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Typ großer Bruder

Von Anna Sleegers und Siegfried Hofmann
Er übernimmt den schwierigsten Job, der in der deutschen Pharmabranche derzeit zu vergeben ist. Arthur Higgins soll die Arzneisparte von Bayer mit der von Schering vereinigen. Seine lange Erfahrung außerhalb des Konzerns erleichtert ihm die Vermittlerrolle.
BERLIN/FRANKFURT. Aber einer fehlte im achten Stock der Schering-Zentrale. ?Wo ist Arthur Higgins?? fragten sich nicht nur die Journalisten, sondern auch viele Mitarbeiter.Der Mann, der die Operation Schering zu einem wirtschaftlichen Erfolg führen soll, verzichtete an diesem Morgen auf den Medienrummel im achten Stock der Schering-Zentrale. Er sei noch nicht im Amt, hieß es offiziell. Higgins, der künftige Chef der neuen Bayer Schering Pharma AG, bereitete sich statt dessen auf ein Meeting mit den Führungskräften von Schering am Nachmittag vor. Am heutigen Donnerstag wird er sich der Belegschaft des Berliner Konzerns auf einer Betriebsversammlung stellen.

Die besten Jobs von allen

Der 50-jährige Pharmamanager, ein gebürtiger Schotte, tut vermutlich gut daran, sich sofort auf die operativen Aufgaben zu konzentrieren. Auf ihn wartet die schwierigste Aufgabe, die derzeit in der deutschen Pharmabranche zu vergeben ist. Denn mit der erfolgreichen Integration von Schering steht und fällt die weitere Performance von Bayer ? und wohl auch die weitere Strategie.Higgins wird mit der Transaktion endgültig zum wichtigsten operativen Manager des Leverkusener Konzerns. Immerhin wird er nicht nur die neue Berliner Pharmatochter leiten, sondern weiterhin für die gesamte Gesundheitssparte von Bayer verantwortlich sein. Defacto führt Higgins damit etwa die Hälfte des Bayer-Konzerns und mit Sicherheit den Teil, der künftig wieder ganz im Zentrum der Strategie stehen wird.Vor gut zwei Jahren holte ihn Wenning als einen ?Mittler zwischen den Kulturen? in den Konzern. Higgins habe als langjähriger Abbott-Manager lange genug in den USA gelebt, um sowohl die europäische als auch die amerikanische Denkweise zu verstehen, heißt es im Konzern. Der gelernte Biochemiker startete seine Karriere einst bei Bristol-Myers. Später war er 14 Jahre lang bei Abbott.Als Pharmachef des US-Konzerns stand er schon einmal vor dem Sprung nach ganz oben. Aber damals, im Jahr 2001, machte sein Kollege Miles White das Rennen bei Abbott. Higgins zog sich zur kleinen Biotechfirma Enzon zurück ? bis ihn Wenning vor zwei Jahren für das ?große? Pharmageschäft holte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Er ist alles andere als ein typisches Bayer-Gewächs?Als neuer Chef der Bayer-Gesundheitssparte musste Higgins damals ein schweres Erbe übernehmen. Denn Bayer steckte mitten in der Sanierungs- und Umbauphase. Die Suche nach einem Partner für die angeschlagene Pharmasparte war gerade gescheitert. Nach dem Lipobay-Debakel und dem Patentablauf beim einstigen Bestseller Ciprobay galt es, die Kapazitäten an die neue Rolle als mittelgroßer europäischer Pharmakonzern anzupassen. Higgins bewältigte die Herausforderung unter anderem, indem er den US-Vertrieb für Standard-Produkte kurzerhand an den Konkurrenten Schering-Plough vergab ? eine Allianz, die viele Branchenkenner als ausgesprochen geschickte Lösung für den Leverkusener Konzern beurteilen. Ihm gelang es, die OTC-Sparte von Roche, die Bayer Ende 2004 erwarb, schneller als von vielen erwartet zu integrieren.Das alles dürfte Higgins nun Rückhalt geben für die neue und wesentlich größere Integrationsaufgabe. Hier muss er den Mittler zwischen Berlin und Leverkusen spielen. Angesichts seiner langen Karriere außerhalb des Konzerns dürfte ihm das leichter fallen als vielen anderen Bayer-Managern.?Er ist alles andere als ein typisches Bayer-Gewächs?, sagt ein enger Mitarbeiter. Das hat sich bereits bei diversen Personalentscheidungen in der Bayer Healthcare-Sparte ausgewirkt. Bei Bayer Schering Pharma muss Higgins nun mit einer quasi paritätisch besetzten Vorstandsriege zusammenarbeiten: Ulrich Köstlin und der künftige Forschungschef Marc Rubin kommen von Schering, Gunnar Riemann sowie der künftige Produktions- und Personalchef Werner Bauer von Bayer.Wenige zweifeln daran, dass der Schotte aus Leverkusen die richtigen Charakter-Eigenschaften für die neue Rolle mitbringt, auch wenn er sich in der Öffentlichkeit bisher eher zurückgehalten hat. Mitarbeiter beschreiben ihn als lebendigen und kommunikativen Manager, als ?Typ großer Bruder?, der eine angenehme Art habe, seine Ziele durchzusetzen. Dass er sich mit der deutschen Sprache noch etwas schwer tut, sieht man ihm dabei offenbar gerne nach.Und auch die Tatsache, dass er bislang kein Altbier-Fan geworden ist, obwohl er mit seiner Frau und drei Kindern in der Düsseldorfer Altstadt lebt, dürfte seiner Karriere in Leverkusen wenig geschadet haben. Für seine Hobbys wird der begeisterte Läufer und Skifahrer künftig wohl noch weniger Zeit haben als bisher.Denn die Aufgabe bei Bayer Schering Pharma geht letztlich weit darüber hinaus, die versprochenen 700 Millionen Euro Synergien abzuliefern. Viel schwieriger wird es sein, die längerfristigen Wachstumsperspektiven bei dem neuen deutschen Pharma-Champion zu stärken.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Aufstieg möglichDie Forschungs-Pipeline betrachten viele Analysten als eher dünn, die Erfolgsaussichten der wichtigsten Neuentwicklungen als unsicher. Neben der Integration muss Higgins mithin auch Aufbauarbeit leisten, die Entwicklung vorantreiben und nach neuen Partnern und Lizenzen Ausschau halten.Ist er erfolgreich, dürfte sich mittelfristig bei Bayer vielleicht noch viel mehr verändern als der Anteil des Gesundheitsgeschäfts. Um einen möglichen Aufstieg in den Holding-Vorstand muss sich Higgins dann keine großen Gedanken mehr machen.
ARTHUR HIGGINS1956
Er wird am 6. März in Airdrie/Schottland geboren. Im schottischen Strathclyde macht er seinen Abschluss in Biochemie.
1978
Er startet in England bei Bristol-Myers. 1979 wechselt er zu Sandoz, 1984 zu Fisons und 1987 zu Abbott Laboratories in den USA und übernimmt Führungsaufgaben im In- und Ausland.
1998
Er wird President der Pharma-Sparte in Chicago. Higgins ist zusätzlich weltweit für die Pharmaforschung und -entwicklung zuständig.
2001
Er wird Chairman und Chief Executive Officer von Enzon Pharmazeuticals in Bridgewater/New Jersey.
2004
Er leitet ab 1. Juli das Health Care Executive Committee von Bayer. Anfang 2006 wird er Vorstandschef der Bayer Health Care AG.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.06.2006