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Und was machen Sie beruflich?

Von Christoph Hus, Handelsblatt
Visitenkartenpartys zelebrieren die Jagd nach Kontakten ? mit neuen Kunden, für mehr Umsatz oder einen neuen Job.
Die zierliche junge Frau ist früh dran. In ihren kniehohen braunen Stiefeln läuft sie im Zickzack durch den großen Raum, immer hin und her zwischen der breiten Eingangstür und den Tischen weiter hinten. Ihr Blick streift im Vorbeigehen kurz die Gesichter der fünf Männer und deren Namensschilder. Unterhalten mag sie sich hier noch mit niemandem. Genau wie die anderen, die sich an einem Glas Wasser oder einem Blatt Papier festhalten. Noch wagt sich keiner aus der Deckung.Die Jackentasche der jungen Frau ist voller Visitenkarten. ?Marta Skegina? steht darauf, ?Büro für deutsch-russische interkulturelle Kommunikation?. Diese Karte soll hier heute Abend jeder bekommen, der ein potenzieller Kunde sein könnte. Etwa der Manager eines deutschen Unternehmens, das demnächst nach Russland expandieren will. Marta Skegina ist auf Kunden-Akquise, nur deshalb ist sie heute Abend hierher zur Visitenkartenparty ins Hotel Intercontinental in der Kölner Innenstadt gekommen. Doch im Moment ist ihr die Sache noch nicht ganz geheuer.

Die besten Jobs von allen

Lange muss sie nicht warten. Um kurz vor sieben füllt sich der Saal. Auch die Neuankömmlinge schauen sich erst einmal schweigend um, lesen angestrengt die Profile der Teilnehmer, die nach Berufsgruppen sortiert an großen Stellwänden hängen. Doch dann löst sich die gedrückte Stimmung langsam, Gemurmel füllt den Raum, und auch Marta Skegina unterhält sich angeregt mit einem grau melierten Mann Ende fünfzig.An der Tür schüttelt Yvonne Laage die Hände der letzten Verspäteten, die durch die Hotelhalle gehetzt kommen. Laage ist die Veranstalterin der Visitenkartenparty, die zwei Stunden dauern soll. Dabei hat die Veranstaltung mit einer Party genau genommen nichts gemein: Keine Musik, kein Tanz, kein Essen. Doch das Prinzip ähnelt dem einer Single-Party. Wer hierher kommt, will neue Kontakte. Das Ziel ist dabei aber keine neue Liebe, sondern ein Umsatzplus, ein neuer Kunde oder ein neuer Job. ?Alle wollen sich selbst oder ihr Produkt verkaufen?, bestätigt Laage. Allein heute Abend steigen 130 Leute, die Geschäftskontakte suchen, in den Ring.In Köln gibt Laage alle drei Monate eine Visitenkartenparty, ebenso in acht weiteren deutschen Städten. Der Andrang ist überall groß. Konjunkturflaute und Krise auf dem Arbeitsmarkt haben die Bedeutung von Kontakten und Beziehungen noch einmal steigen lassen. ?Sobald die wirtschaftliche Lage schwieriger wird, steigt der Druck, nach neuen Geheimnissen des Erfolgs zu suchen?, erklärt Eva Bamberg, Arbeitspsychologin an der Universität Hamburg.Gegen halb acht ist das dickste Eis gebrochen. Lautes Geplapper füllt den Hotelsaal, nur noch wenige stehen jetzt allein herum oder laufen ziellos durch den Raum. Doch auch für die will gesorgt sein. Also hebt Veranstalterin Laage ihre Stimme und fordert alle auf, durch den Raum zu gehen und auf Kommando stehen zu bleiben. Nun muss jeder mit dem sprechen, der gerade rechts neben ihm steht. Die Aktion erfüllt ihren Zweck. Selbst schüchterne Mauerblümchen, die noch keinen angesprochen haben, können jetzt ihre Visitenkarte überreichen und von ihrem Geschäft erzählen. Über die eigene Arbeit reden kann schließlich jeder, und so plaudert hier die pummelige Controllerin mit dem drahtigen Designer, dort die blonde Anwältin mit dem Versicherungsberater, dessen Zahnspange beim Sprechen im Mund wild glitzert. Auch der Wirtschaftsprüfer scheint ganz froh über die Hotelmanagerin zu sein, mit der er spricht.Mitten im Gewühl sortiert der Vermögensberater Stefan Schmickler die Visitenkarten, die er schon ergattert hat. Mit der ersten Ausbeute des Abends ist er zufrieden. ?Es sind viele Selbstständige hier, da sind sicher einige neue Kunden dabei?, ist er überzeugt. Anhand der Profile an den Stellwänden hat er schon eine Vorauswahl getroffen, wen er gerne kennen lernen möchte. Jetzt muss er nur noch die passenden Namensschilder erspähen.Eine von Schmicklers Zielpersonen ist Peter Gelderblom, Geschäftsführer der gleichnamigen Düsseldorfer Werbeagentur, der mit dem linken Ellenbogen lässig auf einem Stehtisch lehnt, während er mit einem hoch gewachsenen jungen Mann plaudert. Auch Gelderblom ist überzeugt, Kontakte geknüpft zu haben, die sich mal auszahlen. ?Den Chef einer Internet-Agentur und einen Unternehmensberater habe ich getroffen?, listet er auf und lobt, alle hier seien aufgeschlossen. ?Aber die sind ja auch nicht zum Spaß hier, sonst könnten sie besser zu Hause Fußball gucken?, schiebt er nach. Auf jeden Fall will Gelderblom wiederkommen.Weil zwei Stunden Dauer-Geschäftsanbahnungsgespräche mit Fremden anstrengend sind, sorgt Laage für Abwechslung. In einer Reihe hat sie fünf Stühle aufgestellt, auf die sich je ein Gast setzt. Die Aufgabe: ?Besorgen Sie schnell die Visitenkarte eines Teilnehmers aus der Werbebranche und setzen sich wieder.? Nachdem alle aufgesprungen sind, nimmt Laage einen Stuhl aus der Reihe. Eine blonde Frau um die vierzig kommt als letzte zurück und scheidet als erste aus. Nach weiteren Runden sind nur noch zwei Finalisten übrig, doch die wollen keine Schlussrunde auszutragen ? stattdessen verabreden sich zum Frühstück.?Zwischendurch müssen die Leute mal auf andere Gedanken kommen, sonst wird das hier zu anstrengend?, sorgt sich Veranstalterin Laage. Eine wachsende Gruppe von Stammkunden gibt ihrem Konzept Recht. Schlechte Erfahrungen hat die Hamburgerin bisher nur mit wenigen Teilnehmern gemacht. ?Ein Mann wollte Handtücher verkaufen und zeigte Muster herum?, berichtet sie. Aber der blitzte bei allen ab. Nur einmal musste sie einen Teilnehmer von ihren Visitenkartenpartys ausschließen, nachdem sich Klagen über den Mann ? einen Verbandschef ? gehäuft hatten. ?Der wollte neue Mitglieder für seinen Unternehmerverband gewinnen, und nervte die anderen?, erinnert sie sich. Der Mann bekam Party-Verbot.Kurz nach neun, im Kölner Intercontinental ist es schon leerer geworden. Marta Skegina steht an der Garderobe und wartet auf ihren Mantel. Sie hat mehrere interessante Kontakte geknüpft, ?aber ein Volltreffer war wohl nicht dabei?, brummt sie müde. Trotzdem will sie es wieder versuchen, auch wenn sie heute Abend auch nichtgeschäftliche Avancen bekam. ?Manche erhoffen sich hier wohl nicht nur eine berufliche Kontaktbörse, sondern auch einen Heiratsmarkt.?
Dieser Artikel ist erschienen am 16.03.2004