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Unter Freunden

Georg Oswald
?Und bitte – bewahren Sie Stillschweigen über dieses Gespräch. Wir wünschen nicht, dass unsere Mitarbeiter außerhalb der Firma über ihre Arbeit reden. Ihre Position, ihr Aufgabenbereich, ihr Gehalt, die Beziehungen unter den Kollegen. Das alles geht nur uns etwas an.“
?Und bitte – bewahren Sie Stillschweigen über dieses Gespräch. Wir wünschen nicht, dass unsere Mitarbeiter außerhalb der Firma über ihre Arbeit reden. Ihre Position, ihr Aufgabenbereich, ihr Gehalt, die Beziehungen unter den Kollegen. Das alles geht nur uns etwas an.“

Herbert gab Schwaller, dem Personalleiter von Pierce and Pierce und Golffreund seines Vaters, die Hand und war schon halb aus der Tür. Er schwebte vor Glück. Der Besuch bei seinem ersten Arbeitgeber nach dem Studium war ein voller Erfolg gewesen und hatte mit einem Vertragsabschluss geendet. Das musste gefeiert werden. Herbert ging ins ?Lehmann’s“ und bestellte – es war die Happy Hour – einen Long Island Icetea.

Die besten Jobs von allen


?Hoppla! Gibt’s was zu feiern? Oder warum betrinkst Du Dich schon am Nachmittag?“

Herbert kannte die Stimme. Rebecca! Sie war eine aus der Gruppe gewesen, mit der er für die Prüfungen gelernt hatte. Er hatte sie seither nicht wieder gesehen. Sie trug ein hellgraues Kostüm von Gucci, das ihr atemberaubend gut stand. Herbert fiel ein, dass ihm Rebecca eigentlich immer schon gut gefallen hatte – er war nur leider nie dazu gekommen, es ihr zu sagen. Na, das ließ sich jetzt vielleicht nachholen.

?Oh, ja, ich habe wirklich allen Grund zum Feiern“, begann er – ein wenig pompös, wie er sogleich fand.

?Klingt ja nach was Größerem. Und zu was darf man gratulieren?“

?Ich habe einen Job.“

?Das ist ja klasse. Glückwunsch. Und was und bei wem?“

?Ich soll nicht darüber sprechen. Ich habe auch noch gar nicht angefangen. Erst ab nächstem Ersten. Und wie geht es Dir?“, fragte Herbert.

?Ich bin als Unternehmensberaterin bei Mc-Lindsay untergekommen.“

?Auch nicht schlecht!“

?Ich bin zufrieden.“

?Und da kannst Du nachmittags in eine Bar gehen?“

?Auf einen Kaffee, ja. Das ist meine Mittagspause. Ich arbeite gerade bei einem Kunden hier in der Gegend.“

?Etwa bei Pierce and Pierce?“

Rebecca sah ihn ein wenig verblüfft an.

?Richtig geraten, stimmt’s?“, beharrte Herbert.

?Bist Du etwa bei Pierce and Pierce?“, fragte Rebecca zurück.

Herbert straffte den Rücken, reckte das Kinn, hob das Glas und sagte: ?Du hast es erraten.“

?Sagenhaft. Und als was?“

?Ich sollte eigentlich nicht darüber sprechen.“

Im Nachhinein wusste Herbert nicht mehr, ob es eher der Long Island Icetea oder Rebecca war, die ihm den Kopf verdreht hatte, aber aus irgendeinem Grund war er plötzlich nicht mehr zu halten gewesen. Er erzählte ihr von seinen mittelprächtigen Examensnoten, den vielen erfolglosen Bewerbungen: Und von seinem Vater, der als Golfer natürlich über viele wertvolle Kontakte verfüge – unter anderem zu Herrn Schwaller von Pierce and Pierce Deutschland, den er bei einer Rasenpartie um einen Job für seinen Sohn angehauen habe, weshalb sicher der eine oder andere aussichtsreichere Bewerber auf der Strecke geblieben sei.

Herbert nahm einen kräftigen Schluck. Er war voll in Fahrt. ?,Hunderttausend’, hab ich gesagt. ?Sonst mach ich’s nicht’. Da hat er geschluckt, der Schwaller. Aber Du musst denen zeigen, dass Du weißt, was Du wert bist. Sonst fahren sie mit Dir Schlitten. Also hab ich ?Hunderttausend’ gesagt.“

?Und?“, fragte Rebecca, eher höflich als interessiert.

?Natürlich krieg ich die Hunderttausend. Aber bitte – das bleibt unter uns.“

?Ich werde schweigen wie ein Grab“, sagte sie. Plötzlich schien sie jemanden erkannt zu haben, der gerade zur Tür hereinkam. Sie winkte ihm zu. Herbert drehte sich um, und wäre beinahe vom Stuhl gefallen. Schwaller. Er steuerte direkt auf Herberts und Rebeccas Tisch zu.

?Darf ich vorstellen?“, fragte sie Schwaller schalkhaft.

Schwaller lachte.

?Nicht nötig. Wir kennen uns“, stöhnte Herbert.

Er spürte, wie sich sein Magen in aller Entschiedenheit umdrehte.

?Wir sind gerade dabei, Firmengeheimnisse auszuplaudern“, scherzte Rebecca und ergänzte, ?genauer gesagt: einer von uns.“

?Na, da bin ich doch ganz Ohr“, sagte Schwaller und zog einen Stuhl heran, wobei er Herbert besorgt ansah.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2002