitag und berichtete über seine letzte Gehaltszahlung. Die ist mit umgerechnet einer Millionen Euro allerdings auch eher niedrig ausgefallen, so dass sich darüber freimütig reden lässt. ?Das Unternehmen verfolgt jetzt eine andere Strategie als meine ? und braucht daher auch ein anderes Gesicht?, stellte der Chef entspannt fest und entließ sich damit selbst.Das andere Gesicht ist wie immer ein wenig gebräunt und lächelt ? dieses Mal aber nicht mehr ganz so breit wie am Anfang der Thronfolge-Zeremonie. Die Lippen sind schmaler geworden. Vielleicht geht ihm gerade durch den Kopf, was Anfang Januar in Österreich passierte. Auch dort musste der Chef der Telekom Austria seinen Stuhl räumen, weil er sich mit seinem Großaktionär, dem Staat, nicht einig war. Auch dort übernahm der erfolgreiche Leiter der Mobilfunksparte den Posten an der Konzernspitze. Die Ähnlichkeiten reichen sogar bis zur Höhe der Abfindung. Verblüffend sind die Parallelen kaum. Denn auch in Österreich hat die halb staatliche, halb private Konstruktion letztlich dazu geführt: Ein Manager, der wie ein Unternehmer handeln wollte, konnte sich nicht halten.Wenn Schloter diesen Schluss zieht, müsste eigentlich auch einem Berufsverkäufer wie ihm das Dauerlächeln vergehen. Dann ahnt er möglicherweise, dass er nicht die Freiheiten haben wird, die sein Vorgänger lange genoss. Schloter ist eben nicht Chef eines unabhängigen Unternehmens, das in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres mit 15 000 Mitarbeitern knapp fünf Milliarden Euro Umsatz machte und dabei satte Gewinne erwirtschaftete. Schloter ist vielmehr Angestellter des Großaktionärs. Der Staat beschränkt die Expansionspläne. Der Staat schreibt die Ausschüttungspolitik vor. Und der Staat ist es auch, der sich langfristig von seinem Anteil an der Swisscom trennen will.Das ist in der Schweiz allerdings nur mit dem Segen des Volkes möglich. Ob ausgerechnet Carsten Schloter als Deutscher den Eidgenossen erklären kann, warum sie ihre Swisscom privatisieren und damit vielleicht auch in die Hände ausländischer Eigentümer legen sollen, ist bei aller Überzeugungskraft, die der neue Chef aufbringen kann, unwahrscheinlich. Dafür ist er wohl wirklich der falsche Mann.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.01.2006