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Überflieger mit Bodenhaftung

Von Andreas Bohne
Nach einer Bilderbuchkarriere bei Bayer drückt Axel Heitmann jetzt beim Chemieableger Lanxess aufs Tempo.
HB DÜSSELDORF. Aber Konkretes über die Zukunft von Lanxess vermeidet der blonde, schlaksige Heitmann geschickt. Als die Journalisten später seine Antworten auf unterschiedliche Fragen an den Tischen vergleichen, stellen sie fest: Viele seiner Äußerungen waren bis zum Wortlaut gleich.Das war im Juli, als das Unternehmen Lanxess begann, Formen anzunehmen. Heitmanns missionarischer Eifer beeindruckte zwar, gab aber keine Antwort auf die Frage: Wer ist Axel Heitmann?

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Oder vielleicht doch. ?Heitmann ist einfach unglaublich hartnäckig?, sagt ein Bayer-Manager, der ihn aus der Nähe erlebt hat. ?Wenn er von einer Idee überzeugt ist, scheut er sich nicht, seine Argumente stundenlang wortgleich zu wiederholen, bis der Gesprächspartner nachgibt.?Seine Beharrlichkeit hat dem designierten Chef von Lanxess, das auf der heutigen außerordentlichen Hauptversammlung vom Bayer- Konzern abgespalten werden soll, nicht nur Freunde gemacht. Sie ist aber wohl ein Grund für seinen Erfolg. Der andere ist Geschwindigkeit. Heitmann, dem man die Hamburger Herkunft anhört, der sich aber immer dort zu Hause fühlt, wo die nächste Aufgabe auf ihn wartet, erwarb sich bei Bayer den Ruf des blitzgescheiten Überfliegers.?Wer schnell ist, ist auch gut?, hat einer seiner Professoren Heitmann beigebracht, wofür sich der Chemiker nach zehn Semestern mit sehr guten Abschlussnoten bedankte. Anschließend bekam er es bei seiner Dissertation mit Antigenen und Antikörpern zu tun. Der Umgang mit den Bausteinen des Immunsystems hätte dem schon als Schulkind von Chemie und Biologie faszinierten Heitmann leicht zu einer Karriere in den damals aufblühenden Biotech- Startups verhelfen können. Doch er hatte schon als Junge im väterlichen Ingenieurbüro gelernt, ?in größeren wirtschaftlichen Zusammenhängen zu denken?, wie er sagt. Weil er ?auf großer Ebene an den großen Rädern drehen? wollte, wählte er die Großchemie und ging zu Bayer.Nach Stationen als Betriebsleiter und Standortchef, die ihn immer wieder ins Kautschukgeschäft führten, übertrug man ihm die Sanierung der Tochterfirma Wolff Walsrode. Die Aufgabe bewältigte Heitmann in gut zwei Jahren. Zur Belohnung wurde er zunächst zum Leiter des Bayer-Kautschukgeschäfts berufen, nur Monate später rückte er in die Geschäftsführung von Bayer Material Science ein. Für zwei Jahre zog er mit Frau und zwei schulpflichtigen Kindern nach Schanghai und leitete von dort aus Bayers Kunststoff- und Chemiegeschäft in Asien.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Abwärts geht es nur auf der Piste im SkiurlaubZwar hat er in dieser Zeit Asiens Kultur und chinesische Antiquitäten schätzen gelernt. In Chinas deutscher Business-Community war er aber nicht sehr präsent. Schließlich gab es im Büro genug zu tun. Sentimentalitäten sind ohnehin nicht seine Sache. Für ihn muss es vorwärts gehen ? und abwärts bitte nur auf der Piste im jährlichen Skiurlaub. ?Heitmann ist nicht der Typ des Managers, der sich mit geteilter Verantwortung zufrieden gibt?, sagt ein Berater, der bei der Geburt von Lanxess geholfen hat. ?Es war klar, dass er die Führung eines börsennotierten Unternehmens will.? Dies mag die rastlose Energie erklären, mit der Heitmann die Aufstellung seines neuen Chemiekonzerns betrieben hat. Obgleich die Neugliederung der Bayer-Gruppe in Teilkonzerne in den vergangenen Jahren die Herauslösung der Chemiesparte erleichtert hat, war der so genannte Carve-out von Lanxess ein schönes Stück Arbeit.Da musste nicht nur geregelt werden, dass das riesige Bayer-Kreuz in Leverkusen auf einem Lanxess-Gebäude stehen bleiben kann, dass Lanxess das eigene Logo, das vielerorts schon seit Monaten auf riesigen Werbetafeln prangt, auch in Bayers Industriepark leuchten lassen darf. Auch musste bei der Ausgliederung schon mal ein Werkstor weichen.Vielmehr galt es 20 000 der 115 000 Konzernbeschäftigten zu überzeugen, dass sie unter der schwarz-weiß-roten Lanxess-Fahne eine bessere Zukunft haben würden als mit Bayers blau-grünen Farben. Heitmann besann sich auf seine Erfahrungen an der Basis: Er hat während des Studiums in einer Druckerei in Nachtschichten Geld verdient und kennt den Umgangston. Viele im Konzern loben Heitmanns Motivationsarbeit. Sie hat bei Lanxess immerhin eine ?Jetzt erst recht?-Mentalität entstehen lassen.Vor allem aber musste Heitmann Tausende von Lieferbeziehungen, die zwischen Bayer-Konzernteilen bestanden hatten, nun unter formell gleichrangigen Geschäftspartnern neu regeln. Dabei hatte er ein besonderes Handicap: Erst am heutigen Mittwoch entscheiden die Aktionäre über die Lanxess-Abspaltung. Deshalb durfte nichts in Heitmanns seit über neun Monaten dauerndem Vertragsmarathon dieser Entscheidung vorgreifen.Auch das ist ein wichtiger Grund für Heitmanns wortreiche Schweigsamkeit, wann immer er mit dem Projekt Lanxess in den letzten Monaten an die Öffentlichkeit ging. Mit der Zurückhaltung ist es, wenn Bayers Aktionäre mitspielen, heute vorbei. Auf den vom Schweigegelübde befreiten Lanxess-Missionar Heitmann darf man gespannt sein.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Vita: Axel Heitmann 1959 wird Axel Heitmann in Hamburg geboren. Der Vater betreibt ein Ingenieurbüro. Die Familie hat vier Kinder, die später alle an die Universität gehen. 1988 promoviert Heitmann in Chemie. Er hat in Hamburg und Southampton studiert. 1989 geht er als Trainee zu Bayer. Rasch steigt er auf und leitet mehrere Werke.1993 führt er den englischen Kautschuk-Standort Bromsgrove.   1996 übernimmt er Bayers Gemeinschaftsunternehmen mit Degussa, Polymer Latex. 1999 kommt er als Sanierer zur Konzerntochter Wolff Walsrode. 2002 wird Heitmann in die Geschäftsleitung des Teilkonzerns Bayer Material Science berufen und leitet von Schanghai aus deren Asien-Geschäft. 2003 nominiert ihn Bayer als Vorstandschef der auszugliedernden Chemiesparte Lanxess.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.11.2004