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Unbeugsam und uneinsichtig

Von Gerd Braune, Handelsblatt
Einst war Conrad Black Herr über ein weltumspannendes Medienimperium. Jetzt stößt ein Bilanzskandal ihn vom Thron.
OTTAWA. Eine der Eigenschaften, die Conrad Black, Lord of Crossharbour, gerne zugeschrieben werden, ist ?bellicose? ? kriegslustig. Seine Waffen: eine spitze Zunge und seine Zeitungen. Die Weltanschauung von Lord Black, Mitglied des britischen Oberhauses, ist profund konservativ. Der von ihm geführte Medienkonzern Hollinger bot jahrelang die Bühne, auf der der britische Lord kanadischer Herkunft seine Sicht der Dinge darstellen konnte.Das Medienimperium von Black, das oft mit dem von Rupert Murdoch verglichen wurde, war lange Zeit weltumspannend. In Kanada übte er sogar die kontrollierende Mehrheit bei 60 Prozent der Tageszeitungen aus ? was nun Vergangenheit ist. Erst vor wenigen Tagen musste Black als Chef von Hollinger zurücktreten. Der Grund: unautorisierte, nicht korrekt in den Büchern aufgeführte Zahlungen ? ein Bilanzskandal.

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Die enorme Summe von 32,13 Millionen US-Dollar sollen an Black, David Radler und zwei weitere Vorstandsmitglieder sowie an die von Black kontrollierte Muttergesellschaft Hollinger Inc. geflossen sein. Jetzt ermittelt die Börsenaufsicht in den USA und Kanada.Doch zumindest nach außen hin scheint der jüngste Skandal den Zeitungsverleger wenig zu berühren. Er gibt sich unbeugsam, unbeeindruckt. Als er Mitte vergangener Woche sein Buch ?Franklin Delano Roosevelt: Champion of Freedom? vorstellte, meint er fast trotzig: All diejenigen, die schrieben, er sei erledigt, hätten es wohl nicht richtig begriffen. Er sei schließlich immer noch Aktieneigentümer mit einem kontrollierenden Anteil. Unter Anspielung auf den Kursgewinn der Hollinger-Aktien am Tag der dramatischen Veränderung in der Unternehmensführung triumphierte er: ?Gestern verdiente ich 50 Millionen Dollar.?Lesen Sie weiter auf Seite 2:Einstweilen soll Black dem Unternehmen als ?nicht-exekutiver? Vorsitzender erhalten bleiben, auch wenn die Zukunft des Medienkonzerns ungewiss ist. Experten sind sich einig darüber, dass der ?strategische Prozess?, dem sich Black nun widmen soll, zum Verkauf von Unternehmensteilen, aber auch zum Verkauf des gesamten Unternehmens führen kann.Letzteres wäre das traurige Ende eines Mediengiganten, der von Mitte der 80er- bis Mitte der 90er-Jahre der weltweit am schnellsten wachsende Konzern der Branche war. Das langjährige Erfolgskonzept: Der Verleger kauft Zeitungen, saniert sie, stößt sie wieder ab. So übernimmt er ab Mitte der 80er-Jahre in den USA nahezu 400 Zeitungen, um sie fast alle zehn Jahre später wieder zu verkaufen. Zu Hollinger gehören über Jahre hinweg Hunderte von Zeitungen in Kanada, den USA, Großbritannien, Australien und Israel. Black steigt zum weltweit drittgrößten Zeitungsverleger auf.Auf den Geschmack gekommen ist der Verleger schon früh. Schon während seiner Studienjahre kauft er zusammen mit Freunden für 20 000 Dollar eine kleine englischsprachige Zeitung in Quebec. Binnen zweier Jahre wirft das zuvor defizitäre Blatt Gewinne ab ? ein Aha-Erlebnis für Black. Mit der Übernahme der Southam-Gruppe 1992 steigt der Zeitungsverleger dann zum Global Player auf. Flaggschiff des Konzerns wird die ?National Post?, mit der Black in Kanada ein stramm konservatives Gegengewicht zur liberalkonservativen ?Globe and Mail? setzen will.Doch zu Beginn des neuen Jahrtausends gerät das Medienimperium ins Wanken. Black hat sich übernommen. Für die Branche überraschend muss er im Sommer 2000 den Verkauf seiner kanadischen Zeitungen an Can West bekannt geben. Die erlösten 3,5 Milliarden Kanada-Dollar dienen dazu, die Schuldenlast von Hollinger zu reduzieren. Seitdem bleibt der Konzern, was er heute noch ist: ein Schatten seines einstigen Glanzes. Übrig geblieben sind bekannte Zeitungen wie ?The Daily Telegraph?, ?The Sunday Telegraph? und ?The Spectator? in Großbritannien, die ?Chicago Sun-Times? und die ?Jerusalem Post? in Israel.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Es gebe keine Strategie, nur Gelegenheiten, soll Blacks Vertrauter David Radler einmal den ständigen Wechsel zwischen Kauf und Verkauf beschrieben haben. Neben dem Gewinn interessierte Black jahrelang noch eine weitere Größe: ?Er will Einfluss ausüben?, urteilt William Thorsell, der frühere Herausgeber der ?Globe and Mail?. Black wolle seine Macht ausdrücken, wie ein ungewählter Politiker.Medienbaron Black provoziert und agitiert. Die Gewerkschaften zählt er zu seinen Lieblingsfeinden, plädiert für einen ?schlanken Staat? und den Abbau von staatlichen Sozialleistungen. In manchen seiner Ansichten zeigt er sich aber durchaus flexibel: So bezeichnete er Journalisten nach dem Kauf seiner ersten Zeitung abfällig als ignorant und faul. Jahre später bezeichnet er Hollinger als ?den größten korporativen Freund, den kanadische Print-Journalisten haben?.Seit 2001 ist Black Lord of Crossharbour, Mitglied des britischen House of Lords. Auch das ging nicht ganz ohne Konflikt ab. Sein Gegenspieler: der kanadische Premierminister Jean Chrétien. Als der britische Premier Tony Blair seinem kanadischen Kollegen mitteilte, er wolle Black zum Lord ernennen, kramte Chrétien eine verstaubte Parlamentsresolution von 1919 hervor. Aus ihr geht hervor: Ausländische Regierungen dürfen an kanadische Staatsangehörige keine Auszeichnungen verteilen. Black zieht vor Gericht ? und unterliegt. Wütend verzichtete er im Mai 2001 auf seine kanadische Staatsangehörigkeit.Im Hollinger-Bilanzskandal steht er nun vor einem weiteren Konflikt, einer weiteren Bewährungsprobe. Ob der ?Kriegslustige?, der in seinen jungen Jahren für Napoleon Bonaparte schwärmte, sich letztendlich erfolgreich in der Schlacht behaupten kann, ist noch offen.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.11.2003