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Unternehmen kämpfen um Spitzenkräfte in spe

Von Barbara Wege
Mit dem demographischen Wandel in Deutschland verstärkt sich auch der Kampf um die besten Köpfe von morgen. Unternehmen versuchen deshalb, Begabte möglichst früh an sich zu binden. Den ?War on Talents? lassen sich die Firmen einiges kosten.
Ein junger Mann studiert Jobangebote an der Uni Hamburg. Top-Absolventen haben das teilweise nicht mehr nötig. Sie werden frühzeitig von Unternehmen angeworben. Foto: dpa
DÜSSELDORF Montagmorgen, 8.15 Uhr: Es wird still im Hörsaal der Münchner Wirtschaftwissenschaften. Deutschlands Elite-Studenten haben ihre Coffees-to-go auf blitzblank polierten Pulten abgestellt und warten auf Input. Ein fröhlich flötendes Damenstimmchen durchbricht das Schweigen: ?Diese Veranstaltung wird Ihnen präsentiert von Vodafone. Und Sie sind schon heute Vodafone-Mitarbeiter des Monats von morgen.? Personalrekrutierung à la moderne.Zugegeben: Ganz so läuft das nicht an Deutschlands drei neuen Elite-Universitäten. Aber das Szenario hat einen wahren Kern: Der Mobilfunk-Riese Vodafone ist der erste private Kooperationspartner der Exzellenzinitiative der Bundesregierung zur Förderung von Elite-Hochschulen. Einen zweistelligen Millionenbetrag will das Unternehmen in den nächsten fünf Jahren in das Vorzeigeprojekt von Bundesforschungsministerin Annette Schavan stecken.

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Was das dem Mobilfunkanbieter bringt? ?Vodafone möchte sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren?, sagt Bernhard Lorentz, Projektverantwortlicher bei Vodafone: Vodafone plant die Unis mit moderner Kommunikationstechnik wie W-Lan auszustatten. Professoren sollen Blackberries bekommen. ?Die Universitäten werden auch auf uns als Partner hinweisen?, sagt Lorentz. Das heiße aber keineswegs, dass künftig an allen Hörsaal-Wänden das rote Vodafone-Logo prangen werde.Was hier einigermaßen skurril klingen mag, hat einen ernsthaften Hintergrund ? und ist Zeichen einer allgemeinen Entwicklung in der Unternehmenslandschaft. ?Es gibt einen Trend, dass Unternehmen durch Kooperationen mit Hochschulen und Stipendien versuchen, sich für junge Spitzenkräfte attraktiv zu machen?, sagt Dr. Hermann Falk vom Bundesverband Deutscher Stiftungen. Dazu würden viele Firmen Stiftungen gründen oder Begabte direkt fördern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Welche Vorteile Stiftungen haben.Der Unterschied dabei: Die Stiftungen sind vor allem der Gemeinnützigkeit verpflichtet und dürfen die Personalrekrutierung nicht so groß schreiben wie die Unternehmen selbst. Trotzdem lohnt es sich für Firmen, Stiftungen zu gründen. ?Junge Menschen suchen vermehrt nach einer sinnhaften, ausfüllenden Beschäftigung?, sagt Falk. Deshalb kämen die Stiftungen beim Nachwuchs gut an. Denn Gemeinnützigkeit impliziere Sinnhaftigkeit. Auch der Marke eines Unternehmens beim Kunden sei das zuträglich, sagt Bernhard Lorentz von der Vodafone-Stiftung. Viele große Firmen ? wie etwa Vodafone oder die Telekom ? fördern Nachwuchskräfte sowohl direkt, als auch über eine Stiftung.Ob Stiftung oder nicht, eines zeichnet sich ab: Die Unternehmer setzen zunehmend sowohl auf frühe Förderung von Studenten, als auch auf Weiterbildung der besten Hochschulabsolventen. So finanzieren in der Wirtschaftsregion Ostwestfalen-Lippe seit vergangenem Jahr zehn Unternehmen, darunter Bertelsmann und Miele, Stipendien für 12 Top-Studenten der Region. 150.000 Euro sind seit dem vergangenen Oktober in diesen ?Studienfonds Ostwestfalen-Lippe? geflossen. Davon bekommen die Stipendiaten monatlich je 1000 Euro. Außerdem haben sie die Möglichkeit, Praktika und Studentenjobs in den fördernden Unternehmen zu erhalten.Für Hochschulabsolventen bieten die Unternehmen vermehrt so genannte Trainee-Programme an. Die Post World Net hat im vergangenen Jahr ein solches Projekt gestartet. Dabei werden Graduierte in 18 Monaten für Top-Positionen im Unternehmen ausgebildet ? unter anderem durch einen Auslandsaufenthalt. Solche Programme ergänzen die traditionellen Förderungen wie die Betreuung von Diplom- oder Doktorarbeiten. ?Angesichts der guten Resonanz auf das Programm wollen wir solche Aktivitäten noch weiter ausbauen?, sagt Melanie Jaklin, bei der Deutschen Post World Net zuständig für Nachwuchsförderung. Es gebe bereits neue Pläne, die jedoch noch geheim seien.Stichwort Auslandsaufenthalte: Seit Jahren setzen sich Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und gemeinnützigen Stiftungen dafür ein, möglichst viele junge Top-Leute ins Ausland zu schicken. So investiert etwa die Duisburger Haniel-Stiftung jährlich 800 000 Euro in Stipendien für Auslandsaufenthalte deutscher Studenten in Osteuropa und Asien. Die Maßnahmen haben sich bewährt.?Aber es muss auch dafür gesorgt werden, dass die Leute zurück nach Deutschland kommen?, sagt Hermann Falk vom Bundesverband Deutscher Stiftungen. Das erscheint besonders relevant vor dem Hintergrund, dass die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Deutschland bereits in wenigen Jahren einen Spitzenkräftemangel prophezeit. Um im internationalen Vergleich künftig mithalten zu können, müsse Deutschland Reformen vorantreiben.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wer besonders gefragt ist.Vor allem für die begehrten Naturwissenschaftler und Ingenieure muss Deutschland attraktiv bleiben. Denn davon gibt es schon heute viel zu wenige. Nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure fehlten im vergangenen Jahr 22 000 solcher Fachkräfte. Mit dem demographischen Wandel wird sich dieses Problem noch verstärken. Einige Unternehmen ? wie etwa die Telekom ? fördern daher gezielt Ingenieure und Naturwissenschaftler.Wenn sich Programme direkt an Studenten und Absolventen bestimmter Studiengänge wenden, liegt der Schluss nahe, die Förderer verpflichteten ihre Sprösslinge gleich fürs Unternehmen. Denn auch wenn die Verantwortlichen nicht gerne darüber sprechen, wie viel sie für ihre Stipendiaten ausgeben, ist klar: Die Firmen lassen sich die Förderung einiges kosten ? und sie machen das, weil es sich lohnt. Die Unternehmer bestreiten aber einhellig, Stipendiaten zwangsweise an sich zu binden.Speziell die Stiftungen distanzieren sich von solchen Gedanken: ?Unsere Stipendiaten werden zugunsten des Standortes Deutschland und nicht explizit für eine Tätigkeit bei der Telekom ausgebildet?, sagt Christiane Frense von der konzerneigenen Stiftung. Die geförderten Doktoranden hätten je einen eigenen Mentor, der sie individuell betreue.Ein ähnliches Konzept verfolgt man auch bei der Deutschen Post World Net. Die Trainee Birgit Kupas berichtet über die gute Betreuung während ihrer Ausbildungszeit. ?Man wird nicht gleich ins kalte Wasser geworfen?, sagt sie. Das 18-monatige Programm sei eine gute Kombination aus Weiterbildung und Berufspraxis.Im Fall Kupas scheint sich das Engagement des Unternehmens auszuzahlen. Die 24-jährige hat nach ihrem Management-Studium in Brühl und York sowie ihrer aktuellen Beschäftigung bei der Post in Brüssel bereits ein internationales Profil und beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die frisch gebackene Managerin sagt trotz ihrer Möglichkeiten klar: ?Wenn die Deutsche Post mir einen Job anbietet, nehme ich ihn an.?
Dieser Artikel ist erschienen am 14.03.2007