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Turmhohe Erwartungen

Foto: Photocase.de
Noch vor einem Jahr hatten Kraftwerksbauer in Deutschland wenig zu tun, jetzt können sie sich vor Aufträgen kaum retten. Mehr als 50 Kraftwerke sind im Bau oder in Planung. Das schafft neue Jobs, sowohl bei den Herstellern als auch bei den Energieversorgern.
Schwindelfrei muss er schon sein. Wenn Guido Schöddert seinem Riesenkraftwerk einen Besuch abstattet, fährt er mit einem Lastenlift den gewölbten Schlot hinauf. Am First des mächtigen Kühlwasserturms angelangt, trennen ihn 180 Meter und ein paar Holzbohlen vom Erdboden. Hunderte bunt behelmter Arbeiter wuseln dort herum, betonieren Fundamente für die Generatoren, ziehen Stein für Stein die Leitzentrale hoch, verschieben gewaltige Erd- und Stahlmassen mit Kränen und Baggern. Schöddert ist Projektleiter in Grevenbroich-Neurath, wo Stromriese RWE mit fast 4.000 Arbeitern das größte Braunkohlekraftwerk der Welt hochzieht.

Immenser Nachholbedarf
Ab 2010 sollen die beiden Blöcke der "BoA 2/3" jährlich 2.100 Megawatt Strom liefern, genug für zehn Millionen Verbraucher. Über 50 Kraftwerke sind derzeit in Deutschland im Bau oder in Planung. Die dafür nötigen Milliarden haben die Energieversorger schon länger auf der hohen Kante liegen. Doch zu sehr schwankten die Rohstoffpreise, zu unklar war die Gesetzeslage, als dass sie sich an teure Kraftwerksneubauten gewagt hätten. Nun löst sich ein gewaltiger Investitionsstau.

Die besten Jobs von allen


Der Bund hat mit dem Energiewirtschaftsgesetz im Sommer Planungssicherheit geschaffen, die Rohstoffpreise sind halbwegs eingependelt. Mit Strom lässt sich wieder Geld verdienen. Das freut vor allem die Kraftwerksbauer: Ein Investitionsvolumen von rund 27,5 Milliarden Euro bis 2020 beschert ihnen prall gefüllte Auftragsbücher.

Wie das Eigenheim
RWE Power war eines der wenigen Unternehmen, das mitten in der Sauregurkenzeit ein Kraftwerk plante. Dazu versammelte der Stromkonzern das Who's who der Branche: Alstom liefert die Dampfturbinen, Siemens die Leittechnik, Strabag baut und baggert, Babcock Borsig (heute Hitachi Power Europe) gießt die Kessel. Millionenschwere Einzelaufträge stecken dahinter. Doch das Heft geben RWE und dessen Baumanager Schöddert nicht aus der Hand. Für ihn ist es auf jedem Baustellenrundgang ein tolles Gefühl: zu sehen, wie das eigenhändig entworfene Kraftwerk in die Wirklichkeit betoniert wird. "Das Bauwerk sehe ich wie mein eigenes Haus", sagt der 42-jährige Maschinenbau-Ingenieur

Beim Bau des "Erstlings" in Niederaußem war Schöddert der stellvertretende Projektleiter. Als dann der erste Block des Braunkohlekraftwerks mit optimierter Anlagentechnik ("BoA") Mitte 2002 Strom erzeugte, stieg Schöddert aus und übernahm den Bau der Doppelblockanlage im Nachbardorf Neurath. Nun baut RWE denselben Block in zweifacher Ausfertigung - und noch ein bisschen besser. Über 2,2 Milliarden Euro steckt RWE in Schödderts Häuschen, das als größtes und modernstes Braunkohlekraftwerk der Welt eher einer Luxusvilla gleichkommt

RWE setzt auf Braunkohle. Den Essenern gehört praktisch das größte zusammenhängende Braunkohlerevier Europas. In den benachbarten Tagebauen Hambach und Garzweiler baggert der Stromriese Tag und Nacht tonnenweise Braunkohle ab - Trockenfutter für derzeit fünf Kraftwerke, die rund um Grevenbroich liegen. Jede siebente bis achte Kilowattstunde Strom wird im rheinischen Braunkohlerevier erzeugt. So ist RWE im Unterschied zu den meisten Mitbewerbern weniger abhängig vom Erdgas. Das ist zwar energetisch wertvoller, muss aber überwiegend aus unsicheren Ländern und zu schwankenden Marktpreisen eingeführt werden. Atomstrom läuft aus, Steinkohle ist unwirtschaftlich und erneuerbare Energien stecken in den Kinderschuhen. "Braunkohle bleibt der wichtigste heimische Energieträger", sagt Schöddert

Mehr Kraft aus der Kohle
Umweltschützern sind Kohlekraftwerke freilich ein Dorn im Auge, weil sie jede Menge Kohlendioxid in die Luft pusten. Bei den Anlagen in Neurath setzen Schöddert und sein Team auf einen höheren Wirkungsgrad. Das schont die Umwelt und macht die Energieerzeugung effektiver. Die BoA-Anlage soll zum technologischen Vorbild werden: Von 820 Tonnen Braunkohle, die die Brenner stündlich fressen, sollen mehr als 43 Prozent in Energie umgesetzt werden. Der weltweit durchschnittliche Wirkungsgrad liegt zurzeit bei 30 Prozent.

Allerlei innovative Extras ermöglichen diese Effizienzsteigerung. Viele davon sind steuerungstechnische Neuerungen, die Jörg Gadinger integriert. Sein Brennstoffmanagement-System sorgt dafür, dass stets genauso viel Braunkohle in den Kessel geleitet wird, wie für die Energieversorgung erforderlich. Das erhöht die Effizienz und senkt auch den Schadstoffausstoß. "Für den Wirkungsgrad ist vor allem der Anlagenbau verantwortlich", gibt Gadinger zu, "aber mit kluger Leittechnik können wir das Optimale rausholen." Der 33-Jährige arbeitet als Verfahrenstechniker für Siemens Power Generation. Die Kraftwerksbauer des Elektronikkonzerns konzipieren und bauen die gesamte Leittechnik des Riesenkraftwerks am Niederrhein. "Wir arbeiten an Gehirn und Nervensystem dieser Anlage", erzählt Gadinger.

Kraftwerk-Tuning am Reissbrett
Noch allerdings ist nicht einmal das Leittechnikhaus auf der Baustelle Neurath fertig. Solange simuliert der Ingenieur die Steuerungsprozesse am PC in Erlangen. Frühestens in einem Jahr wird Gadinger an den Niederrhein umsiedeln, um die Montage vor Ort zu überwachen. Am größten Braunkohlekraftwerk der Welt mitbauen zu können, sei für ihn "eine Riesenherausforderung", sagt er. Damit meint Gadinger auch den Zeitplan. RWE sei ein "sehr anspruchsvoller Kunde" mit einem eng gesteckten Zeitplan. Da will jeder Arbeitsablauf gut geplant sein.

Die BoA 2/3 ist nicht das erste Kraftwerk, in dem Jörg Gadinger für Regelungstechnik und Blockführung verantwortlich ist. In Portugal hat er ein altes Ölkraftwerk auf Vordermann gebracht, in München zuletzt ein Heizkraftwerk modernisiert. Erstmals arbeitet er nun an einem Neubau mit.

Siemens Power macht rund 90 Prozent des Umsatzes im Ausland, profitiert aber trotzdem davon, dass jetzt in Deutschland wieder mehr Projekte anlaufen: Vier Großaufträge für neue Kraftwerke hat die Konzernsparte seit Mai 2005 allein in Deutschland an Land gezogen. Derzeit sucht Siemens Power über 400 Ingenieure für den Kraftwerksbau

Monteure auf Wanderschaft
"Früher waren wir fast die Einzigen, die gebaut haben", sagt RWE-Ingenieur Schöddert, "aber das hat sich jetzt schlagartig geändert." Der Bauboom bereitet ihm etwas Bauchschmerzen. Es lasse sich nie ausschließen, dass mal die eine oder andere Monteurkolonne ausfällt. "Wenn die woanders mehr verdienen, kommen die einfach nicht mehr", spricht Schöddert aus Erfahrung. RWE selbst hat da wenig Einfluss, zu viele Subunternehmer sind mit einzelnen Gewerken beauftragt und greifen ihrerseits auf Externe zurück. Falls Fachkräfte rar werden, könnte auch der Zeitplan auf der Baustelle Neurath aus den Fugen geraten.

Sobald die ersten Bagger rollen, hat ein Kraftwerksneubau zeitlich den Zenit schon überschritten. Vier Jahre Planung, vier Jahre Bauarbeiten, lautet die Faustformel für ein Projekt der Größenordnung Neurath. Heute kann Schöddert beobachten, wie sein Kraftwerk Tag für Tag ein Stückchen wächst.
Noch vor einem Jahr wälzte er Aktenberge am Schreibtisch in Essen, informierte Anwohner bei Bürgerversammlungen im Rheinland oder stellte Partnern das Projekt via Powerpoint-Folien vor. Der Papierkram zog sich über Jahre, ehe die Unterlagen bei den Behörden zur Genehmigung eingereicht werden konnten. "Die endgültige Bauentscheidung ist erst Ende 2005 gefallen", sagt Schöddert. Bis dahin waren noch einige teure Hürden zu überwinden

Hamster im Landtag
Da gab es zum Beispiel Einsprüche von Anwohnern und Umweltverbänden gegen das Projekt. Doch ein Braunkohlekraftwerk ist kein Flughafen. Zumindest nicht am Niederrhein, wo rund um Grevenbroich seit Jahrzehnten die Schlöte rauchen und Kraftwerke zur Landschaft gehören. "Die Zahl der Einsprüche hat sich in Grenzen gehalten", muss Schöddert zugeben

Und doch hat sich der Baubeginn um fast ein Jahr verzögert. Ein Feldhamster ist dem Bauherrn in die Quere gekommen. Einer, der es gar in den nordrhein-westfälischen Landtag schaffte. Umweltverbände vermuteten auf dem Baugelände eine Population des vom Aussterben bedrohten Feldhamsters. Um Tierschutz-Einsprüchen zuvorzukommen, legten sich Gutachter im RWE-Auftrag auf die Lauer. Sie fanden keine Hamster, wohl aber drei Winterbauten. Ob dies denn Grund genug für den Baustopp sei, diskutierten die Abgeordneten des Düsseldorfer Parlaments in einer munteren Sitzung Anfang 2005.

Guido Schöddert steht auf seinem Kühlturm und blickt auf die größte Baustelle Europas. "So ein Kraftwerksprojekt ist wie ein Dampfschiff", sagt er, "wenn es erst einmal losfährt, ist es nicht mehr aufzuhalten." Schon gar nicht von einem Feldhamster.

Florian Willershausen

Dieser Artikel ist erschienen am 26.01.2007