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Unbezahlt, aber nicht umsonst

Stefanie Scharbau
Foto: Uwe Hetzner
Soziales Engagement erweitert den Horizont und bringt Pluspunkte bei der Bewerbung - allerdings nur, wenn es echt und keine pure Lebenslaufkosmetik ist.
"Meine Arbeit mit Behinderten hat mich enorm weitergebracht. Ich bin selbstbewusster geworden, lass mich nicht mehr von dem kleinsten Problem aus der Bahn werfen und habe gelernt, mit Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft klarzukommen", erzählt Natacha Pacoud. Anfang des Jahres hat die 29-jährige Unternehmensberaterin zum zweiten Mal für eine Woche auf den "Special Olympics", den Olympischen Spielen für geistig Behinderte, in Alaska gearbeitet. Aus eigenem Antrieb und auf eigene Rechnung. Es war ihr persönlich wichtig.

Soziales Engagement, das bedeutet viel Einsatz, und bringt viel ein - außer Geld. Doch jeder, der mal mit Alten, Kranken, Kindern oder Aussiedlern zusammenarbeitete, hat von den Erfahrungen profitiert. "Es ist unheimlich befriedigend, wenn ich sehe, dass ich anderen Menschen helfen und ihnen eine Freude bereiten kann", erzählt Pacoud.

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Auch für zukünftige Arbeitgeber sind diese Erfahrungen sehr wertvoll, denn sozial Engagierte zeigen, dass sie über den Tellerrand schauen, sich auf unbekannte Situationen einstellen und durchhalten können.

Haben Unternehmen vor einigen Jahren jedoch in ihren Stellenausschreibungen noch explizit nach sozialem Engagement verlangt, so ist dieses Schlüsselwort inzwischen aus dem Anforderungskatalog verschwunden. "Das bedeutet keineswegs, dass soziales Engagement von den Unternehmen nicht mehr gewünscht wird", sagt Bewerbungsexperte Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie. "Heute formulieren Arbeitgeber ihre Anforderungen lediglich anders." Soziale Kompetenz, Teamfähigkeit, Engagement, Durchsetzungsvermögen und Belastbarkeit - das sind heute die Schlagworte in den Anforderungsprofilen.

"Jeder Einsatz fürs Gemeinwohl wirkt sich positiv auf den Lebenslauf und die Bewerbung aus", erklärt Hesse. "Egal ob sich jemand in der Freiwilligen Feuerwehr engagiert, eine Jugend-Fußballmannschaft trainiert oder Telefonseelsorge macht: Alles zeugt von Einsatzbereitschaft und macht den Bewerber interessant. Je sozialer das Engagement ist, desto hochwertiger ist es zu beurteilen."

Doch allein um ihre Lebensläufe aufzupolieren, sollten Bewerber sich nicht engagieren. "Das Engagement muss glaubwürdig sein und zur Person passen", sagt Hesse. "Es bringt nichts, sich zu verbiegen." Wer eine soziale Aufgabe übernehme, müsse sich auch damit identifizieren können, denn Personalmanager interessiere nicht nur, ob jemand etwas tut, sondern auch wie. Spielt jemand den Clown und muntert kranke Kinder auf, lässt das auf Kreativität und Extrovertiertheit schließen. Macht jemand einen Lkw-Führerschein, um Hilfstransporte nach Russland zu begleiten, zeugt das eher von Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit.

Personalverantwortliche sind sich einig: Solange erkennbar ist, dass der Bewerber bei seinem Engagement etwas gelernt hat, ist das ein Pluspunkt. Und dann sollte es im Lebenslauf auch genannt werden. Passt ein Ehrenamt unmittelbar zur angestrebten Position, ist sogar eine Erwähnung im Anschreiben sinnvoll. Schwindeleien sind aber tabu, denn sie fliegen meistens auf.

Fünf Stunden für die Allgemeinheit

Soziales Engagement ist in einer individualistischen Wohlstandsgesellschaft keineswegs die Ausnahme: Jeder dritte Bundesbürger engagiert sich in seiner Freizeit ehrenamtlich. 22 Millionen Menschen sind in Verbänden oder Projekten aktiv. Durchschnittlich investiert jeder Ehrenamtliche fünf Stunden pro Woche, fand das Familienministerium in seiner Untersuchung zu "Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement" heraus.

In Bewerbungssituationen ist der Nachweis von sozialem Engagement "wichtig, aber nicht ausschlaggebend", sagt Nikolaus Held, Leiter der Human-Resources-Abteilung bei der Unternehmensberatung Roland Berger. "Praktika sehen wir als wichtiger an. Auf diesem Wege demonstriert der Bewerber Interesse an einem Beruf und sammelt relevante Erfahrungen." Außerdem lerne man Sozialkompetenz überall dort, wo im Team gearbeitet wird.

Ähnlich sieht es Marc Binder, Unternehmenssprecher für Personalthemen bei Daimler-Chrysler: "Zusätzliche Qualifikationen sind immer gut, soziales Engagement ist aber nicht das ausschlaggebende Kriterium. Ein Bewerber muss zeigen, dass er über den Tellerrand hinausschaut. Das kann sich in Sprachkenntnissen, interkulturellen Erfahrungen oder außeruniversitärem Engagement widerspiegeln."

Nicht verzetteln

Wer sich also engagiert, muss deshalb aufpassen, dass er sich nicht verzettelt. "Außercurriculare Aktivitäten dürfen nicht zu Lasten einer stringenten Ausbildung gehen", warnt Tiemo Kracht, Partner bei der internationalen Personalberatung Ray & Berndtson in Frankfurt. "Wer zehn Jahre studiert, um seinem Engagement nachzugehen, disqualifiziert sich selbst. Eine Verlängerung um ein, zwei Semester ist akzeptabel - solange klare Zusatzqualifikationen erkennbar sind."

Es gibt auch Ehrenämter, die Bewerber besser verschweigen sollten. "Gewerkschaftstätigkeiten sind problematisch", urteilt Kracht. Bei weniger sozialen Einsätzen, beispielsweise in der Freiwilligen Feuerwehr, müsste der Bewerber Führungserfahrung durchblicken lassen. "Sonst bringt das keine Pluspunkte im Lebenslauf." Bewerbungsexperte Hesse warnt davor, politisches Engagement in den Lebenslauf zu schreiben. "Wenn jemand bei den Grünen ist und in einem Öko-Unternehmen anfangen will, ist das okay. Doch überall dort, wo man die politische Gesinnung des Unternehmens oder des Gesprächspartners nicht kennt, sollte man davon Abstand nehmen."

Einsatz tut dem Image gut

Wenn die "Ehrenamtlichen" dann einmal eingestellt sind, brüsten ihre Arbeitgeber sich gerne mit deren Engagement. Immer mehr Unternehmen fördern das soziale Engagement ihrer Mitarbeiter. Allerdings nicht ganz uneigennützig. Wer Programme zur "Sozialen Freiwilligenarbeit" auflegt, baut diese auch gerne in seine Unternehmens-PR ein.

Während Unternehmen sich noch vor einigen Jahren zierten, ihren Mitarbeitern Freiräume für ehrenamtliche Einsätze zu lassen, sähe das heute besser aus, sagt Hesse. Arbeitgeber erkennen, dass sinnvolle Tätigkeiten in der Freizeit sich auch positiv aufs Berufsleben auswirken. "Ein- bis zweimal im Monat früher Feierabend zu machen, wird von den meisten Unternehmen akzeptiert."

Doch nicht überall folgen Taten auf die Bekundungen der Arbeitgeber. Hakt man in Branchen und Unternehmen nach, in denen regelmäßig viele Überstunden gemacht werden, hört man Widersprüchliches. "Wir unterstützen soziales Engagement", heißt es beispielsweise bei der Unternehmensberatung Roland Berger. "Wenn es passt, kann der Einzelne zwischen den Projekten gerne mal einen Tag Urlaub nehmen." Prinzipiell seien Ehrenämter jedoch dem Privatvergnügen der Berater zuzuordnen.

www.bagfa.de
Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (vermitteln Tätigkeiten in sozialen Einrichtungen)

www.freiwillig.de
Internationales Jahr der Freiwilligen 2001 - ausgerufen von den Vereinten Nationen

www.sci-d.de
Service Civil International (Urlaubsangebote/Workcamps für sozial engagierte Menschen)

www.patriotische-gesellschaft.de
Seitenwechsel Hamburg, Patriotische Gesellschaft - Soziales Engagement als Weiterbildung von Führungskräften
Dieser Artikel ist erschienen am 20.09.2001