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United-Airlines-Chef: Der Unverwüstliche

Von Matthias Eberle
Es schien unmöglich ? doch Glenn Tilton hat es geschafft: United Airlines, nach Passagierzahlen immerhin die zweitgrößte Fluggesellschaft der Welt, fliegt am Mittwoch aus der Pleite und befreit sich aus den Fängen des Konkursgerichts.
Gelnn Tilton. Foto: AP
FRANKFURT. ?Is that clear?? Der kräftige Mann mit der großen Brille, der ohne Anzug und Krawatte gut als Naturbursche durchgehen würde, legt seine Stirn in Falten. Streng blickt er über den Konferenztisch, obwohl er doch bester Laune ist.Aber Glenn F. Tilton will sichergehen, dass bei diesem Auftritt auch der letzte Zuhörer seine Botschaft versteht: United Airlines ist zurück, nach Passagierzahlen immerhin die zweitgrößte Fluggesellschaft der Welt. Ein tief gefallener US-Riese mit 80-jähriger Tradition, auferstanden aus Ruinen, aus der größten Krise geführt von einem Konzernchef, der sein halbes Leben in der Ölindustrie verbrachte, nicht im Fluggeschäft.

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Eine Sensation. Tilton kramt das Ergebnis des dritten Quartals hervor und mischt Selbstbewusstsein mit Kasernenhof-Tönen: 165 Millionen Dollar Betriebsgewinn ? obwohl die Kerosinkosten seit Monaten auf Rekordniveau verharren. Verglichen mit früher, sind das verdammt gute Zahlen: ?Ist das klar?? fragt der Sohn eines früheren CIA-Agenten.Natürlich ist das klar. Es ist ja nicht allzu lange her, da verbrannte der United-Mutterkonzern UAL bis zu sechs Millionen Dollar ? täglich. Und jetzt: eine schwarze Zahl.Allein das ist bemerkenswert in einem Land, in dem die Branchenführer einer chronisch kranken Industrie noch viel tiefer fliegen als anderswo: Der United-Rivale Delta meldete im Vorjahr Insolvenz. Northwest? Pleite. US Airways? Nach zwei Konkursanträgen 2002 und 2004 verloren und verkauft: Im Vorjahr schnappte sich eine kleinere Billigfluglinie namens America West die Überreste des Traditionskonzerns.Auch United fliegt seit mehr als drei Jahren unter dem Gläubigerschutz des US-Konkursrechts. Doch das große Comeback, für das ein Bankenkonsortium drei Milliarden Dollar frisches Kapital bereitstellt, ist vorbereitet: Am Mittwoch befreit sich ?Junaded?, wie der Amerikaner sagt, wieder aus den Fängen des Konkursgerichts.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gläubiger geben zähneknirschend ihren SegenTilton, der eine Pferde-Ranch am Fuß der Rocky Mountains besitzt, hat fest daran geglaubt. Pausenlos hat er auf seine Mitarbeiter eingeredet, diesen Glauben an bessere Zeiten nur nicht zu verlieren. ?Resilient? ist eines seiner Lieblingsworte: unverwüstlich. Dass er es jetzt geschafft hat, erfüllt ihn unverkennbar mit Stolz: ?Von 166 US-Fluggesellschaften, die seit 1978 in ein Konkursverfahren mussten, wurden nur drei erfolgreich saniert.? United ist Nummer vier, sein Meisterstück.Obwohl der Konzern laut ?Wall Street Journal" 6 000 nicht gedeckte Kredite über mehr als 20 Milliarden Dollar hinterlässt, gaben die Gläubiger mehrheitlich ihren Segen ? wenn auch zähneknirschend, weil viele von ihnen fast leer ausgehen: ?Sie sehnen sich so nach einem Schlussstrich, dass sie selbst dann dem Restrukturierungsplan zugestimmt hätten, wenn UAL ihnen nur ein Schinkenbrötchen angeboten hätte?, spottete Gläubigeranwalt Bill Rochelle.Das Führungspersonal um Tilton, der seit September 2002 die Kernsanierung leitet, soll für seine Glanzleistung mehr als nur Essensgeld erhalten: Gut 150 Millionen Dollar in Form frischer Aktien sind für 400 Personen im Management reserviert, Tilton selbst könnte inklusive Optionen 15 Millionen davon bekommen. Damit stiege der 57-Jährige zum Bestverdiener in der US-Flugbranche auf, schreibt das US-Magazin ?Forbes?.Der Vergütungsvorschlag provozierte Widerstand ? selbst in einem Land, das sonst nicht für Neiddebatten bekannt ist: Eine Gläubigergruppe um Airbus und den US-Zulieferer Goodrich protestierte lautstark, doch Tilton setzte sich ? natürlich ? zur Wehr: Das Optionsprogramm sei ?Standard? und notwendig, um die besten Talente zu locken, ließ er über eine Sprecherin ausrichten.Verdient Tilton wirklich, was er verdient? Zweifellos hat er am United-Konzernsitz Chicago sehr erfolgreich Kärrnerarbeit geleistet, wie auch auf der anderen Seite des Atlantiks (und dort speziell beim Kooperationspartner Lufthansa) bestätigt wird. Der Mann mit der hohen Stirn und dem korrekten Scheitel gilt als Garant dafür, dass aus dem Albtraum, Lufthansa könnte seinen wichtigsten Partner im weltgrößten Flugmarkt USA verlieren, nicht Realität wurde.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Tilton bewies nicht nur Qualitäten als Sanierer, sondern auch als BrückenbauerTilton stutzte einen Konzern, der einst mit den höchsten Kosten der gesamten Industrie operierte, so zurecht, dass er es an den großen Flughafen-Drehkreuzen allmählich gegen forsch expandierende Billigflieger aufnehmen kann. Der Weg dorthin war schmerzlich, vor allem für die Belegschaft: Das Management ist nahezu komplett ausgetauscht, von einst 100 000 Mitarbeitern sind heute nur noch 55 000 an Bord. Unter dem Druck des Konkursgerichts wurden die Gehälter der verbliebenen drastisch gekürzt, Pensionsverpflichtungen in Milliardenhöhe aufgekündigt und 100 Flugzeuge außer Dienst gestellt. Dabei bewies Tilton nicht nur Qualitäten als Sanierer, sondern auch als Brückenbauer, der Management, Gewerkschaften und Gläubiger an einen Tisch brachte.Zugetraut haben ihm diesen Kraftakt wenige. Seine Vita liest sich vergleichsweise unauffällig, wenn man davon absieht, dass er im April 1987 als ambitionierter Jungmanager den damals größten Firmenzusammenbruch in den USA miterlebt: Der Mineralölkonzern Texaco, bei dem er mehr als 30 Berufsjahre verbringen wird, flüchtet sich mit 36 Milliarden Dollar schweren Aktiva in den Gläubigerschutz und wagt unter Leitung der Konkursrichter den Neubeginn ? eine Erfahrung, die Tilton bei United nützlich wird.Als er bei der Airline zu Hilfe gerufen wird, liegt das World Trade Center in Schutt und Asche. Und mit ihm ein Flugkonzern, der am Tag des 11. September 2001 zwei Flugzeuge samt Insassen und in der Folge mehr als 20 Milliarden Dollar verlor. Viereinhalb Jahre später ist September Eleventh Geschichte ? und Chapter Eleven bald auch.Tilton, der Unverwüstliche, will nach vorn blicken, nicht mehr zurück: ?Wir haben hier 55 000 Jobs gerettet und werden bis Jahresende wieder 500 Piloten und 2 100 Flugbegleiter einstellen. Is that clear?? Natürlich ist das klar: Drei Tage nach der Bekanntgabe gingen bei United 17 000 Bewerbungen ein.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.02.2006