Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Überleben wie der Siebenschläfer

Jamie Mitchell
Jungunternehmen müssen sich etwas einfallen lassen, wenn sie die momentane Durststrecke überstehen wollen. Finanzspritzen von Investoren sind ein knappes Gut. Und angesichts der momentanen Konjunkturlage gibt es auch keine rosigen Aussichten für die Umsatzentwicklung.
Am europäischen Risikokapitalmarkt herrscht Stillstand. Gerade für die zweiten Finanzierungsrunden sind keine neuen Investoren in Sicht. Zum einen gibt es zu viele Unternehmen, die ihre zweite Finanzierungsrunde in Angriff nehmen wollen. Zum anderen konzentrieren sich die meisten Wagniskapitalgeber fast ausschließlich auf ihr bestehendes Portfolio und schauen sich nicht noch nach zusätzlichen, neuen Investitionsmöglichkeiten um.

Doch die Zurückhaltung der Geldgeber ist nicht das einzige Problem: Während der Blütezeit der New Economy haben sich Risikokapitalgeber zu einem sehr frühen Zeitpunkt im Entwicklungsprozess eines Startups engagiert. Sie haben Firmen finanziert, die faktisch nur aus einem Businessplan bestanden. Deshalb sind viele Unternehmen, die jetzt zu ihrer zweiten Finanzierungsrunde wieder auf die Wagniskapitalgeber zugehen, auch noch in einem relativ frühen Entwicklungs-Stadium. Sie sind oft nicht weiter als Firmen, die unter normalen Umständen den Risikokapitalmarkt zum allerersten Mal betreten. Venture-Kapitalgeber interessieren sich heute aber oft nicht mehr für junge Unternehmen, die den Wagniskapitalprozess schon durchlaufen haben und dennoch nur magere Ergebnisse vorweisen können.

Die besten Jobs von allen


Die meisten Investoren haben die Probleme des Marktes schon diagnostiziert: Eine Großzahl junger Firmen wird ihre Umsatzziele nicht einhalten können - denn Großunternehmen kürzen die Ausgaben für Informationstechnologie in allen Wirtschaftsbereichen. Deshalb überprüfen Wagniskapitalgeber derzeit ihr Portfolio, um zu entscheiden, welche Unternehmen sie am Leben erhalten wollen und welche sie sterben lassen. Auch die Venture-Kapital-Fonds haben heute nur noch eingeschränkte Mittel zur Verfügung und können nicht mehr als eine Handvoll Unternehmen unterstützen.

Deshalb: Überzeugen Sie Ihre Investoren von Ihrer Lebensfähigkeit. Gehen Sie nicht von vornherein davon aus, dass Sie weiterhin Geld bekommen - auch die Investoren stehen vor schwierigen Entscheidungen. Natürlich ist Wagniskapital nicht die einzige Finanzierungsquelle. Unternehmen, deren Geld innerhalb der nächsten zwölf Monate aufgebraucht sein wird, sollten ohne Unterlass nach Alternativen Ausschau halten.

Eine Geldquelle, die junge Unternehmen oft übersehen, ist die klassische Kreditaufnahme: Falls Sie über irgendwelche Aktiva verfügen, fragen Sie Ihre Bank, ob sie diese als Sicherheit für einen Kredit einsetzt. Es ist immer wieder überraschend, wie viele Kredite Banken jungen Unternehmen bei einem Minimum an Sicherheiten einräumen.

Wichtiger noch ist, dass viele Unternehmen auch außerhalb der Finanzbranche nach einer "strategischen" Geldanlage suchen, zum Beispiel durch Kapitalinvestitionen oder Kauf von Anteilen. Diese Investoren sind oft Unternehmen aus einem ähnlichen oder verwandten Geschäftsfeld. Ihre Beweggründe für ein solches Engagement sind strategisch und finanziell.

Allerdings dauert es mindestens sechs bis neun Monate, bis eine strategische Geldanlage abgeschlossen ist, und sie kann in jedem Entwicklungsstadium plötzlich zusammenbrechen. Besonders europäische Firmen sind traditionell eher risikoscheu - europäische Manager fürchten die Folgen eines Fehlschlags viel mehr als ihre amerikanischen Kollegen.

Trotz aller Ratschläge: Die Wahrheit ist, dass es für alle Unternehmen sehr schwer werden wird, eine Finanzierung zu bekommen - mindestens für die nächsten sechs, wahrscheinlicher aber für die nächsten zwölf Monate. Die Wirtschaft steckt insgesamt derzeit schwere Hiebe ein, vor allem die Ausgaben für Informationstechnologie verlaufen schleppend. Da greift auch nicht mehr die traditionelle Methode junger Unternehmen, Geldverschleiß hinter ihren Umsätzen zu verschleiern.

Deshalb müssen viele Unternehmen die harte Zeit überwintern. Ein Winterschlaf bedeutet nicht einfach nur, die Kosten zu senken. Ein Winterschlaf bedeutet, Mitarbeiter zu entlassen und das operative Geschäft auf ein Minimum herunterzufahren - der Betrieb wird abgespeckt, um nur noch bestehende Kunden zu betreuen und die zu allererst anstehenden Absatzziele zu erreichen. Wie ein Braunbär oder ein Siebenschläfer in den Wintermonaten entschließen sich diese Firmen zu schlummern, bis die harte Jahreszeit zu Ende ist und sich die Aussichten verbessern.

Schließlich ist es jetzt nicht Ihre Wettbewerbsposition, um die Sie sich sorgen sollten - überleben heißt die Devise. Unternehmen, die diesen harten Winter überstehen, werden im Frühjahr die Jäger sein. Und im Frühjahr könnten sich die Risikokapitalgeber für neue Transaktionen erwärmen. Und die Kunden sind dann vielleicht bereit, mehr für Informationstechnologie auszugeben.

Seien Sie realistisch: Wann erwarten Sie, dass der Umsatz die Kosten deckt? Wenn Sie keine feste Zusage von derzeitigen Investoren haben, verlassen Sie sich nicht darauf, dass eine neue Wagniskapitalfinanzierung Ihren künftigen Geldverzehr abdeckt. Reduzieren Sie die Kosten und stellen Sie sicher, dass Ihre flüssigen Mittel auf der Bank den künftigen Geldverbrauch abdecken können, am besten bis zum Break-even, aber ganz sicher bis der Konjunkturzyklus wieder an Schwung gewinnt. Auch die großen "Bullen" unter den Unternehmen sollten diesen Winter in den Winterschlaf gehen, nicht nur die "Bären".
Dieser Artikel ist erschienen am 10.09.2001