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Ulrike Detmers - Die Provokateurin

Von Georg Weishaupt, Handelsblatt
Ulrike Detmers führt ein Doppelleben. Im ersten Leben ist sie Professorin für Betriebswirtschaft. Im zweiten ist sie Mitinhaberin des Herstellers von Brotspezialitäten Mestemacher in Gütersloh und trägt Verantwortung für 423 Mitarbeiter.
HB GÜTERSLOH. Ulrike Detmers führt ein Doppelleben. Im ersten Leben ist sie Professorin für Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Bielefeld mit Schwerpunkt Personal- und Organisationsmanagement. Im zweiten ist sie Mitinhaberin des Herstellers von Brotspezialitäten Mestemacher in Gütersloh und trägt Verantwortung für 64 Millionen Euro Umsatz und 423 Mitarbeiter.Nicht nur ihre Doppelrolle unterscheidet die schlanke 48-Jährige von vielen Professoren im Lande. Denn obendrein kämpft Detmers für die Chancengleichheit der Geschlechter. ?Es muss im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein, Managementpositionen auch mit Frauen zu besetzen?, fordert sie. Heute verfügten mehr junge Frauen als Männer über einen höheren Schulabschluss: ?Die europäische Elite wird weiblicher.?

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Wenn sie über ihr Lieblingsthema redet, stützt die Wissenschaftlerin ihre Argumente auf Zahlen und genaue Analysen. Aber sie scheut sich nicht, unbequeme Ansichten zu verkünden. NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück, den sie vor kurzem nach Gütersloh eingeladen hatte, musste sich anhören, ?dass viele Vorstände stockkonservativ? seien und mit ihrer ?traditionellen Vorstellung von der Ehe? den Aufstieg von Frauen behinderten. Und in Berlin forderte sie vor 400 Managern aus der Süßwarenindustrie, dass Männer die Karriere mit ihrer Rolle als Väter in Einklang bringen sollten. Da ging ein Raunen durch den Saal.?Ja, ich provoziere gerne, um den notwendigen Wandel zu fördern?, sagt Ulrike Detmers. ?Sie polarisiert stark?, berichtet eine studentische Hilfskraft. Der ein oder andere männliche Student nörgele schon mal, dass Frauen von der Professorin besser behandelt würden. Ansonsten gibt es dickes Lob für die Praxisbeispiele, die sie aus ihrer Firma in die Vorlesung mitbringt, und dafür, dass sie sich persönlich einsetzt, wenn Studenten Probleme haben. Was treibt sie an? ?Ich wollte immer finanziell und bei meiner Arbeit unabhängig sein.? Zunächst aber heiratet sie mit 19 Jahren Albert Detmers, der mit seinem Bruder Fritz den Backbetrieb seines Vaters in Bielefeld übernimmt und später den 1871 gegründeten Konkurrenten Mestemacher. Danach studiert sie Betriebswirtschaft an der Fachhochschule, später an der Universität Bielefeld und promoviert. Seit 1994 lehrt sie als Professorin an der FH Bielefeld, kümmert sich als Mitgesellschafterin um Kommunikation, Marketing und Strategie im Familienunternehmen und um die Kinder.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Bei so vielen Aufgaben muss sie ihre Arbeit straff organisieren. Damals, in den achtziger Jahren, bringt sie ihre zwei Sprösslinge in die Kindertagesstätte und ?erlebt sehr viele Anfeindungen, vor allem von nicht erwerbstätigen Müttern?. Und heute? Vieles habe sich gebessert. Doch ?Deutschland leidet noch immer unter dem Mutterfetisch, den die Nationalsozialisten in die Welt gesetzt haben?.Ihre Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass sie das Thema Gleichberechtigung vorantreibt, wenn sie auch einräumt, dass es im eigenen Unternehmen ?für den Frauenanteil im Management noch Steigerungspotenzial gibt?. Sie verleiht den ?Mestemacher-Preis Unternehmerin des Jahres? und den ?Mestemacher Kita-Preis?, um Kindertagesstätten zu fördern.Ein nicht unerwünschter Nebeneffekt: Gleichzeitig wirbt sie für den Mittelständler, der sich keine großen Werbeetats leisten kann. Er hat sich auf Vollkornbrot sowie Spezialitäten wie Fitness- und Pizzabrot konzentriert. ?Mestemacher sei erfolgreich in der Nische?, merkt Helmut Martell an, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Großbäckereien. Es sind Nischen, die Große wie Harry und Kamps nicht abdecken.Mestemacher beliefert den Lebensmittelhandel, Krankenhäuser sowie mit Brot in Dosen militärische Einheiten. Ein Viertel der Produktion aus den Werken in Gütersloh, Lippstadt und in Polen geht ins Ausland. Die Rendite liege ?über dem Durchschnitt der Brotbranche?, sagt Ulrike Detmers. Die Eigenkapitalquote sei ?sehr solide?.Die Frau, die gerne ein Buch über das Machtkartell der Manager schreiben würde und seit dem 200. Jahrestag der Französischen Revolution Wein von Château Lafite Rothschild sammelt, bezeichnet sich selbst als linksliberal. Sie wird im Gespräch recht locker und schrammt manchmal am Du vorbei.Aber richtig abzuschalten falle seiner Frau schwer, berichtet Albert Detmers. Am Wochenende arbeitet sie oft zu Hause, wo sie ihr Lieblingsgemälde im Blick hat: ein rot grundiertes Konterfei des verstorbenen Schauspielstars Romy Schneider.Auch im Ferienhaus an der Côte d?Azur ist sie emsig. Da ist es fast so wie im heimischen Gütersloh, wo sie schon mal privat zu Liz Mohn, der Firmenmatriarchin von Bertelsmann, eingeladen wird. Denn in der Nähe ihres Sonnendomizils residiert die Elite des Medienriesen, von Konzernchef Gunter Thielen über Finanzvorstand Siegfried Luther bis zu Ex-Konzernchef Thomas Middelhoff.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.12.2004