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Überraschender Chefwechsel bei Merck

Von Siegfried Hofmann
Beim Pharmaunternehmen Merck KGaA ist es überraschend zu einem Führungswechsel gekommen. Der bisherige Chef Bernhard Scheuble scheidet aus dem Unternehmen aus. Gründe dafür wollen die Darmstädter nicht nennen. Es gibt bereits einen Nachfolger.
Bernhard Scheuble verlässt den Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck KGaA. Foto: dpa
FRANKFURT/M. Als stellvertreter Scheubles war Römer bisher für Industriechemikalien, Produktion und Technik zuständig. Der promovierte Chemiker gilt als relativ bodenständig und pragmatisch. Ebenso wie Scheuble gehört er nicht der Gründerfamlie an, die über die E.Merck OHG nach wie vor rund 73 Prozent des Kapitals der Merck-Gruppe kontrolliert. Neben Römer rückt auch der 46jährige Elmar Schnee weiter auf. Bisher bereits für verschreibungspflichtige Medikamente zuständig, übernimmt er nun die Leitung des gesamten Pharmageschäfts, das Scheuble bislang in Personalunion betreut hatte.Das Revirement an der Spitze des Konzerns kam offenbar sowohl für die Mitarbeiter als auch für externe Beobachter völlig unerwartet. Nach Informationen aus Unternehmenskreisen spielten persönliche Gründe eine Rolle für die Entscheidungen. Grundlegende Änderungen in der Strategie bei Merck sind demnach nicht zu erwarten.

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Eine entsprechende Entwicklung erscheint auch insofern unwahrscheinlich, als sich der Chemie- und Pharmakonzern derzeit in einer relativ soliden Aufwärtsentwicklung befindet. Vor allem Dank des Erfolgs der Sparte Flüssigkristalle und des Krebsmittels Erbitux konnte der Konzern in den ersten neun Monaten seinen Umsatz um acht Prozent auf 4,5 Mrd. Euro und den operativen Gewinn um knapp ein Viertel auf knapp 700 Mill. Euro steigern. Die Prognosen für das Gesamtjahr hat Scheuble noch vor wenigen Wochen nach oben korrigiert.Scheuble war vor fünf Jahren, als erster familienfremder Manager, an die Spitze des traditionsreichen Chemie und Pharmaherstellers gerückt und hatte seither einen relativ erfolgreichen Umbau vorangetrieben. Unter anderem trennte er sich vom margenschwachen Laborhandel, der Vitamin-C-Produktion und dem Geschäft mit klassischen Elektronik-Chemikalien. Gleichzeitig wurden die hochprofitable Sparte Flüssigkristalle ausgebaut. Im Pharmageschäft musste Merck zwar den Patentablauf beim Diabetesmittel Glucophage verkraften. Doch gelang 2004 die Zulassung des innovativen Krebsmittels Erbitux, das seither höhere Erlöse liefert als ursprünglich erwartet.Vor allem Flüssigkristalle und Erbitux standen auch hinter der relativ starken Börsenperformance des Darmstädter Konzerns. Seit der Kursdelle im Jahr 2002 hat sich der Kurs der Merck-Aktie mehr als verdreifacht. Mit einem Börsenwert von inzwischen fast 14 Mrd. Euro gilt der Konzern als Aufstiegskandidat für den Dax-30. Scheuble habe einen eindrucksvollen Wertzuwachs erwirtschaftet, bescheinigte der Vorsitzende des Gesellschafterrates der E.Merck OHG, Dr. Frank Stangenberg-Haverkamp jetzt dem scheidenden Firmenchef.Angesichts der positiven Entwicklung bei Merck sahen externe Beobachter Scheuble fest im Sattel. ?Das kommt extrem überraschend?, kommentierte Pharmaanalyst Peter Spengler von der DZ Bank gestern Abend den Wechsel an der Firmenspitze. Die Börse reagierte nur moderat auf die Nachricht. Die Merck-Aktie gab um knapp zwei Prozent nach, notierte mit gut 72 Euro aber nach wie vor in der Nähe ihres Allzeithochs, das sie im August erreicht hatte.Der neue Firmenchef Michael Römer ist gegenüber Finanzmarkt und Medien bisher wenig in Erscheinung getreten, hat bei Merck aber eine mehr als 20 jährige Karriere in verschiedenen Bereichen des Chemiegeschäfts hinter sich. Unter anderem leitete er auch eine US-Tochter des Konzerns, bevor er 1990 die Leitung des Bereichs Industriechemikalien übernahm.Strategische Abenteuer sind auch von dem neuen Chef in Darmstadt offenbar kaum zu erwarten. Der Vorsitzende des Gesellschafterrates jedenfalls würdigte ihn in der knappen Mitteilung zum Führungswechsel als ?Garant der Stabilität.?
Dieser Artikel ist erschienen am 23.11.2005