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Und immer wieder Mahler

Von Markus Ziener, Handelsblatt
Der junge Dirigent Swjatoslaw Luther ist ein Beispiel für die Nöte und Träume junger Künstler in Russland. Wer in Russland von der Musik leben will, muss nämlich nicht nur ein exzellenter Künstler sein.
HB ST. PETERSBURG. Manchmal, wenn Swjatoslaw Luther bis morgens um drei Uhr in seiner kleinen Küche sitzt, Partituren liest und dabei seine Gedanken schweifen lässt, verliert sich der 32-Jährige in einen Traum.Es ist ein Traum, der schon jetzt in seinen Ohren klingt und den er sehen kann, wenn er die Augen schließt. Luther sieht sich, wie er im Jahr 2011 auf einem Podest steht und dirigiert, neunmal, nacheinander jede einzelne Symphonie von Gustav Mahler.

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?Acht Jahre habe ich da noch.? Luther sagt das mit einem Lächeln, aber er meint es mit ganzem Ernst. Und kaum einer aus der Musikerszene in St. Petersburg würde darauf wetten, dass er dieses Ziel nicht erreicht ? wenn er es wirklich will.Denn Swjatoslaw Luther ist einer von jenen russischen Nachwuchskünstlern, die sich in einer Zeit einen Namen gemacht haben, die es nicht gut meinte mit der Kunst. Als er Mitte der 90er-Jahre die Petersburger staatliche Rimskij-Korsakov-Akademie für Musik verließ, hatten die Menschen nur noch wenig Geld übrig für Konzertkarten. Es war immer noch die Zeit des Überlebens nach dem Ende der Sowjetunion, und es war auch bald die Zeit der Rubel-Krise.Doch Luther ließ sich nicht von seinem Weg abbringen, zu fest war er in einer Musikerfamilie verwurzelt: Sein Vater war Professor für Musik, die Mutter unterrichtete am Konservatorium. ?Mit vier fing ich das Klavierspiel an.? Und ab diesem Moment gehörte sein Leben der Musik. ?Ich habe nicht viele andere Hobbys?, sagt er. ?Aber die brauche ich auch nicht.? Luther wirkt auf sympathische Art wie einer, der sich selbst genug ist.Wer in Russland von der Musik leben will, muss aber nicht nur ein exzellenter Künstler sein. Er muss sich in den Lücken zurechtfinden, die nach dem Zerfall des sowjetischen Versorgungssystems entstanden sind. Also tanzt auch Luther auf mehreren Hochzeiten: Er ist einer von zwei Dirigenten des staatlichen Symphonieorchesters von St. Petersburg, er übernimmt Gastrollen bei fremden Orchestern, und er geht immer häufiger auf Reisen ? nach Petrosawodsk, nach Moldawien, in die USA oder nach Thailand. Seine Auftrittsliste liest sich eindrucksvoll.?Du musst aktiv sein?, sagt Luther, ?und du musst eigene Ideen haben.? Auch, damit die Petersburger Presse endlich nicht nur ausschließlich über den Chefdirigenten des Marinskij-Theaters, Walerij Gergiew, schreibt, sondern auch einmal über ihn.Insgesamt rund 50 Konzerte pro Jahr sichern Luther ein ordentliches Auskommen, das in einem Monat bis zu 2000 Dollar betragen kann, in einem anderen dann aber nur einige hundert.Einmal, auch das ist ein Traum des Dirigenten, will er ein eigenes, privates Orchester führen. Endlich unabhängig sein von staatlichen Geldern, die noch immer den Musikbetrieb in Russland beherrschen. Ein eigenes Orchester, so wie Michail Pletnjow in Moskau, der in der Endphase der Perestroika 1990 sein Russisches Nationalorchester gründen konnte: mit weltbekannten Sponsoren, die ihm bis heute den Bestand sichern. Über diesen Traum jedoch spricht der hagere Dirigent nicht gerne. Da sei zu viel Zukunft mit im Spiel, sagt Luther. Dann schon lieber eine Phantasie über Mahler.Oder die Realität: Etwa wenn er in seinem Rücken die Spannung, die Unruhe, die Zufriedenheit von 1200 Zuhörern spürt, vor sich die Augenpaare von 60 Orchestermusikern auf sich gerichtet sieht. ?Ich fühle mich wohl dabei?, sagt Luther. Und schon wenn er darüber spricht, wirkt er selbstbewusster, strafft er sich unwillkürlich. Mehr noch, wenn man ihn sieht, wie er mit seinem Orchester umgeht, wie er misslungene Passagen abbricht und aufs Neue üben lässt, wie er keinen Zweifel zulässt, dass er weiß, wie es richtig klingen muss. Ob er diese Gewissheit tatsächlich auch immer hat, sagt er nicht.Aber zumindest befolgt Luther eine Grundregel für einen Dirigenten ? nie Zweifel an der eigenen Autorität zuzulassen. ?Obwohl ich jeden Fehler, den ich mache, fünf Jahre lang nicht vergesse.?Drei andere Dirigenten gibt es noch in Petersburg, die ähnlich jung und ambitioniert sind wie der 32-Jährige. Man kennt sich, aber man liebt sich nicht unbedingt. ?Wir sind Einzelgänger?, sagt Luther. ?Wir stehen ja auch alleine am Pult.? Und: Das Dirigieren entwickle sich erst richtig in der zweiten Lebenshälfte, ?dann findet sich der eigene Stil?.Noch führt er das Leben eines großen Talents zwischen den Welten, zwischen seiner Jugend und der Verantwortung eines großen Dirigenten. Fast täglich ist er im Café ?Brodjatschaja Sabaka? zu finden, im Kreis seiner Freunde, tief in der Petersburger Künstlerszene.Der Ort in der Nähe des Newskij- Prospekts ist legendär. Dort, im ?Streunenden Hund?, haben sich Anfang des letzten Jahrhunderts schon die Avantgardekünstler Wladimir Majakowskij und Welimir Chlebnikow getroffen, und bisweilen kommt noch immer Schriftsteller Daniil Granin ins ?Sabaka?. Dort sitzen sie dann, spielen zusammen, trinken, entwickeln Ideen und verwerfen sie wieder.So wie Luther, der sich wünscht, einmal die Symbiose aus einem russischen Orchester, deutschen Solisten und einem thailändischen Chor dirigieren zu dürfen. Das könnte eine Phantasie sein, die sich schon bald erfüllt, etwa beim Musikfestival in Bangkok. ?Beethoven und Rachmaninow im Wechsel?, träumt Luther. Und vielleicht noch Mahler. Unbedingt Mahler.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.01.2004