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Und raus bist du

Martin Sturm
Die Deutsche Bank will der beste Finanzdienstleister der Welt werden. Damit das klappt, streicht sie fast ein Zehntel aller Jobs. Gleichzeitig sucht die Bank 300 bis 350 Absolventen. Die einen kommen, die anderen gehen. Momentaufnahme eines Strukturwandels.
?Ich bin nicht wirklich enttäuscht. Man macht heute keinen Job mehr für die Ewigkeit. Aber ich war irritiert, weil ich den Arbeitsplatz, für den ich eingestellt wurde, schon nach eineinhalb Jahren wieder aufgeben musste.“ Der Mann, der das sagt, arbeitete bis vor einigen Wochen bei der Deutschen Bank. Für ein gutes Gehalt, ?eine ziemlich dicke Rosine“. Vorher war er Berater für ein ?angesehenes Unternehmen“. Er ist Anfang 30 und möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Bei der DB Consulting Group, einer internen Beratungseinheit der Deutschen Bank, hatte er große Pläne. Bis der Vorstand die DB Consulting Group auf die Abschussliste setzte. Das war im Sommer 2001.

Die besten Jobs von allen


An einem anderen Schreibtisch in der Deutschen Bank arbeitete sich damals im Sommer der Investment-Banker Sohail Khan gerade ein. Im Januar 2001 hatte er seine erste feste Stelle in der Sparte Global Markets angetreten – gut vorbereitet nach BWL-Studium und einem achtmonatigen Trainee-Programm. Global Markets umfasst das weltweite Geschäft der Deutschen Bank mit Devisen und festverzinslichen Wertpapieren, etwa Unternehmens- oder Staatsanleihen.

9.200 zu viel

Für den Berater, der anonym bleiben möchte, kam das Ende überraschend. Vorstandsmitglied Hermann-Josef Lamberti habe den erstaunten Mitarbeitern in einer Versammlung die Botschaft überbracht. ?Wir fielen aus allen Wolken. Alle 450 Stellen der DB Consulting Group sollten gestrichen werden. Lamberti forderte uns auf, nach einem neuen Arbeitsplatz zu suchen – innerhalb wie außerhalb der Bank.“

Ein Hinweis, den im vergangenen Jahr noch weit mehr Mitarbeiter hörten. Denn die nach Bilanzsumme größte deutsche Bank – weltweit Nummer zwei – wird bis Ende 2003 mindestens 9.200 Arbeitsplätze einsparen. Der Nettogewinn schmolz 2001 gegenüber dem Vorjahr von fast 13,5 Milliarden auf 167 Millionen Euro. Wichtige Konkurrenten wie der weltgrößte Finanzkonzern Citigroup oder die Investmentbank Goldman Sachs arbeiten effizienter. Und weil der Börsenwert der Deutschen Bank weit unter dem internationaler Wettbewerber liegt, könnte sie Ziel einer feindlichen Übernahme werden.

Um das zu verhindern, will der künftige Vorstandssprecher Josef Ackermann aus der Deutschen Bank den besten Finanzdienstleister der Welt machen. Zur Strategie gehört: Kosten senken, Stellen streichen.

Die meisten Jobs spart die Deutsche Bank in ihrem Kerngeschäft ein: Seit Februar 2001 stellt sich das Unternehmen in einem ?Zwei-Säulen-Modell“ dar. Auf der einen Säule ruhen das Investment- und Firmenkundengeschäft (Corporate and Investment Banking, CIB), auf der anderen das Privatkunden- und Filialgeschäft sowie die Vermögensverwaltung (Private Clients Asset Management, PCAM). Die Umstrukturierungen kosten in beiden Bereichen je mehrere Tausend Jobs. Gekündigt wurde noch niemand – die Bank erwartet von Betroffenen aber Eigeninitiative.

Nach Mass und von der Stange

Während die Karrierepläne anderer ausgebremst werden, gibt Investment-Banker Khan kräftig Gas. Sein siebenköpfiges Team ist nicht vom Stellenabbau bedroht. Angst habe er nicht. ?Es gibt genug zu tun.“ Die Kunden des 27-Jährigen sind Versicherungen mit Sitz in Deutschland, die die Beiträge ihrer Versicherten anlegen. Weil die Börse abstürzte und sichere Anlageformen gefragt waren, entwickelte sich 2001 für die gesamte Sparte Global Markets zu einem guten Jahr. Khan ist Verkäufer. Gemeinsam mit den Portfolio-Managern in den Versicherungen sucht er geeignete Anlageformen. ?Passende Produkte“ vom Finanzmarkt – beispielsweise Anleihen, mit denen ein anderes Unternehmen Geld einsammelt, um Investitionen bezahlen zu können. Bis zu fünf Milliarden Euro fließen bei solchen Geschäften.

Die Versicherungen gäben ?sehr genaue Anweisungen“, wie sie ihr Geld anlegen wollen. ?Manchmal bleiben ein paar Millionen übrig. Dann heißt es: Mach uns einen Vorschlag.“ Khan kalkuliert Laufzeit, Kosten des Geschäfts und Bonität des Unternehmens, dem eine Versicherung ihr Geld anvertraut. Zeitungen und Online-Datenbanken sind seine wichtigsten Informationsquellen. ?Die meiste Zeit bin ich aber am reden, mit Kunden oder Kollegen.“

Enge Terminvorgaben schaffen – sein größter Ansporn. Etwa, wenn die Kunden Sonderwünsche haben, die nur die New Yorker Entwicklungsabteilung von Global Markets erfüllen kann. Dort, und in London, stehen die Maßateliers für spezielle Finanzprodukte der Deutschen Bank. Da Maßarbeit mehrere Anproben erfordert, ?muss ich schnell sein, um trotz der Zeitverschiebung immer wieder zwischen Deutschland und den USA hin und her zu vermitteln“.

Das Tempo kann man hören – ?Deutschebankkhan“ oder ?Khandeutschebank“, so begrüßt er die Anrufer. ?Ich brauche diesen Druck. In einem ruhigen Umfeld könnte ich nicht arbeiten.“

Bequemer Ausstieg?


Ausgesprochen ruhig ging es in einigen Büros der DB Consulting Group zu, nachdem der Vorstand das Aus verkündet hatte. ?Ich denke heute positiv über die Deutsche Bank, weil man uns nicht unter Druck setzte zu gehen“, sagt der Berater, der Ex-Mitarbeiter. ?Wir bekamen weiter unser volles Gehalt. Jeder erhielt so viel Zeit für Bewerbungen und Vorstellungsgespräche, wie er wollte.“

Später sei entschieden worden, die Einheit nicht ganz zu schließen, sondern von 450 auf 80 Stellen zu schrumpfen. ?Es gab ein Auswahlverfahren, das allen offen stand.“ Sogar Wettbewerber hätten sich präsentieren dürfen, um Mitarbeiter anzuwerben.

Doch nahmen die wenigsten die Lage leicht. Ältere hätten resigniert, weil sie am Arbeitsmarkt nicht gefragt waren. ?Böse Stimmen habe ich von ganz jungen Kollegen gehört. Ihnen fehlten das Netzwerk und die Erfahrung, sich schnell etwas Neues zu suchen. Sie wirkten hilflos. Kamen morgens um zehn, haben die Zeitung gelesen, und um drei sind sie wieder nach Hause gegangen.“

Er selbst habe den Schrecken schnell weggesteckt. ?Schockierend war ja nicht der Vorgang. Ich habe früher Mandanten selbst Personalabbau empfohlen“, sagt der Ex-Banker. ?Schockierend war, der Betroffene zu sein. Ich kannte immer nur die eine Seite: vom Arbeitsmarkt abgegriffen zu werden.“ Weil er nicht zu den Tatenlosen gehören wollte, akquirierte er mit seinem Team weiter Projekte. ?Um uns zu motivieren.“

Sohail Khan hat keine Motivationsstütze nötig. Er glaubt an seine Zukunft, will ?viel lernen, schnell lernen, daran wachsen“. Sein Arbeitsplatz, der Frankfurter Handelsraum in der Großen Gallusstraße 10-14, erinnert an die Schaltzentrale in Cape Caneveral, wo Raumflüge überwacht und gesteuert werden: lange Tischreihen, flimmernde Monitore und telefonierende Männer, die sechs und mehr Bildschirme gleichzeitig kontrollieren. Hier wird von 7 bis 20 Uhr gekauft und verkauft. Anleihen, Devisen, Aktien. Einen 12- bis 13-Stunden-Tag findet Khan normal. ?Wer um neun kommt und um fünf geht, macht sich nicht beliebt.“

Auf dem ?Floor“ arbeiten 700 Menschen auf vier Etagen. ?Als Student ist man darauf nicht vorbereitet“, warnt Khan. Er büffelte das Finanzmarkt-Einmaleins in London. Von der britischen Bankenmetropole aus wird nicht nur Global Markets gesteuert. Einmal im Jahr versammeln sich Einsteiger zum zweimonatigen ?Classroom-Training“ – mit Simulationen und Fallstudien, Hausaufgaben und Klausuren. ?Man braucht keine speziellen Vorkenntnisse. Mein Bruder ist Politologe und hat nur ein paar VWL-Vorlesungen gehört. Er hat es auch gelernt“, sagt Khan. ?Aber um durchzublicken, muss man diesen Job mindestens zwei, drei Jahre gemacht haben.“

Strategien wechseln, Mitarbeiter auch

Der persönliche Zeithorizont ist nicht immer zu überblicken. ?Mindestens fünf Jahre“ habe er eingeplant, sagt der Berater, der seinen Job aufgeben musste. Ein Angebot, innerhalb der Bank zu wechseln, schlug er aus. ?Ich hätte bloß Betriebsprozesse optimiert, wollte aber Strategien schmieden.“ Er fand einen neuen Job – ?draußen“.

Der eine kommt, der andere geht. In Großkonzernen ist das nicht ungewöhnlich. Zehn Prozent beträgt die ?normale Fluktuationsquote“ bei der Deutschen Bank – ein Teil der Mitarbeiter, die vom Stellenabbau betroffen sind, hätte das Unternehmen ohnehin verlassen. Also alles ganz normal?

Wolfgang Hermann widerspricht. Der Konzernbetreuer für die Deutsche Bank bei der Gewerkschaft Verdi berichtet: ?Es herrscht Angst in der Bank. Die Mitarbeiter sind verunsichert von ständigen Strategiewechseln.“ Viele fürchteten, sie könnten die Nächsten sein, die vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Und ihre Jobs verlieren. ?Dagegen ist auch ein gut ausgebildeter Absolvent nicht gefeit, wenn größere Geschäftseinheiten von einer neuen Strategie weggeschlagen werden.“

Die Stimmung in der Bank scheint Aufsichtsrats-Chef Hilmar Kopper zu gefallen. Sie könne ?gar nicht besser sein“, sagte er. Wolfgang Hermann findet sie ?miserabel“.

Zweifel an Koppers Eindruck wecken die Stellungnahmen mehrerer Betriebsräte. Nachdem die Bank Ende Dezember – zum dritten Mal in diesem Jahr – den Abbau mehrerer Tausend Stellen angekündigt hatte (siehe Zoom), beschwerte sich der Betriebsrat der Frankfurter Zentrale in einem offenen Brief an den amtierenden Vorstands-Chef Rolf-Ernst Breuer und seinen Nachfolger Ackermann über ?kreativlose Personalreduzierung“ und ein ?demotivierendes“ Klima.

Vertrauensverlust

Der Gesamtbetriebsrat – überrascht und verärgert wegen des Salami-Verfahrens – stellte gar grundsätzlich die Vertrauensbasis in Frage. Der Code of Conduct sei verletzt worden. Im Verhaltenscodex, der für Mitarbeiter wie Management gilt, heißt es: ?Unser Handeln ist von Verlässlichkeit, Fairness und Ehrlichkeit geprägt.“

Personal-Bereichsvorstand Heinz Fischer verteidigt den Stellenabbau in drei Tranchen: ?Das lässt sich nicht alles am selben Tag sagen. Die verschiedenen Unternehmensbereiche planen zu verschiedenen Zeiten, wie sie sich neu aufstellen wollen.“ Mitarbeiter müssten sich eben auf ständigen Wandel einstellen – und bereit sein, neue Aufgaben in anderen Abteilungen zu übernehmen.

Lernen statt Träumen

?Die beste Lebensversicherung wird sein, immer zu lernen – besonders wichtig sind Sprachen und das Verständnis für fremde Kulturen.“ Dafür biete die Bank Hilfen an: weltweite Jobbörse, Unterstützung bei Weiterbildung oder ein internationales Austauschprogramm für Nachwuchskräfte.

Zwischen 300 und 350 Hochschulabsolventen will die Deutsche Bank in diesem Jahr einstellen – trotz Tausender Stellenstreichungen. Und trotz der Ankündigung von Fischers Chef und Personal-Konzernvorstand Tessen von Heydebreck, er schließe für 2002 weiteren Stellenabbau nicht aus.

Investment-Banker Khan hat mit Freunden und in seiner Familie darüber gesprochen. ?Man muss das differenziert sehen. Global Markets arbeitet sehr profitabel. Es wird auch weiterhin einen gewissen Personalbedarf geben.“

Der frühere Consulting-Mitarbeiter rät Einsteigern, realistisch zu bleiben. Sein Schicksal könne jeden anderen treffen. ?Wem dann Tränen in den Augen stehen, der hat die Situation nicht verstanden.“
Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2002